Armut und Obdachlosigkeit in Jena

Von Bernadette Mittermeier



Obdachlosigkeit
Foto: Daniel Hofmann

Berlin. Es ist Januar und eisig kalt. Ein Mann liegt auf der Straße neben einem Hauseingang. Auf die Frage, ob alles in Ordnung sei, kommt nur eine gemurmelte Antwort. Sein Atem riecht nach Alkohol, seine Kleidung so, als habe er sie seit Tagen nicht gewaschen. Ein hinzugerufener Polizist nimmt ihn mit, sein routiniertes Vorgehen lässt ahnen, dass das hier keine Seltenheit ist. Aus Großstädten kennt man solche Szenen, in Jena dagegen bekommt kaum jemand etwas von Armut mit.

44 Menschen sind zur Zeit beim Bürgeramt als obdachlos gemeldet. Ein Teil von ihnen wohnt im Heim am Steiger, für 1,30 Euro pro Nacht. „Die Bewohner machen hier alles selbst“, erklärt Ralf Kreißig, der Leiter des Heims. Jeder ist fürs Kochen und Putzen selbst verantwortlich. Die drei Mitarbeiter helfen nur mit, falls danach gefragt wird oder es wirklich bitter nötig ist. Das System scheint gut zu funktionieren, das Haus ist ordentlich und sauber. Probleme zwischen Mitarbeitern und Bewohnern gebe es nur selten, so Kreißig. Dagegen sei die Stimmung unter den Bewohnern oft angespannt, manchmal komme es zu Prügeleien. „Freundschaften gibt es nicht, dafür sind die Umstände zu schlecht“, erläutert Kreißig. Schließlich ist die Einrichtung kein Zuhause. Die offizielle Bezeichnung auf dem Schild neben der Eingangstür lautet „Übergangswohnheim für Obdachlose u. Nichtseßhafte“. Der Einrichtung des Hauses merkt man das an. Die Wände sind hell gestrichen aber schmucklos, in Küche und Waschraum steht nur das Allernötigste. Auch die Schlafzimmer mit je vier, sechs oder acht Schlafplätzen wirken unpersönlich. Die Doppelstockbetten erinnern an Aufenthalte in Schullandheimen, nur ein paar Stofftiere auf einem Bett oder ein Stapel Kleidung daneben verraten etwas über die Bewohner. Das Heim ist eindeutig nur als Zwischenstation auf dem Weg von der Obdachlosigkeit zum eigenen Zuhause gedacht. Doch für die meisten ist die Übergangslösung längst zum Dauerzustand geworden. „Das Thema eigene Wohnung trauen wir uns schon gar nicht mehr anzusprechen“, erzählt Kreißig. In Jena gibt es keinen Leerstand, Wohnraum ist knapp und teuer.

Wunschtraum eigene Wohnung

Wer viel Glück und Geduld hat, bekommt einen Platz in einem der Häuser des Vereins „Ein Dach für Alle“. Die Organisation bietet 72 Wohneinheiten zu verhältnismäßig günstigen Preisen an. 31 Quadratmeter kosten zum Beispiel höchstens 159 Euro Grundmiete. Geschäftsführerin Kerstin Schulz bezeichnet die Lage in Jena als „Notstand“. Täglich erreichen sie durchschnittlich drei Anrufe, so viele Wohnungen kann sie aber gerade mal über das ganze Jahr verteilt neu vermieten. Darum hilft der Verein im Rahmen des Projekts „Ambulant betreutes Wohnen“ Menschen, ihre Wohnung zu behalten. Denn wer einmal von seinem Vermieter rausgeworfen wurde, hat kaum noch eine Chance in Jena, wieder etwas zu finden. „Ein Vermieter, der 40 Bewerber hat, nimmt natürlich nicht den, der verschuldet ist und obendrein noch betrunken zur Besichtigung erscheint“, erklärt Schulz. Wer bei ihr eine Wohnung bekommt, ist meist so ein Fall: verschuldet, Alkoholiker, glücksspiel- oder drogenabhängig, manchmal auch alles zusammen.

Zurück ins soziale Leben

Das sind die Extremfälle. Doch es gibt auch eine andere Art von Menschen, die in soziale Not geraten sind: Susanne und Günter zum Beispiel. Die beiden verkaufen seit fünfzehn Jahren die Straßenzeitung Notausgang in Jena. Günter hat früher seinen kranken Vater gepflegt. Als er dann wieder ins Berufsleben einsteigen wollte, hieß es von der Arbeitsagentur, in seinem Alter seien seine Chancen gleich null. Das Verkaufen macht ihm sehr viel Spaß, erzählt er gut gelaunt, so hat er eine Beschäftigung und soziale Kontakte. Susanne ging es ähnlich, sie war verschuldet, seelische Probleme kamen dazu. Sie spricht leise und bedächtig, den Blick mehr auf ihre Hände gerichtet als auf ihr Gegenüber, aber als sie ein Gedicht vorträgt, wird ihre Stimme kräftiger und klarer. Zur Lyrik ist sie auch durch ihre Arbeit als Verkäuferin gekommen. „Ich bin viel selbstbewusster geworden“, erzählt sie. Inzwischen traut sie sich sogar Auftritte in Altersheimen zu. Die 52 Cent, die sie pro Ausgabe verdient, spendet sie unter anderem dahin.„Wir wollen mit unserer Zeitung Vorurteile abbauen. Was man nicht kennt, das verachtet man schnell“, sagt Redaktionsleiter Joachim Hennig. Das Thema Armut ist für Außenstehende schwer zugänglich, auch weil es sehr vielseitig ist. Die Welt, mit der Ralf Kreißig und Kerstin Schulz täglich konfrontiert sind, ist eine andere als die von Günter und Susanne. Und erst recht eine andere, als die eines Studenten. „In meinem Beruf kann man nicht erwarten, als Herr Doktor angesprochen zu werden“, meint Heimleiter Kreißig. Der Umgangston ist ruppiger und die öffentliche Anerkennung fehlt. Aber solange es Obdachlosigkeit gibt, ist seine Arbeit ebenso wichtig wie die eines Herrn Doktor in einem Krankenhaus.