Fotografie ist keine Selbstverständlichkeit. Auch wenn jeder heutzutage einfach das Smartphone aus der Tasche holt, ein Motiv wählt und klick, schon das nächste Foto gemacht hat, stecken dahinter 190 Jahre Forschung.

Von Charlotte Wolff

Blick aus dem Arbeitszimmer von Le Gras lautet der Titel des ersten Fotos. Der Franzose Joseph Nicéphore Niépce war der Fotograf. Das Foto hat eine Pionierstellung, da es das Erste ist, das dauerhaft fixiert werden konnte.Zu diesem Zeitpunkt mit dem doch nicht unerheblichen Aufwand einer achtstündigen Belichtungszeit. Niépces Name ist weitaus weniger bekannt, als der seines späteren Partners Louis Jacques Mandé Daguerre. Daguerre stieg erst knappe 30 Jahre nach Forschungsbeginn Niépces in die Entwicklungsforschung ein. Seine Daguerrotypie revolutionierte diese.

Am 19. August 1839 ist Daguerrre seine erste Aufnahme gelungen. Der französische Staat kaufte die Erfindung Daguerre und Niépces Sohn ab, um sie der Öffentlichkeit „zu schenken“. Die Menschen waren begeistert und ließen sich durch die Erfindung blenden. Die Faszination ließ vergessen, wie schädlich Jod- und Quecksilberdämpfe sind, welche zur Entwicklung notwendig waren. Iod sammelt sich im Körper und zerstört lebenswichtige Stoffe. Das Quecksilber greift das zentrale Nervensystem an. In schlecht belüfteten Räumen, damals die Regel, sind solche Vergiftungen unvermeidbar.

Auch die Porträtierten brauchten Ausdauer. Zwar dauerte die Belichtung keine acht Stunden mehr, doch hatte sie immer noch eine Länge, die es nötig machte, den Kopf in ein Schraubgestell zu schnallen, um die kleinste Verwackelung zu verhindern. Gesichter wurden zur Erhöhung des Kontrastes mit weißem Puder bestäubt und damit es hell genug war, sollte die Fotografie möglichst nah unter einem Glasdach gemacht werden. Die Hitze hier war extrem. Es ist erstaunlich, dass sich trotz dieser Mühen so viele Menschen fotografieren lassen wollten. Überall entstanden professionelle Ateliers.

In den vergangenen 177 Jahren entwickelte sich die Fotografie stetig weiter. William Henry Fox Talbot entwickelte in der Mitte des 19. Jahrhunderts das Negativ-Verfahren. Dieses Grundprinzip blieb auch bei veränderten Materialien bis zum Ende der Analogfotografie essentiell und machte die Vervielfältigung von Fotos möglich. Es folgte die Entwicklung des Plattenverfahrens, das die Qualität erheblich verbesserte. Nach der Entwicklung der fotografischen Trockenplatte durch Richard Leach Maddox erlebte die Reisefotografie den ersten Aufschwung, denn jetzt musste das Bild nicht unmittelbar nach dem Prozess entwickelt werden. Je einfacher die Fotografie wurde desto breiter wurde das Nutzungsspektrum.

Einen großen Fortschritt für die populärere Nutzung der Fotografie war die Entwicklung des Rollfilms durch George Eastman, Gründer von Kodak. Ab nun konnten mehrere Bilder hintereinander fotografiert werden. Um die Entwicklung musste sich auch keine Gedanken mehr gemacht werden, dafür gab es die Fremdentwicklung. Filme konnten zum Entwickeln abgegeben werden. Die Beliebtheit der Fotografie stieg weiter.

Die Entwicklung ging weiter. Kleinbildkameras kamen auf den Markt, die Farbfotografie entstand, bis es Ende des 20. Jahrhunderts zu einer neuen Revolution kam. Der Digitalfotografie.
Fotografieren ist keine Besonderheit mehr, jeder ist dazu in der Lage. Der Fotograf wird heute nicht mehr als Narr verlacht oder für einen Alchemisten gehalten. Auch Wissenschaftler muss man nicht mehr sein. Die Technik erlaubt es, darüber hinauszugehen. Der künstlerische Aspekt kann in den Vordergrund rücken.

Viele Künstler im 19. Jahrhundert sahen die aufkommende Fotografie als Gefahr für die Malerei. „ Von diesem Augenblick an ist die Kunst tot“, sagte der französische Maler Delaroche 1839. Dagegen steht das 1862 in Paris gefällte Urteil, das der Fotografie den Rang eines Kunstwerks, und daher schützenswerten geistigen Eigentums, zuerkennt. Bald schon nutzen viele Maler, darunter Rodin, Manet und Degas, die neue Technik zur  Gestaltung ihrer Werke. Heute ist die Fotografie in der Kunst nicht nur Mittel zum Zweck, sondern Kunst selbst.

„Es ist eine Glaubensfrage. Für mich ist Fotografie ein Ausdrucksmittel. Wenn Kunst auch eines ist, dann ist Fotografie Kunst“, sagt der Fotograf Michael von Aichberger.

Aber nicht nur in der Kunst, den sozialen Netzwerken oder auf Familienfeiern ist die Fotografie bedeutsam. Auch für den Journalismus ist sie inzwischen unerlässlich. Dass ein Artikel durch ein Bild aufgelockert wird, ist schön, klar. Aber würden wir denn einen Artikel ohne Bild überhaupt lesen? Vermutlich nicht. „Kein Mensch möchte ganzseitige Beiträge ohne Illustrationen sehen“, sagt Tino Zippel, Redakteur bei der TLZ in Jena. „Das Bild arbeitet als Blickfang. Der Leser sieht erst das Foto, dann die Überschrift und entscheidet jetzt , ob er den Artikel liest.“ „Zu DDR Zeiten hatten die Bilder im allgemeinen die Aufgabe noch mehr Informationen zu geben.“ sagt Zippel. Der Text sollte um das Foto ergänzt werden. Die Bilder waren kleiner, luden weniger dazu ein, sich mit ihnen auseinanderzusetzten. In den vergangenen rund 60 Jahren hat sich die Funktion etwas verändert. Heute erleichtern es uns die Fotos, den Text zu verstehen.

Die Fotografie begleitet uns durch den Alltag. Wir sehen sie morgens in der Zeitung, in den Straßen. Hinter allen steht die gleiche Geschichte. Hinter jedem Foto aber ein anderer Künstler.

Fotomontage: Susann Spangenberg