Die Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar ist immer häufiger mit rechten Provokationen und respektlosem Verhalten konfrontiert – besonders bei Schulklassen wird das Problem größer. Warum ist das so?
Text von Dario Holz
Fotos von David Boué und Iulian Thomas
Auf dem Ettersberg über Weimar ist es kalt für einen Sommertag, es regnet. Eine Schulklasse möchte sich die Arrestzellen anschauen, sie müssen warten, im schmalen Gang ist bereits eine andere Gruppe. Sie stellen sich vor dem Wetter schützend unter das Torgebäude, nur der “Jedem das Seine”-Schriftzug am metallenen Gitter trennt sie vor dem Lagerbereich des ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald. Sie sind eine von tausenden Schulklassen, die das Gelände jedes Jahr besuchen und einen Großteil der Besucher:innen ausmachen.
Doch nicht alle von ihnen verhalten sich dem Ort angemessen, an dem die Nazis über 200.000 Menschen in unwürdigen Zuständen inhaftierten und zur Arbeit zwangen. Manche dieser Fälle kann man als jugendliche Gleichgültigkeit oder schlechthin Desinteresse abtun: Wenn Schüler:innen bei Führungen lieber aufs Handy schauen, als zuzuhören oder in der alten Häftlingskantine ihr Mittagessen auspacken. Andere Fälle hingegen zeigen, dass sich grundlegend etwas verändert hat.
Jugendliche, die auf dem Appellplatz stehen und den Hitlergruß zeigen; die sich in szenetypischer Kleidung vor einer Baracke mit Whitepower-Geste fotografieren; oder in die Verbrennungsöfen des Krematoriums klettern, um ein Selfie zu machen. Viele dieser Bilder landen nicht nur in privaten WhatsApp-Chats, sondern auch ganz öffentlich auf Instagram.
Aber auch das Personal, welches Schulklassen durch die Gedenkstätte führt, bekommt den Rechtsruck zu spüren. Immer mehr Schüler:innen zweifeln das Erzählte an, nennen es Propaganda, oder versuchen, die Gruppenführer mit Propaganda-Erzählungen bewusst zu provozieren.
Rechtes Gedankengut wird Standard
Dass die Gedenkstätte mit rechtem Gedankengut konfrontiert wird, ist nichts Neues: Auch andere Konzentrationslager sind schon immer ein beliebtes Pilgerziel der rechtsextremen Szene gewesen. In den Baseballschlägerjahren besuchten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt Buchenwald, trugen sich sogar ins Gästebuch ein – nur kurze Zeit später ermordeten sie als Kern des Nationalsozialistischen Untergrunds neun Migrant:innen und eine Polizistin.
Auch Vandalismus und Sachbeschädigung gehören seit vielen Jahren zum Alltag in der Gedenkstätte. Wirklich neu ist allerdings, dass solche und ähnliche Fälle immer häufiger von Jugendlichen ausgehen.
Für Jens-Christian Wagner ist das ein Symptom des gesellschaftlichen Rechtsrucks. Er leitet die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora und ist außerdem Professor für Geschichte an der Universität Jena. „In etlichen Schulklassen ist rechtes Denken hegemonial geworden“, sagt er mit Blick auf die Entwicklung der letzten Jahre. Progressives Denken sei in vielen Klassen mittlerweile in der Minderheit.

Dabei spiele das Internet eine zentrale Rolle: Hier würden Jugendliche immer mehr mit Geschichtsrevisionismus und Desinformationen konfrontiert werden, die sie nicht als solche erkennen. Auch rechtes Gedankengut verbreite sich durch die sozialen Medien heute viel schneller und findet besonders bei Jugendlichen Anklang.
Die Schulen, die früher versuchten, ein demokratisches Geschichtsbild zu vermitteln, können dieser Aufgabe bei dem massiven Unterrichtsausfall in vielen Bundesländern nicht mehr gerecht werden – auch fehlt es oft noch an Konzepten, um Medienkompetenz zu vermitteln. Doch das Lehrpersonal selbst kann zum Problem werden, auch hier sei rechtes Gedankengut normaler geworden, so Wagner.
