Proteste am Institut für Soziologie

HiWi Akrützel wp

Zeichnung: Martin Emberger

Damals war’s, in einer der ersten Prüfungswochen des letzten Wintersemesters. Für viele Erstsemesterstudenten der Soziologie stand jene Klausur auf dem Plan, bei der die Durchfallquote, 70 Prozent laut studentischen Tutoren, am höchsten ist: „Einführung in die soziologischen Theorien“.
Unüblich war bei dieser schriftlichen Prüfung des letzten Semesters nicht die Anzahl der Durchgefallenen, sondern die Abwesenheit von Hiwis, die Aufsicht halten sollten. Nur zwei von dreizehn angestellten Tutoren waren vor Ort – Dozenten und andere wissenschaftliche Mitarbeiter mussten übernehmen.

Stundenzettel statt Stechuhr

Der Grund für diesen „Streik“, der ganz ohne Demonstration und Pappschilder mit schlechten Reimen auskam, ist einleuchtend. Pro Semester bekommt eine Hilfskraft an der FSU im Bereich Soziologie als angehender Bachelor maximal 50 Stunden und als baldiger Masterabsolvent 43 Stunden pro Semester bezahlt. Thomas Möller, ein Student aus der Gruppe der „streikenden Hiwis“ der Soziologie findet: „Diese Zahlen sind vollkommen unrealistisch, alleine ein Tutor benötigt für Vor-, Nachbereitung, Tutorium und Klausuraufsicht mindestens 130 Stunden, wenn die Arbeitszeit auf den Anstellungszeitraum aufgerechnet wird.“ Ein Stundenzettel in Form einer Exceltabelle mit den geleisteten Stunden soll als Alternative die Stechuhr ersetzen.
Die Idee stammt von Professoren und Tutoren aus dem Fachbereich Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie. Die oft unregelmäßige Arbeitszeit soll damit innerhalb dieses Bereichs der Soziologie besser erfasst und abgerechnet werden können.
Dennoch sind die Anstellungsverträge der eigentliche Knackpunkt.

Kürzungen statt Verbesserungen

Generell existiert für alle studentischen Hilfskräfte an der Uni Jena der gleiche Arbeitsvertrag, mit vorgeschriebener Stundenzahl, die je nach Anstellung und Art der Aufgabe variiert. Doch genau in diesem Vertrag liegt auch die Krux, zumindest im Bereich Soziologie. Denn dort sind die Stunden eben nicht auf die benötigten 130 ausgelegt, die beispielsweise ein Tutor pro Semester mindestens leisten würde.
„Zudem wird im Zuge der Sparmaßnahmen an der Uni die Arbeitszeit einer studentischen Hilfskraft um zehn Stunden gekürzt“ bemerkt Prof. Klaus Dörre, Inhaber des Lehrstuhls für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie, auf der vergangenen Institutskonferenz (IK) am 17. April. Aktuell sind es 43 Stunden, die ein Tutor in der Soziologie bezahlt bekommt und die einheitlich festgelegt sind. Ähnlich dem Hiwi-Streik in Berlin, der 1986 einen Tarifvertrag für studentische Hilfskräfte hervorbrachte, fordern die Studenten der Soziologie in Jena unter anderem eine konkrete Ausweisung des Urlaubsanspruchs sowie der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall in den jeweiligen Arbeitsverträgen. Denn: „Eine studentische Hilfskraft wurde sogar, aufgrund der prekären Lage durch die aktuellen Verträge, nach dem Ausfall durch Krankheit aufgefordert, ihren erhaltenen Lohn an die Uni zurückzuzahlen“, bemerkt Thomas dazu. Grundlegend sind die streikenden Tutoren auch für eine Lohnerhöhung, wohl wissend jedoch, dass dies auf Universitäts- und Landesebene aufgrund des geringen Haushaltes nicht umsetzbar ist.

Warten statt Umsetzten

Auf der vorletzten Institutskonferenz am 06. Februar wurden die genannten Forderungen erstmals mit den Dozenten der verschiedenen Arbeitsbereiche der Soziologie besprochen. Die letzte IK im April 2013 brachte dann ein Infoblatt hervor, das in Zukunft zur Selbstinformation als Beilage zu Arbeitsverträgen enthalten sein soll. Hartmut Rosa, Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie, merkt dazu an: „Die Forderungen sind Rechte der Studenten, die als Hiwis arbeiten, da gibt es eigentlich nichts zu streiten.“ Und streng genommen haben die studentischen Hilfskräfte auch Anspruch darauf, aber die Klausel über den Urlaubsanspruch ist in einigen Hiwiverträgen nicht aufgeführt, da das Arbeitsverhältnis in einigen Fällen nicht länger als einen Monat dauert.
Auf dem Tag der Soziologie, der am 15. Mai 2013 stattfinden wird, sollen die Infoblätter mit Studenten und Dozenten erneut diskutiert werden. Die einzige Instanz, die sich der ganzen Angelegenheit entzieht, ist die Uni, denn die äußerte sich zum gesamten Sachverhalt nicht, erklärt Thomas. Das Ende vom Lied: Ob ein mehrseitiges Heft mit Hinweisen für mehr Bezahlung und Urlaubsanspruch die Arbeitsverhältnisse verbessern wird, ist weiterhin fraglich. Politische Mühlen mahlen eben langsam und Berlin bleibt demnach vorerst der einzige Studienort, wo studentische Hilfskräfte beim Antritt der Stelle zugleich einen tarifgebundenen Arbeitsvertrag unterzeichnen.

Philipp Franz