Freiraum ohne Grenzen

Der neue Campus auf dem Inselplatz rückt näher. Die Bewohner des Hauses am Inselplatz nehmen den baldigen Auszug mit Galgenhumor und verhökern ihre Einrichtung. Ein Bericht von einer etwas anderen Demonstration.

Von Charlotte Wolff

Der rote Teppich ist ausgerollt, Feuerwerk und Sekt stehen bereit. Gäste sind zahlreich erschienen, bunt und fantasievoll gekleidet tummeln sie sich vor dem Eingang.
Und, es ist kurz nach vier, da kommen die beiden, die Anlass des festlichen Empfanges sind.
Wer am 26. Mai am Inselplatz vorbeischlenderte, kam nicht umhin, einen bunten Menschenauflauf rund um das Wohnprojekt „Insel“ wahrzunehmen. Für eine Party ist ein Donnerstag­nachmittag allerdings eine eher ungünstige Zeit. Dafür lag sie mitten in der Arbeitszeit der beiden Vertreter der Abbe-Stiftung, die die Ehrengäste der Veranstaltung waren und die Aufgabe hatten, die Bausubstanz zu schätzen.
Nach langem Kampf nähert sich der Zeitpunkt, an dem das Haus und sein Leben dem geplanten neuen Campus-Inselplatz weichen müssen. Dieser Neubau ist für die Universität Jena sehr wichtig, sagt Holger Otto vom Dezernat für Liegenschaften. Der Bau „wird mit Blick auf Architektur und Funktionalität wesentlich die Wahrnehmung der Universität prägen.“ Die Streustandorte einiger Fakultäten können zusammengefasst werden, was die engere Zusammenarbeit von Forschung und Lehre ermöglicht. Davon profitieren natürlich auch die Studenten selbst. Dieser Gewinn für die Universität bedeutet jedoch gleichzeitig den Verlust des Zuhauses für die Bewohner der Insel, einer Wohngemeinschaft aus circa 20 Menschen. Leider ermöglicht gerade diese Ecke den Bau eines höheretagigen Gebäudes, das benötigte Fläche schafft sowie einen architektonischen Blickfang setzt. Also ist der Abriss des Wohnprojektes nicht zu umgehen.
So machen sich die Inselbewohner ans Werk einer Showversteigerung der Inselbestandteile. Denn manchmal ist es trotz trüber Aussichten leichter, mit einem Lachen statt mit einem Weinen nach vorne zu schauen. Zylinder auf dem Kopf, Spazierstock in der Hand, die Füße auf dem flauschig roten Teppich preist der Auktionator das erste Objekt an, „das Sofa der tausend Wahrheiten“. Nach erfolgreichem Verkauf geht es weiter. Eine historische vor Hummeln schützende Fensterlade findet gleich zwei Abnehmer und die Rhabarberpflanze holt sich die Essbare Stadt.
Letztes Objekt, oder besser Subjekt, ist ein Homo hippiensis, ein Inselbewohner. Sein Ersteigerer gibt alles, was er besitzt. Ein klarer Hinweis – billig ist die Insel nicht. Das Banner am Dach mit der Aufschrift „Insel bleibt unbezahlbar“ zerstreut letzte Zweifel. Dass das Land es sich trotzdem leisten kann, liegt an der Tatsache, dass sie das Gebäude und nicht das Wohnprojekt kauft. „Geld haben wir nicht, aber Herz und jede Menge Kraft. Jede Menge Leute, die Lust haben, die Welt schön zu machen“, sagen die Bewohner.
Doch die Flächenanforderungen der Universität benötigen die gesamte Inselplatz-Fläche. Diese ist ohnehin schon knapp bemessen, wie Otto sagt, schließlich will die Stadt neben den neuen Campus noch ein dringend benötigtes Parkhaus setzen. „Ein kommunikativer Ort des Austausches und des Miteinanders mit hoher Aufenthaltsqualität muss entstehen.“
Dieser Ausspruch entbehrt nicht einer gewissen Ironie, vergleicht man ihn mit der Inselbeschreibung als Marktplatz, wo ein persönlicher und kultureller Austausch stattfindet. Hier treffen von Studenten, Freigeistern über Wandergesellen bis hin zu Flüchtlingen alle aufeinander.
Die Option, das Haus am Leben zu lassen, war ein Teil von Prüfungen des Stadtrates, wie Stadtentwicklungsreferent Denis Peisker erklärt. Um die Abrisskosten kalkulieren zu können, fotografieren die Abbe-Vertreter relevante Stellen für das Thüringer Land.
„Die Bausubstanz im Keller knallt ganz schön“, stellt einer der beiden fest, als beim Abstieg in den Keller Luftballons, die die ganze Treppe bedecken, platzen und lärmen. Kleine Überraschungen, wie ein gelassen badender Hausbewohner, erwarten die Gäste in den einzelnen Etagen. Und so bleibt der Ton trotz ernster Lage stets scherzhaft.
Das Haus könnte noch Hundert Jahre stehen, mit einigen Modernisierungen. Aber dennoch sollte „kein Herzblut mehr reingesteckt werden“, rät die Stiftung.
Der Baubeginn ist planmäßig das zweite Halbjahr 2018 und auch wenn einzelne Halbjahresmietverträge wahrscheinlich verlängert werden, so müssen nun alle Anstrengungen der Hausbewohner darauf gesetzt werden, ein neues Haus zu finden. Genau das hat die Stadt dem Inselvolk in Aussicht gestellt. Daher steht die Hoffnung, dass dieser Ort, an dem nichts unmöglich scheint, an dem die Kultur gelebt wird, wo soziale, kulturelle, politische und ökologische Ideen diskutiert und umgesetzt werden, eine neue Heimat bekommt.
Denn der zukünftige Austausch auf dem Inselplatz wird sich wohl von Kultur in Richtung Wissenschaft verschieben.

Foto: Charlotte Wolff

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