Die Verlierer des Tages

Ein Gespräch über eine Studie und ihre Veröffentlichung




Innenminister Friedrich zu Marietta Slomka im „heute journal“: „Diese Studie ist nicht aus meinem Haus herausgegeben worden.“
Foto: Standbild, zdf heute journal, 1. März 2012

Ein Forscherteam arbeitete im Auftrag des Bundesinnenministeriums drei Jahre lang an der Studie „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“, die am Ende 762 Seiten umfasste. Das Boulevardblatt Bild bekam sie vorab und missbrauchte sie für eine tendenziöse Berichterstattung. Die Vermutung, dass das Ministerium die Studie an Bild weiterleitete, wurde erst nach unserem Interview mit Professor Wolfgang Frindte Gewissheit.
Als Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationspsychologie an der Friedrich-Schiller-Universität war er maßgeblich an der Studie beteiligt. Mit uns sprach er über die Ergebnisse, die Bestürzung im Team nach der Veröffentlichung und Medienwirkung.

Wir möchten mit Ihnen über Ihre Studie sprechen …
„Schock-Studie“.

Können Sie uns sagen, warum die Studie in Auftrag gegeben wurde?
Ich denke, das sind alles Folgen von 2001. Man suchte nach Ursachen für Terrorismus und meinte, sie an einer religiös-ethnischen Gruppe sehr abstrakt festmachen zu können.
In unserer Studie sollten aus einer psychologischen und soziologischen Perspektive Faktoren für Radikalisierungstendenzen untersucht werden.

Ist der Titel „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ dann nicht ein Euphemismus?
Diese Faktoren zu untersuchen scheint mir durchaus legitim, weil wir das außerhalb der muslimischen Gemeinschaft auch machen. Den ursprünglichen Ansatz haben wir schnell erweitert: Wie ist es um die Integrationsbemühungen und die Integrationsprozesse auf der Seite der Mehrheits- und der Minderheitsgesellschaft beschaffen? Deshalb dieser Titel.

Was sind die wichtigsten Ergebnisse Ihrer Studie?
Sowohl in den quantitativen als auch in den qualitativen Befunden und weitgehend unabhängig von der Stärke der Religiosität lehnen sie alle den Terrorismus ab.
Damit wehren sie sich auch gegen die Etikettierung. Und das ist das zweite wichtige Ergebnis: Die Vorwürfe durch die westliche Welt machen sie sehr traurig und wütend.
Bei der Frage der Integration ging es uns um die Identifikation. Da zeigte sich in den Gruppen der deutschen und nicht-deutschen Muslime eine hohe Integrationsbereitschaft – bei den deutschen Muslimen 78 Prozent.

Was spielt bei der Radikalisierung eine Rolle?
Wir haben psychologische Faktoren erhoben, um die Radikalisierungstendenzen zu messen: ablehnende Einstellung gegenüber dem Westen, starke fundamentalistische Orientierung, Bereitschaft auch ideologisch fundierte Gewalt anzuwenden, wenn sie sich vom Westen bedroht sehen, und negative Einstellung gegenüber Juden und Israel.
In den beiden muslimischen Gruppierungen zeigten sich zwei wesentliche Ursachen für Radikalisierung: autoritäre Einstellungen und ein hohes Maß an erlebter gruppenbezogener Diskriminierung.

Wie sieht diese Diskriminierung aus?
Sie beginnt schon mit der Verknüpfung von Gruppe und Religion. Diese interessiert aber nicht vordergründig, wenn es Probleme in der nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft gibt.
Diskriminierung zeigt sich aber auch in vielen Fällen an den jeweiligen regionalen Besonderheiten. Wir haben nach wie vor um die drei Prozent Menschen mit nicht-deutscher Staatsangehörigkeit in Thüringen. Trotzdem gibt es hier Regionen, das zeigt der Thüringen-Monitor, in denen die Leute der Meinung sind, man sollte den Muslimen die Zuwanderung verbieten.
Es ist nicht die Diskriminierung auf der interindividuellen Ebene, dass die Leute nicht im türkischen Restaurant essen oder dem Türken am Kebabstand böse entgegenkommen, sondern die abstrakte Diskriminierung.

Wie ging es nach der Fertigstellung der Studie weiter?
Der Bericht ist im Juli 2011 abgegeben worden. Die Arbeit mit der Agentur, die den Bericht drucken sollte, hat sich dann noch lange hingezogen.
Am 27. Februar dieses Jahres bekam ich plötzlich einen Anruf aus dem Innenministerium und es hieß, am 1. März werde veröffentlicht. Pressemitteilung und Pressekonferenz seien nicht geplant. Zwei Tage vor der geplanten Veröffentlichung bekam ich einen weiteren Anruf: Bild würde vorab über die Studie berichten.

Woher hatte das Boulevard-Blatt seine Informationen?
Das habe ich auch gefragt. Aus dem Ministerium hieß es nur: das wisse man auch nicht, mit dem Unterton „Kann das aus Ihrer Gruppe kommen?“ Das war natürlich Unsinn.

