OK in Tauchersprache

So unterschiedlich wird öffentlich mit dem Thema Abtreibung umgegangen: vom Schweigemarsch in Sachsen bis zum Gebärstreik im Theaterhaus Jena.

von Isabella Weigand

Das Zeichen zur Solidarisierung| Foto: Joachim Dette

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“, diese Worte des ersten Artikels des Grundgesetzes nutzen die christlichen Organisatoren des zehnten Marschs für das Leben, um den Frauen das Recht auf einen Abbruch der Schwangerschaft abzusprechen.

Mitte Mai ziehen dabei rund 500 Menschen schweigend durch Annaberg-Buchholz im Erzgebirge und halten Schilder nach oben, auf denen zu lesen ist: „Hilfe zum Leben, statt Hilfe zum Töten“ und „Keine Werbung für‘s Nein zum Leben“. Die Menge besteht aus jungen und älteren Menschen, Familien mit Kindern und Jugendlichen. Einer von ihnen meint, er sei dabei, weil seine Eltern ihn überzeugt hätten. Sofort wird er von einem der vielen Ordner ermahnt, still zu sein. Am Rande schaut ein junges Paar mit Kinderwagen zu, wie die Demonstration vorbeizieht. Die Mutter sagt: „Das finde ich gut, dass es so etwas gibt. Ich bin gegen Werbung fürs Töten.“ Auf die Nachfrage, welche Werbung damit eigentlich gemeint sei, weiß sie keine richtige Antwort, druckst herum und wird schließlich von Angehörigen herbeigerufen, sich dem Menschenzug anzuschließen.

Laute Entgegnung

Aus der Nähe ertönen auf einmal Sprechchöre, schrill und größtenteils mit hellen Stimmen. Eine Gegendemonstration mit ebenso vielen Teilnehmenden wird von der Polizei auf Abstand gehalten. Auf ihren Bannern steht „Leben schützen, Abtreibung legalisieren“ und sie rufen „Kinder oder keine, entscheide ich alleine.“ Dazu aufgerufen hatte das Bündnis Pro Choice aus Sachsen, das mittlerweile auch bundesweit aktiv ist. „Wir sehen das Recht auf Abtreibung als Menschenrecht und fordern die Abschaffung des Paragrafen 218“, sagt Johanna Müller, Pressesprecherin bei Pro Choice. Sie sehen nicht nur den so genannten Marsch für das Leben kritisch, sondern erklären, dass auch in Bayern regelmäßig Gehsteigberatungen vor Abtreibungskliniken und Abtreibungsberatungsstellen stattfinden würden. Mit Filmabenden und verschiedenen anderen Veranstaltungen wollen sie selbst informieren und rufen zu Solidarisierung auf.

Auch Werbung

Auf der Gegendemonstration zum Marsch des Lebens sind auch Studierende aus Leipzig, Würzburg und Jena dabei. Mitglieder des Frauen*streik Jena kamen als Teilnehmende nach Annaberg-Buchholz. „Der selbstbestimmte Umgang mit dem eigenen Körper gehört auch zu unseren Forderungen“, sagt Almuth Emmelmann. Der Streik für politische Mitbestimmung könnte eine neue Möglichkeit sein, um die Gesellschaft zu verändern. Denn in den letzten Jahren habe das Demonstrieren und Diskutieren allein nicht viel verbessert, meint sie.

Zur Vorbereitung auf den diesjährigen Frauentag entstand auch die Zusammenarbeit mit Theatermacherinnen am Theaterhaus Jena. Henrike Commichau und Mona Vojacek Koper setzen sich als #monike in ihrem Stück Damenwahl mit dem Thema Abtreibung auseinander. Sie haben ihr Stück ähnlich einem Werbespot gestaltet, einerseits aufklärend und andererseits unterhaltsam. „Wir wussten selbst am Anfang sehr wenig, haben viel recherchiert und vor allem auch die Situation von Kristina Hänel verfolgt“, sagt Commichau. „Wir finden, dass die derzeitige Gesetzeslage zur Abtreibung Frauen kriminalisiert. Aus diesem Grund treten wir in unserem Stück nach dem Motto No choice, no kids in eine Art Gebärstreik“, erzählt sie. Damit folgen sie einer Idee des antiken Dichters Aristophanes. In seiner Komödie Lysistrata treten die Frauen in einen Sex-Streik, um den Krieg der Spartaner und Athener zu beenden und haben damit Erfolg. Schaffen es #monike mit ihrem Streik, den Paragrafen 218 abzuschaffen? Für die beiden sei es entscheidend, dass sie als Theatermacherinnen darüber reden dürfen und müssen. Ihr Programm wurde bereits deutschlandweit von Hochschulen angefragt. Sie stehen außerdem in Kontakt zu Kristina Hänel, die sie für eine Gesprächsrunde in Jena gewinnen konnten.

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