Danz nah dran

Die Kolumne im Akrützel
Folge 4

von Sebastian Danz

Glaubt man der Bibel, verwirrte Gott vor langer Zeit die Sprache der Menschen, um die Fertigstellung des Turmes von Babel zu verhindern. Die Menschen wollten sich göttergleich in höchste Höhen aufschwingen und einen Turm bauen, dessen Spitze bis zum Himmel reicht. Gott stoppte das Großbauprojekt, indem er seine Schäfchen mit dem Fluch der Vielsprachigkeit belegte. Weil nun keiner mehr den anderen verstand, blieb der Turm ein Traum und die Menschen mussten weiter in der Horizontalen ihr irdisches Dasein fristen.

Gott muss vor kurzer Zeit wieder einen Abstecher zur Erde gemacht haben. Wenn ich mir anhöre, was manche meiner KommilitionInnen in Seminaren erzählen, fühle ich mich in beste babylonische Sprachverwirrungszeiten versetzt.

Es ist oft sehr anstrengend für mich, neunzig Minuten wissend nickend so zu tun, als könne ich den Fremdwortschwällen meiner MitstudentInnen Sinn abgewinnen. Sagt doch einfach mal vornehm statt distinguiert. Oder unbegründet statt unsubstantiiert. Euch wird keiner böse sein, wenn ihr nicht wie Lexika klingt. Außerdem fühle ich mich dann, wenn ich das nächste Mal im Seminar kurz die Augen schließe, vielleicht auch wieder wie ein junger Mensch an einer Uni und nicht wie bei Thomas Mann zum Kaffeetrinken.

Vor Kurzem war ich in einer Pornoausstellung in Berlin. Ich habe das Museum in der Erwartung betreten, dass man einer solchen Ausstellung problemlos folgen kann. Doch schon im Einleitungstext stolperte ich über den Begriff sex-positiver Feminismus. Was genau das ist, wurde nicht erklärt.

Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich zu dumm für Porno gefühlt. Nicht einmal ein Studium der Geisteswissenschaften scheint Vorbereitung genug zu sein für eine Ausstellung über Geschlechtsverkehr vor der Kamera.

Das gestelzte Gerede von AkademikerInnen und deren Ignoranz gegenüber Nicht-ExpertInnen auf ihren Fachgebieten bereitet mir wahrscheinlich deshalb gelegentlich Augenrollen, weil ich aus einer Arbeiterfamilie komme. Ich bin der erste und einzige Student in meiner Verwandtschaft. Wenn wir zu Hause über Rassismus diskutieren, führen Reflexionen über Postkolonialismus und Critical Whiteness Studies meinerseits zu nichts.

Akademischer Diskurs mag wichtig sein, um zum Beispiel Probleme von immer neuen Seiten zu betrachten. Doch was hilft dieser Diskurs, wenn ein Großteil der Gesellschaft dabei den Anschluss verliert? Wenn, wie ich es in Berlin erlebt habe, ein öffentlicher Ort wie ein Museum schon am Eingang den Durchschnittsbesucher überfordert?

Über das Motiv Gottes, die Sprache der Menschen zu verwirren, steht in der Bibel, dass er den Bau des Turmes von Babel verhindern wollte, da er fürchtete, den Menschen wäre danach nichts mehr unerreichbar. Wenn wir also alle irgendwann wieder die selbe Sprache sprächen, wäre das göttlich.


Zeichnung: Iliana Melcher

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