Was haben Sie da gedacht, als Sie gehört haben, dass die Bild …

Ich hab’ erst einmal gar nicht viel gedacht, außer: Na ja, irgendwie sickert so etwas durch.

Angst um Ihre Studie hatten Sie zu dem Zeitpunkt also noch nicht?
Nö. David Schiefer, ein Mitarbeiter aus Bremen, schrieb mir dann recht schnell: „Wir sind schon im Bild.“ Bild Online hatte von einer „Schock-Studie“ berichtet. Ein weiterer Mitarbeiter mailte: „Um Gottes Willen, das verstehe ich überhaupt nicht. Das haben wir den Muslimen nicht versprochen. Wir haben ihnen eine anonyme und kooperative Umgangsform mit den Ergebnissen versprochen.“
Mit der Pressestelle der Uni haben wir dann vereinbart, dass wir bis zum nächsten Tag nichts rausgeben. Herr Burchardt, der Uni-Pressesprecher, hat uns gecoacht und Mut gemacht. Dann habe ich zuerst mit der Islamischen Zeitung gesprochen, danach kamen die Süddeutsche, Spiegel Online, ZDF et cetera.
Wir hatten am 19. März eine Einladung zum Innenminister. Er hat sich da zumindest bei den Muslimen entschuldigt. Als wir ohne die Politiker zusammensaßen, meinten die Muslime, dass es gezielt passiert sei. Die Muslimverbände machten dem Innenminister zu dieser Zeit sehr starken Druck, ihnen die neuesten Erkenntnisse über den NSU mitzuteilen.

Einige Nachrichtenagenturen haben nur auf Grundlage des Bild-Artikels Meldungen herausgegeben.
Auch bei allen Parteien, ausgenommen die Linke, ist das der Fall gewesen. Sie haben sich nur auf den Artikel berufen und von einer „Scheißstudie“ gesprochen. Das hat mich in meiner Meinung bestärkt: Politik ist ein schmutziges Geschäft.

Es gab auch Vorwürfe, dass die Zusammenführung von Religion und Integration schon sehr fragwürdig sei.
Ich habe nicht verstanden, was die meinten und mache mir darüber auch keine großen Gedanken mehr. Es gab auch den Vorwurf, dass die Studie nicht repräsentativ sei. Dieser kam von Christian Pfeiffer aus Hannover (Kriminologe und ehemaliger Justizminister von NRW, Anm. d. R.), der dann – ich sag das jetzt einfach mal so – ein bisschen dämliche Interviews gegeben hat. Er war auch der Erste, der gesagt hat: „Die Stichprobe ist viel zu klein!“
Dazu muss man wissen: Erhebungen wie die Sonntagsfrage oder der Thüringen-Monitor beruhen auf ganz ähnlichen Stichprobengrößen.
Und repräsentativ konnte unsere Studie gar nicht sein, weil wir über die Muslime noch nicht genug Bescheid wissen. Das Statistische Bundesamt hat nur die soziodemographischen Daten der Nicht-Muslime, mit denen repräsentative Stichproben zusammengebastelt werden können. Wir hingegen ahnen lediglich, dass etwa 3,8 bis 4,2 Millionen Muslime in Deutschland leben.

Wie problematisch ist es denn überhaupt, von „den Muslimen“ zu sprechen?
Wir reden ja nicht von den Muslimen, sondern …

Das war auf den generellen Diskurs bezogen.
Das ist eine Diskussion, die auch auf der Seite der Muslime stattfindet. Das ist erst einmal gar nicht so problematisch, wenn an dieser abstrakten Bezeichnung nicht gleich die Etiketten dranhängen.

Fährt man dann nicht schnell vor die Wand, wenn man Mentalitätsunterschiede von Bayern und Friesen vergleicht? Es gibt ja auch kein kohärentes Christen-Bild.
Man kann nicht, da haben Sie vollkommen recht, von „den Muslimen“ reden, das haben wir auch immer wieder in der Studie deutlich gemacht. Und man kann auch nicht von „dem Islam“ sprechen. Natürlich haben wir uns auch von Islamexperten beraten lassen. Wir hatten vorher zum Beispiel einen Punkt in der Befragung, der da lautete: „Hältst du den Fastenmonat Ramadan ein?“ Darauf sagten uns die Muslime: „Das können Sie rausnehmen, das hat so einen Deckeneffekt. Da sagen alle Ja!“ Diese naive Vorstellung über den Islam und über die Muslime, die hatten wir zunächst also auch.
Das Andere, worauf Sie hinweisen, ist viel wichtiger. Dass die Mehrheitsgesellschaft diese abstrakten Formulierungen nutzt und sich damit ein Moslembild bastelt, das den Integrationsprozess erschwert. Und es ist schon ziemlich bedauerlich, wenn in dem Gespräch am 19. März der Innenminister völlig verwundert ist, dass es eine große Ablehnung der Muslime gibt, eine Islamophobie. Das könne er nicht verstehen. Das verstehen wir auch nicht. Aber dass er diese Ergebnisse nicht kennt, das hat mich verwundert.

