Ein bisschen Krieg in Jena

Unique provoziert erneut mit fragwürdigem Interview

Von Sören Reimer

Vom Winde verweht: die 47. Ausgabe der Unique. Foto: jena.antifa.net

Bunte Papierschnipselchen säumen den Weg der Studenten zu ihren Vorlesungen an diesem tristen 7. Mai. Die Schnipselchen waren einmal die 47. Ausgabe der Hochschulzeitung Unique. Nun drücken sie den vorläufig letzten Höhepunkt einer Debatte aus, in der gegenseitige vermeintliche Gewaltaufrufe, Antisemitismusvorwürfe, das Einsammeln der umstrittenen Ausgabe, die Streichung von Fördermitteln und die Androhung von Rechtsmitteln die Instrumentarien des Streitenden sind. Dabei sieht sich die Unique Kritik und Angriffen von Seiten des Sturas, der JG Stadtmitte und einer Antifa-Gruppe, die sich „Initiative gegen jeden Antisemitismus“ (IGJA) nennt, ausgesetzt.

Entzündet hat sich der Konflikt wieder an einem Interview von Unique-Chefredakteur Fabian Köhler. Nachdem schon im Januar ein Gespräch mit einem Neonazi für Aufsehen gesorgt hatte (AKRÜTZEL berichtete) und viele Kritiker der Unique mangelnde Reflektion und journalistische Inkompetenz vorgeworfen hatten, geht es diesmal um ein Gespräch mit dem Hamas-nahen Journalisten Khalid Amayreh. Darin nennt Amayreh unter anderem den Zionismus eine „rassistische Bewegung“ und spricht Israel das Existenzrecht ab. Diese Aussagen blieben von Köhler unhinterfragt. Zwar geht er in einem begleitenden Kommentar auf die Verwendung von Nazi-Vergleichen als „Unarten der politischen Rhetorik“ ein, verweist aber auf die möglichen Motive hinter diesen Vergleichen, ohne dabei aber, gerade im Bezug auf den Gaza-Konflikt, ins Detail zu gehen.

Diesen Umgang mit dem Reizthema Nahost-Konflikt halten die Kritiker für vollkommen falsch. „Die Unique räumt antisemitischen Äußerungen und einseitigen Schuldzuweisungen Platz ein“, erläutert Lothar König von der JG Stadtmitte. Es fehle eine Einbettung in den Kontext. „Das, was die Unique macht, reicht nicht. Es scheint nach dem Nazi-Interview keine Reflektion stattgefunden zu haben“. So sieht es auch Sven, der in Wirklichkeit anders heißt, von der IGJA: „Die Unique druckt – wie schon beim vorherigen Eklat – unreflektiert Propaganda ab, wie sie etwa auf NPD-Flyern oder entsprechenden Internetseiten steht.“ Mit aufgeklärtem Journalismus habe dies nichts mehr zu tun. Auch in einem von der IGJA auf dem linken Nachrichtenportal Indymedia am 30. April veröffentlichten Artikel („Warum die Unique nur Scheiße ist“) bezichtig man die Unique „im Sicherungsnetz der ‚Interkulturalität […] rassistische und kryptoantisemitische Hetze [zu] betreiben […], ohne vor den naiven studentischen Adressaten das Gesicht zu verlieren.“ Daher beschloss die Gruppe Konsequenzen zu ziehen und rief zum Einsammeln der Unique auf. Unter dem Motto „Aus Scheiße Club-Mate machen“ konnten Ausgaben der Zeitung im Info-Café im Schillergässchen gegen Erfrischungsgetränke eingetauscht werden. Wenig später solidarisierte sich kurzzeitig auch die JG Stadtmitte mit der Aktion. Laut Angaben auf den Internetseiten von JG und Jenaer Antifa wurden mehr als 600 Exemplare eingesammelt, bei einer Gesamtauflage von 4.000 Stück.

Man war sich bei IGJA und JG einig, dass die Aktion nicht allen gefallen würde. „Wir mischen uns bewusst in die Pressefreiheit ein, indem wir die Zeitungen einsammeln“, erläutert König, „das müssen wir auf unseren Schultern tragen.“ Es sei aber notwendig, um Öffentlichkeit zu erzeugen und eine Diskussion über die antisemitischen Inhalte in Gang zu setzen. Für Sven ist eine Auseinandersetzung auf anderer Ebene kaum möglich, da eine Debatte mit der Redaktion offensichtlich unmöglich sei. „Wir kontern den plumpen Populismus der Unique mit einer polarisierenden Form, die auf das Problem des Antisemitismus in aller Deutlichkeit hinweisen soll.“

