Premiere von „Anatomie“ im Theaterhaus

Von Sabine Bandemer

Operation gelungen: Patient dünn.                                                         Foto: Joachim Dette

Im 16. Jahrhundert entwickelte ein Chirurg namens Gasparo Tagliacozzi eine Methode, mit der bei an Syphilis Erkrankten die unschöne Begleiterscheinung der Knorpelrückbildung im Gesicht therapiert werden konnte. Ein Lappen Haut vom Arm diente als Ersatzmaterial für diese Schönheitsoperation der ersten Generation, die große Beliebtheit unter den Leidenden genoss. Nicht erst seit heute wird Wert auf ein perfektes Äußeres gelegt. Was möglich ist, wurde und wird unternommen. Dabei geht es längst nicht mehr um die Beseitigung von Hässlichkeiten. Heute ist das Schöne Standard und das Schönste üblich.
In „Anatomie“, das am vergangenen Donnerstag im Theaterhaus Premiere hatte, wird Victor Hugos Quasimodo (Gunnar Titzmann) zum schönen Menschen gemacht. Der geniale Dr. Tagliacozzi (Ralph Jung) entfernt die Warze über dem Auge, saugt den Höcker ab, bricht die Oberschenkelknochen, letzteres zur Begradigung der Gliedmaßen unvermeidlich. Frisch aus dem Wundverband gepellt und zudem mit einer schönen Seele ausgestattet, wird Quasimodo in die Welt entlassen. Er merkt jedoch schnell, dass er bei Botox-Party, Rendezvous und Vorstellungsgespräch noch immer nicht den optischen Erwartungen entspricht. Er hat nach wie vor Makel, die nicht erlaubt sind in Zeiten, in denen die moderne ästhetisch-plastische Chirurgie keine Grenzen zu kennen scheint.
Der Doktor sieht sich als Erlöser, der das „Misslungene in der Schöpfung Gottes“ zum Guten wenden kann. Wo Leib ist, soll Körper werden, steht auf seinen Fahnen. Das Unästhetische an uns kann auf einfache Weise retuschiert werden. So erfüllt er in seiner Praxis tagtäglich Menschen ihre Wünsche nach einem größeren Busen, volleren Lippen und Faltenlosigkeit. Doch sein wahres Ziel ist ein anderes. Er möchte verschönern, um der Ästhetik willen, doch er sträubt sich gegen das von den Medien diktierte Schönheitsideal. Vielmehr geht es ihm darum, das Äußere eines Menschen mit der individuellen Seele in Einklang zu bringen.
So befreit Dr. Tagliacozzi den Glöckner nicht nur vom Buckeldasein, sondern perfektioniert ihn bis ins letzte Detail. Quasimodos schön gemachter Körper wird seine schöne Seele zum Vorschein bringen, so des Chirurgens Idee. Ob das Konzept aufgeht, bleibt umstritten: Am Ende ist er so schön, dass niemand mehr seine Seele erkennen kann. Sein wunderbares Innere, so „tief, reich und verwinkelt, wie die Kathedrale, in der er aufgewachsen ist“, wie Tagliacozzi es philosophisch beschreibt, bleibt leider unbemerkt.
„Anatomie“ wirft unterhaltsam die Frage auf, ob wir eine schöne Seele noch erkennen können, trotz des allgegenwärtigen Fokus auf Äußerlichkeiten. Es wird deutlich, dass in unserer medialen Welt, gefüllt von lächelnden Angelinas und Brads, die wahre Schönheit, die im Inneren eines jeden Menschen steckt, mehr und mehr an Wert verliert.
Der Regisseurin Bettina Bruinier ist eine Inszenierung gelungen, die witzig und intelligent anregt, das herrschende Schönheitsideal zu überdenken. Das begeisterte Publikum dürfte motiviert worden sein, Prioritäten neu oder anders zu setzen und sich mit dem eigenen Ich anzufreunden – oder mit ihm noch mehr Freund zu werden – so wie es ist.
In Japan gilt eine greise Frau übrigens als das wahrhaft Schöne. So ist nicht verwunderlich, dass zumindest Quasimodo am Ende des Stückes einer alten Japanerin hinterherläuft. Schwebend, von Sinnen, fasziniert von ihrer Schönheit.