Besonders in den ländlichen Regionen wie Ostthüringen ist das eine zunehmende Gefahr, die dazu führt, dass manche Demokratiebildungsprojekte dort überhaupt nicht mehr stattfinden. Sowohl Lehrer:innen als auch Schüler:innen zeigen oft schlicht kein Interesse daran oder reagieren mit Abneigung bis hin zu Anfeindungen.
Daraus resultiert, dass viele Schulklassen schlecht vorbereitet die Gedenkstätte besuchen und das Lehrpersonal vor Ort dann „kompensieren muss, was im Unterricht nicht gemacht wird“, so Wagner.
Überlastung
Doch die Gedenkstätte ist zunehmend weniger in der Lage, dieser Aufgabe nachzukommen. Denn trotz des immer größer werdenden zeitlichen Abstands zu der Zeit des Nationalsozialismus steigt das Interesse an der Gedenkstätte – allerdings in einer Geschwindigkeit, bei der die Verwaltung nicht mehr hinterherkommt. „Wir sind de facto überfüllt“, so Wagner. Schulgruppen müssen mittlerweile drei Jahre im Voraus ihren Besuch anmelden, es fehlt an Schulungs- und Seminarräumen sowie Bildungsreferent:innen. Deshalb kann schon lange nicht mehr jede Klasse durch die Gedenkstätte betreut werden, rund ein Drittel der Schulen besuchen Buchenwald ohne Führung oder andere Bildungsangebote vor Ort. Zwar gibt es kostenfreies Schulungsmaterial und Weiterbildungen für Lehrkräfte, die bei einem selbstständigen Besuch im KZ helfen sollen, dieses Angebot werde aber nur bedingt genutzt.
Manche Klassen sind aber nicht nur ohne geschulte Bildungsreferent:innen in Buchenwald, sondern gänzlich ohne Beaufsichtigung: „Es gibt Lehrer, die sich ins Café setzen und ihre Schülerinnen und Schüler allein losschicken“, sagt Wagner.
Aber auch auf dem Gelände selbst führt die hohe Besucher:innendichte zu logistischen Problemen und langen Wartezeiten. „Wenn Schülerinnen und Schüler dreißig Minuten warten müssen, kann man sich vorstellen, dass sie sich nicht angemessen verhalten“.
Der wachsende Andrang auf die Gedenkstätte und die zunehmend mangelnde Betreuung der Gruppen sei auch ein Grund dafür, dass sich Jugendliche immer respektloser verhalten.

Geldmangel
Die Gedenkstätte braucht dringend mehr Personal und Räume, so Wagner, um alle Besuchenden gut betreuen zu können. Dafür habe man bereits ein neues Besucherzentrum geplant, rund zehn Millionen Euro würde dieses kosten. Aber das Geld dafür, ebenso für neue Mitarbeitenden, fehlt. Die finanzielle Förderung Buchenwalds wird in Thüringen immer wieder von Rechts kritisiert; AfD-Landessprecher Stephan Möller kündigte bereits mehrfach an, der Gedenkstätte den Geldhahn zuzudrehen. Dann wäre nicht nur der Traum vom Besucherzentrum geplatzt, sondern die ganze Gedenkstätte vielleicht Vergangenheit. Kurzfristig setzt man daher auf andere Lösungen, um mit den wachsenden Problemen umzugehen: Seit einigen Monaten gibt es ein Präventionsteam, das wachend über das Gelände läuft, ermahnt und im Zweifel einschreiten kann. Auch gehe man konsequent jedem Missverhalten nach und stelle Strafanzeigen.
Trotz der vielen Herausforderungen gibt es Dinge, die Wagner zuversichtlich stimmen. Die meisten Besucher:innen verhalten sich respektvoll; Schüler:innen organisieren eigene Gedenkveranstaltungen auf dem Ettersberg oder fühlen sich nach einem Besuch gestärkt, selbst etwas dafür zu tun, das sich Buchenwald nicht wiederholt. Und es lohnt sich, um jede:n Einzelne:n zu kämpfen, so Wagner.
Der Text erschien im Akrützel 461.