Die Redaktion drohte daraufhin mit Rechtsmitteln und schickte, so der Unique-Chefredakteur, schließlich einen Anwalt zum Gespräch mit König und der JG. Offensichtlich mit Erfolg, denn die Redaktion erhielt circa 150 Exemplare zurück und die JG distanzierte sich von ihrem Aufruf. Köhler hält nicht nur die Aktion für illegal, sondern wehrt sich auch gegen die Kritik der mangelnden Reflektion und Kontextualisierung. Er vertraue auf das Geschichtsverständnis der Leser: „Ich habe so viel Vertrauen in die Jenaer Studenten, dass jeder mit ein wenig Geschichtsverständnis einzuschätzen weiß, dass Gaza nicht mit dem Warschauer Ghetto gleichzusetzen ist. Letztlich schadet sich Khalid Amayreh mit seiner Rhetorik vor allem selbst und deshalb haben wir uns bewusst dafür entschieden, sie nicht zu verfälschen.“ Mit der Reihe über den Nahost-Konflikt wolle die Unique „individuelle Weltsichten“ darstellen, ohne jemandem dabei eine Interpretation dieser Ansichten und des Gaza-Konflikts aufzuzwingen.

Mit diesem Argument gibt sich Sven nicht zufrieden. „Die Unique stellt damit einen sehr hohen Anspruch an ihre Leser und verschleiert den unaufgeklärten Journalismus, den sie betreibt. Das Motiv scheint eher geheuchelt.“ Überhaupt bleibe, so Sven, ein „fader Beigeschmack“, nicht nur, weil die Redaktion diesen Artikel offensichtlich mittrage, sondern auch wegen des Chefredakteurs selbst. „Es ist fraglich, ob Köhler überhaupt ein Interesse an einer ausgewogenen Berichterstattung hat.“ Der IGJA-Aktivist begründet dies durch Köhlers Engagement im „International Solidarity Movement“, einer pro-palästinensischen Nichtregierungsorganisation, deren deutsche Internetseite auf seinen Namen laufe. Die Darstellung des Nahost-Konflikts sei zu einseitig. Zudem verweist Sven auf ein Interview Köhlers mit der Internetseite „Muslim Markt“, der Nähe zur iranischen Regierung nachgesagt wird. In dem oben erwähnten Indymedia-Artikel wird auch deutlich von einer Hamas-Neigung Köhlers gesprochen.

Köhler weist diesen Vorwurf zurück und teilt selbst aus: „Diese angeblichen Antifaschisten definieren sich über ein Anti, d.h., über ein Feindbild statt über eigene Argumente. Scheinbar war das Braune Haus zu weit weg oder man traut sich nicht mehr hin, jetzt sind wir halt dran. Dass nun auch Teile der Antifa zum Kampf gegen uns aufrufen, zeigt, wie sehr sie sich von ihren eigentlich linken Positionen entfernt haben.“ Zudem wirft er der IGJA vor, indirekt zur Gewalt aufzurufen, so heißt es auf der Antifa-Seite unter anderem: „… ich bevorzuge Baseballschläger.“

Doch Ärger hat die Unique nicht nur mit IGJA und JG Stadtmitte, sondern auch mit dem Stura der FSU, der als einer der Träger der Zeitschrift fungiert. Auf seiner Sitzung am 28. April beschloss das Gremium bei nur wenigen Gegenstimmen und Enthaltungen die Förderung von 1.000 Euro pro Ausgabe auf 500 Euro zu verringern. Auch hier hielt man die Darstellung für zu einseitig und vermisste den kritischen Umgang mit den Aussagen von Amayreh, erklärt Stura-Vorstand Julia Langhammer. „Für die Relativierung des Holocaust und die Propaganda terroristischer Organisationen ist in Studierendenmedien kein Platz. Die Unique betreibt wieder einmal unseriösen Journalismus. Wir denken, dass die Studentenschaft so etwas nicht weiter in dieser Höhe fördern sollte.“ Und so beschloss der Stura die Kürzung, allerdings alleine und ohne Diskussion mit der betroffenen Redaktion. Kurzfristig, so verlautet es aus Stura-Kreisen, sei der Punkt per Eilantrag auf die Tagesordnung gesetzt worden. Man hätte zwar versucht, die Unique zu erreichen, das sei aber erfolglos verlaufen. Köhler moniert dieses Vorgehen und beklagt, dass kein Raum zur Stellungnahme geboten wurde und weder Beschluss noch Protokoll der Zeitung bekannt gemacht wurden. Diese Erkenntnis scheint einige Tage später auch im Stura angekommen zu sein. Die Entscheidung sei spontan aus der Situation heraus getroffen worden, erklärt Langhammer, und lasse sich nur mit den gravierenden antisemitischen Aussagen erklären. „In der Sache war die Entscheidung richtig, das Verfahren nicht hundertprozentig. Das war etwas hoppla hopp und nicht so transparent und demokratisch wie möglich.“ Auf Betreiben der Unique sollte nun auf der letzten Stura-Sitzung am 12. Mai (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) über Interview und Beschluss ausführlich diskutiert werden.


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