Zwischen Techno und Fleischerhaken

In ganz Jena wird Soziokultur verdrängt. In ganz Jena? Nein! In Jena-Nord versuchen sich drei Initiativen im alten Schlachthof an einem neuen Projekt. Kann es Insel und Co. ersetzen?

von Ariane Vosseler und Tim Große



Hier hat es sich ausgeschlachtet: Eingang und Sanitärtrakt der Soziokulturstätte. Foto: Tim Große

Alte Industrieflächen sind hip, aber auch, wenn sie einst voller toter Tiere waren? Schlachthöfe können von einer dunklen Aura umgeben sein, auch wenn sie verlassen sind. 2013 wurde der Schlachthof in Jena-Löbstedt vom Veterinäramt geschlossen, danach stand er einige Zeit leer. Seit gut einem Jahr nimmt dort der Kulturschlachthof immer mehr Form an. 2016 gab es auf den ehemaligen Schlachthof-Gelände erste Besichtigungen des Inhabers, der Stadt Jena, und einigen Akteuren. Obwohl der Platzmangel für Soziokultur auch damals schon ein Thema war, schien das Gelände nicht für jeden Verein geeignet zu sein. Die Lage im Gewerbegebiet schließt von vorn herein Wohnprojekte aus. Genauso waren die heruntergekommenen Gebäude eine Hürde. „Tatsächlich waren wir die letzten drei irren Vereine, die zugesagt haben“, sagt Juliane Döschner vom Verein Freiraum. Als rechtlicher Trägerverein, schloss Freiraum mit der Stadt Jena einen Erbrechtsvertrag, wodurch er 99 Jahre das Gelände des Kulturschlachthofes nutzen darf. Die Vereine Crossroads Jena und Freie Bühne Jena mieten sich dazu in die Gebäude ein. Bisher gab es Strom und Wasser höchstens über die Nachbarn, das soll sich demnächst ändern. Denn ohne Anschluss an das Versorgungsnetz seien auf Dauer keine großen Veranstaltungen möglich. Dafür starteten die Initiativen eine Crowdfunding-Kampagne, bei der man gegen Spenden auch kleine Kunstwerke oder Tee bekommen kann.

Juliane Döschner im Gespräch mit dem Akrützel. Foto: Tim Große

Nicht nur Partybude

Seit dem Vertragsschluss ist schon viel passiert. So sei etwa die Gebäudehülle mit Brandschutztüren und Fenstern ausgestattet worden, erklärt Döschner. Die 29-Jährige und das Team mit etwa 20 Mitgliedern, arbeitet Stück für Stück daran, den Schlachthof richtig benutzbar zu machen. Trotz allen Hürden fanden schon einige Events statt. Bisher aber vor allem im Sommer und dann auf dem Außengelände, da im inneren der Aufwand für die nötigen Sicherheitsstandards noch sehr hoch ist. Dabei betont Döschner: „Uns ist wichtig, dass es nicht nur eine Partybude ist, sondern auch Inhalte transportiert werden.“ Deswegen geht es bei den Open-Air-Veranstaltungen nicht nur um die Musik, sondern auch um aktuelle politische Diskussionen in Hip Hop und Techno. Daneben entsteht in einem Gebäude eine Rollsporthalle, die aber flexibel eingerichtet ist, damit auch andere Veranstaltungen darin stattfinden können. Diesen Sommer soll es auf dem gesamten Gelände auch eine Kunstausstellung geben.

Kein Vorzeigeort

Döschner erzählt, dass die Stadt seit der Übergabe sehr gut mit ihnen zusammengearbeitet hat und man nicht sagen kann, dass die Stadt sich nicht für Soziokultur einsetzt. Es gäbe einige Akteure, die sie aktiv unterstützen, aber auch solche die entgegenarbeiten. „Wir wollen diesen Leuten aber nicht als Vorzeigeort dienen, nach dem Motto: Schaut her, hier gibt es doch einen Ort für Soziokultur, ihr müsst nur was draus machen“, so die Politikwissenschaftlerin. Denn der Kulturschlachthof könne nicht alles auffangen, was in der Stadt an Räumen fehlt. Dennoch funktioniere die Zusammenarbeit zwischen soziokulturellen Zentren in Jena gut. Die Bewohner von Insel oder Wagenplatz aufzunehmen, sei aber zum Beispiel einfach aufgrund der Lage im Gewerbegebiet nicht möglich. Was die Aura der ehemaligen Fleischfabrik angeht, hat man sich laut Döschner mit der Immobilie arrangiert: „Es gab Teile in der Gruppe, die dafür waren ein schamanisches Ritual zu machen und das Gebäude zu reinigen, aber am Ende ist es ganz cool, dass wir den Ort durch unsere Umdeutung positiv besetzen können“.

Crowdfunding-Kampagne:
https://www.startnext.com/kulturschlachthof-jena

2 Antworten auf „Zwischen Techno und Fleischerhaken“

  1. Liebe Redakteure,
    der Kulturschlachthof befindet sich nicht in Jena-Löbstedt sondern im Ortsteil Jena-Nord. Dies ist deshalb nicht ganz unwichtig, da wir – also der Ortsteilrat Jena-Nord einschließlich mir als Ortsteilbürgermeister – die Errichtung nach Kräften unterstütz haben und auch weiterhin (im Rahmen unserer bescheidenen Möglichkeiten) unterstützen wollen.
    Viele Grüße,
    Christoph Vietze

    1. Akrützel sagt:

      Lieber Herr Vietze, vielen Dank für Ihre Anmerkung. Wir werden diesen Fehler umgehend richtigstellen. Mit einem lieben Gruß, Isabella vom Redaktionsteam Akrützel

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