Zum Titelthema: Begeisterung

Wenn die Demokratie vor dem Aus steht, dann nicht diejenige, die vor Jahrhunderten im alten Griechenland erfunden wurde. Ein ZEIT-Artikel fasziniert.

Von Marleen Borgert

Inzwischen beschäftigen sich Journalisten zuhauf mit einem Begriff. Er wurde im alten Athen erfunden und dient heute in abgewandelter Form diversen Staaten. Er ist außerdem in Gefahr. Im Januar schrieben Redakteure der ZEIT über genau diesen Begriff. Sie titelten: „Zur Wahl steht: die Demokratie.“

Jeder weitere Artikel zum Zusammenfall und Untergang ist frustrierend. Umso mehr schätze ich Redakteure, die konstruktiven Journalismus betreiben. In diesem Fall in Form einer uralten Idee und aktuellen Diskussionen.

Probleme heutiger Demokratien seien: Repräsentation, Populisten und Missionierung statt Gespräche. Nicht wegen dieser Analyse, sondern wegen einer Idee, die sie in einem kleinen grünen Land (wieder-)gefunden haben, war es ein mitreißender journalistischer Einstieg in ein Jahr, das so viele Chancen bietet, demokratische Systeme vor die Wand zu fahren.

Die Autoren reisen nach Irland. Dort wird Demokratie neu alt gedacht. Im alten Griechenland basierte die Demokratie auf Losen, nicht auf Wahl von Berufspolitikern. Deshalb tagen in Irland seit fünf Jahren jedes Jahr neue 99 Menschen, aus dem Volk gelost und ein repräsentatives Bild desselben. Aufgabe: Sich über vorgegebene Themen zu informieren und mit den anderen über diese zu diskutieren. Es sind solche von gesamtgesellschaftlicher Relevanz. Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten, verschiedenen Alters und unterschiedlicher Sexualität, unterschiedlich auch in ihren Meinungen, kommen zusammen. Oft wird gefragt, ob sie das könnten, so wichtige Entscheidungen treffen ohne Erfahrung.

Hier wählen die Autoren ihren Protagonisten: Einen Briefträger. Er wurde als Kind von einem Mann misshandelt. Sein ganzes Leben hielt er Homosexuelle für Vergewaltiger, diese Einstellung wurde nie revidiert. In der Bürgerversammlung sollte die Frage der Legalisierung der Homo-Ehe diskutiert werden. Ein Mann mit bunten Fingernägeln setzt sich neben ihn und trotz der Vorbehalte reichten sie sich die Hand, sprachen. Zum Ende der Sitzungen stimmte der Briefträger für die Legalisierung.

Die Autoren trieben mir die Tränen in die Augen. Es funktioniert noch! Aufeinander zugehen und Vorurteile durch Gespräche auflösen, statt nur verzweifelt gegen sie anzuschreiben. Doch noch Hoffnung für 2017.

Das Prinzip basiert nicht, anders als Volksabstimmungen, darauf, dass jeder abstimmen darf, ohne dass man weiß, ob derjenige sich überhaupt mit dem Thema befasst hat. Es wird sichergestellt, dass gegensätzliche Positionen gehört werden und sich über diese ausgetauscht wird. Die ausgelosten Menschen spüren die Verantwortung und nehmen sie ernst.

Die Demokratie bröckelt, doch ein Artikel wagt einen konstruktiven Start in ein neues Jahr. Vielleicht hatten die alten Griechen eine Zeit wie diese erahnt.

Foto: Public Domain