Apokalypse mit Lichteffekten

Es ist Radikales zu erwarten. Martin Crimp, eine Größe des „In-yer-face“-Theaters aus den 90er Jahren, ist gemeinhin für Tabulosigkeit und die Gefühlslosigkeit seiner Figuren bekannt. Beim Besuch der Vorstellung  von Im Haus/Im Tal im Theaterhaus wird man jedoch eher mit Künstlichkeit konfrontiert, als tatsächlich mit Radikalität.

Von Sophie Albrecht

Im Haus/Im Tal, ein Stück des britischen Dramatikers Martin Crimp, wird von Moritz Schöneberger zum ersten Mal überhaupt in deutscher Sprache im Theaterhaus inszeniert. Radikal ist lediglich die Zweiteilung der Inszenierung. In Im Haus wird das Portrait eines jungen Paares – Kathrina (Klara Pfeiffer) und Simon (Jan Hallmann) – in einer perfide verseuchten Beziehung der Postmoderne aufgezeichnet: In bruchstückhaften Szenen, in noch völlig zusammenhangslosen Fragmenten, abgedreht, gewollt, abstrus, wohl mit dem Ziel zu verstören.

Nach einstündigem dialogischem Spiel erfolgt ein radikaler Wechsel zu Im Tal; das Bühnenbild ist verwüstet und was folgt ist ein einziger langer Monolog einer androgynen, glatzköpfigen Person (Sophie Hutter), alleine in postapokalyptischem Szenario. Sie erzählt von Gott, der nackt war und eine Plastiktüte über dem Kopf trug. Was bleibt ist das Bild seines Altmännerarsches und seiner „weißbehaarten Eier“.

Das Bühnenbild an sich flüchtet gerade nach hinten. Weiß getünchte Baumstämme rahmen das Bild, geben Struktur, zerfallen aber im Fortlauf des Stückes, bis am Ende alles wahrhaft in Trümmern liegt.

Stimmungen im Spiel unterstützend wird viel mit Lichteffekten gearbeitet, was zunächst recht eindrücklich, letztendlich aber doch sehr gewollt wirkt. „Das Licht hier ist großartig. Wirklich gutes Licht.“, stellt sogar die Person aus Im Tal einmal fest. Das fällt auf und das zieht sich durch das gesamte Stück. Es ist auch mehr oder weniger das Einzige, das sich wirklich als Konstante ausmachen lässt: Eine Lichtstringenz.

Sie manifestiert sich im Einsatz von Kathrinas Stehlampe und dem Kühlschranklicht, der der Szenerie vielleicht einen geheimnisvollen, mindestens aber einen ästhetischen Anstrich gibt. Und es ist auch das Lichtmotiv, das, in Form von grausam alles ausblendenden Frontalscheinwerfern, einen mehr oder minder eleganten Schnitt von Im Haus zu Im Tal ermöglicht und die Basis bietetfür den Neuanfang im nun folgenden postapokalyptischen Szenario.

Die Tonuntermahlung allerdings – lobend erwähnt sei der musikalische Live-Einsatz, hier von Tim Helbig – mag nicht so recht zum Inhalt passen und sich auch nicht in Beziehung mit dem Dargestellten setzen lassen. Recht häufig scheint es, als versuche die Regie einfach ihrer ganzen tontechnischen Kapazität Raum zu geben.

So gewollt provozierend, wie alles wirkt, überrascht es kaum noch, dass die Schauspieler sich an einem gewissen Punkt ausziehen. Was versucht wird, ist offenbar das Publikum zu brüskieren, mag aber angesichts der verzweifelten Absichtlichkeit der Inszenierung nicht so recht funktionieren.

Hier wie dort mangelnde Überzeugungskraft. Die Dialoge sind von sich aus schon inhaltsentleert, es wird konsequent aneinander vorbeigeredet, tiefere Bedeutungen erschließen sich den Zuschauenden nicht. Auf einem Schemel sitzend stellt das Simon zu Beginn einmal ganz treffend fest: „Warum können wir nicht mal was sagen, das von Wichtigkeit ist?“
Die schauspielerische Darbietung zeichnet sich durchgehend durch große körperliche Präsenz der Spielenden aus. Sie ist expressiv und wild – auch wenn inhaltlich nicht ganz klar wird, was eigentlich versucht wird auszudrücken. Sie findet in bewegten Tanzszenen Ausdruck, in betrunkenem Torkeln oder in lethargischem Daddeln auf dem Smartphone. Irgendwie gelingt es ihr noch in Im Haus das Bild einer kranken Zweisamkeit zu malen, die im Dialog allein nicht vermittelt werden kann; vielleicht aber auch gar nicht vermittelt werden soll.

Auch der glatzköpfige Mensch in Im Tal zieht in seinen Bann und wird – obwohl in der schwierigen Aufgabe eines halbstündigen Monologes – niemals langweilig.

Der Zuschauer wird scheitern in dem Versuch sofort einen klaren Handlungsfaden zu entdecken. Er muss abwarten und tatsächlich fügen sich einzelne Bilder zum Schluss des ersten Teiles zu einer größeren Impression zusammen, die uns wohl einen Spiegel entgegenhalten und vergiftetes menschliches Miteinander in unserer heutigen Zeit aufzeigen soll. Worum es im Stück aber eigentlich geht – das wird auch hinterher nicht so ganz klar.

Zu guter Letzt: Kurzweiliges wird geboten, bühnenbildtechnisch schöne Ideen werden vorgestellt, schauspielerisch ist Spannendes dabei, allerdings sind auch keine Höhenflüge zu erwarten. Sicherlich hätte das Stück durch mehr Schlichtheit eingehender und wirkungsvoller inszeniert werden können, man muss dem Regisseur aber lassen, dass das vorliegende Werk gewiss auch seine Schwachstellen aufweist. Denn um es einmal mit den treffenden Worten des Deutschlandradio-Kultur-Podcasts auszudrücken: „Auch Crimp wird älter und seine Texte nicht besser.“

Foto: Theaterhaus Jena

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