Können Sie eine Verbindung zwischen medialer Berichterstattung und Umfrageergebnissen bezüglich Überfremdung herstellen?
Ja, ich denke, da gibt es so eine Dialektik, die sich wechselseitig aufschaukeln kann. Man kann nicht sagen, die Berichterstattung ist die Ursache für das Überfremdungserleben oder umgekehrt. Beides bedient sich wechselseitig hervorragend.

Halten Muslime die Berichterstattung in Deutschland für verzerrt?
Von uns befragte Muslime haben sich immer wieder stark über die Berichterstattung in den Medien beschwert. Wir können aber bei den Fernsehnachrichten keinen Unterschied zwischen den Öffentlich-Rechtlichen und den Privaten zeigen. Eher ist es so, dass in den deutschen Fernsehnachrichten versucht wird, ein ausgewogenes Bild – was die muslimische Minderheit und die nicht-muslimische Mehrheitsgesellschaft betrifft – zu zeichnen. Ausgewogen heißt: Die Muslime kommen zu Wort und werden nicht stigmatisiert.
Haben die Muslime in diesem Punkt eine Falschwahrnehmung? Nein, haben die natürlich nicht, das ist ja das typische Beispiel. Das heißt, wenn sie von „den Medien“ reden, meinen sie eben nicht nur das Fernsehen, sondern die deutschen Medien generell und den Boulevard ganz besonders.
Auffällig bei den deutschen Fernsehsendern ist jedoch, dass sie eher konfliktorientiert berichten. Außerdem gibt es – glaube ich – auch einen Konflikt zwischen den Journalisten selbst. Ich fand das Interview, das Marietta Slomka (Redakteurin beim ZDF, Anm. d. Red.) mit dem Innenminister gemacht hat, wirklich toll. Die Frau hat ihm klare Kante gezeigt, hat ihm Feuer gegeben.

Sie wurde daraufhin von Bild zur „Verliererin des Tages“ ernannt.
Genau. Das ist dann so die Retourkutsche. Ich denke, dass da die Grabenkämpfen zwischen den Journalisten stattfinden, um das, was wie berichtet wird.

Eigentlich tritt der Text dabei komplett zurück. Mit einem solchen Bild triggere ich eine ganz bestimmte Assoziation: Muslim, Islam, Islamismus, Terrorismus. Die jungen Leute aus meinem Team waren völlig fertig, nachdem sie das gesehen haben. Peter Holtz, da müssen Sie sich vorstellen, so ein Kerl Saxophon-Spieler, die Ruhe in Person, so eine Buddhafigur, der saß dann am Donnerstag hier und war so zusammengebrochen, dass ich dachte, jetzt fängt er gleich an zu weinen. Und das ging noch bis Freitag. Dann hat er für Spiegel Online eine sehr persönliche Stellungnahme geschrieben, und die ist auch bei den Muslimen rundherum sehr gut aufgenommen worden.

Wir haben an einen Steine werfenden Palästinenser gedacht.
Das sagte Peter Holtz dann auch, könnte aber genauso gut ein Autonomer sein. Könnte aber auch ein Rechtsextremer sein. Aber so funktioniert es eben nicht. Es funktioniert genauso, wie es Bild macht.
Aber diesem Blatt kann ich keinen Vorwurf machen, weil Bild so berichtet, wie Bild berichten will. Um diese angeblich 12 Millionen Leser zu erreichen, müssen sie das so machen, wie sie es machen.
Die entscheidende Frage ist aber, wie diese Information zu Bild gekommen ist. Es ist ja auch keine falsche Information gewesen, die Zahlen stimmten. Klaus Boehnke aus unserem Team ist der Meinung, dass das gezielt aus dem Ministerium herausgegeben worden ist. Ich bin nach wie vor der Meinung, der Innenminister ist einfach zu naiv. Für mich war das ein Anzeichen dafür, dass ihm keiner seiner Mitarbeiter über die Umfragen zur Islamfeindlichkeit eine Zuarbeit geleistet hat. Er muss ja nicht die dicken Dinger lesen. Er muss aber Leute haben, die ihn darüber informieren und die hat er nicht. Im Hintergrund verstehen es politische Kreise offenbar, das zu instrumentalisieren.

Wird das Innenministerium mit Ihrer Studie weiterarbeiten?
Wir haben uns wirklich große Mühe gegeben, in unserer Studie noch Handlungsempfehlungen zu formulieren. Und da sagt der Innenminister: Interessant, aber er teilt es nicht.




Ein junger Muslim in der gleichen Sendung: „Also ich bin integriert. Ich lebe im Ruhrpott, ich bin Dortmund-Fan, ich trinke Bier. Es geht mir gut.“
Foto: Standbild, zdf heute journal, 1. März 2012

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