Es ist mein erster Sommer in Jena. Deshalb habe ich Frieta bis vor Kurzem für eine neue Sorte Pommes bei Fritz Mitte gehalten. Warum hat mich niemand vorgewarnt, dass diese Fete die Uni in Atem hält?
Text und Illustration von Antonia Braun
Freitag 10:07
Ich bahne mir einen Weg durch die Gerüste und Banner, die dem Ernst-Abbe-Campus eine Festivalatmosphäre verleihen. Das Semester ist quasi um und alle Studis denken nur noch an Party. Leider sind nicht alle von den vibes angesteckt. „Das ist unglaublich“, grummelt ein Herr und schiebt seinen Drahtesel von den Fahrradständern weg, die heute gesperrt sind. Selbst wer nicht mitfeiert, kommt an der Frieta nicht vorbei. Die „schillerndste Party Jenas“ verleibt sich den Campus seit Tagen ein. Wie fatal wäre es, das zu verpassen?
22:13 Doing Schlangestehen
Lederner Minirock, Adidasjacke oder Leinenhose. In der Schlange beim Einlass reihen sich diverse Menschen ein, verbunden durch die Ticketsuche. „Alle meine Jungs haben Ticket, nur ich nicht, ich hab’s verpennt“, gesteht einer kleinlaut. Ein Blick aufs Handy zeigt, dass auch digital verzweifelt nach Eintrittskarten gelechzt wird. „Hat noch jemand eine Frieta Karte auf schnell“, schreibt jemand in die Erstigruppe.
„It’s gonna be super sweaty“, warnt ein Mann. Mist, denke ich und schaue neidisch auf die Getränke, die zwei Personen vor mir hervorholen. Geschlürft werden sie mit Strohhalmen in Penisform. Dem American Speaker wird ein Getränk mit Phallushalm hingehalten, aber er schreckt zurück: „No, I got my beverage!“
Es ist Zeit, durch den Gästeeingang die heiligen Hallen zu betreten. Als die Absperrmülltonne zur Seite geschoben wird, fühle ich mich besonders. Endlich wird meine Arbeit beim Akrützel entlohnt. Neben der Abschaffung des Aufpreises für Milchalternativen bei Agora zähle ich die Frieta-Akkreditierung zu meinen größten journalistischen Errungenschaften.
22:29 Leere statt Lehre in der Uni
Noch ruhmestrunken werde ich von einem Mann in die Realität zurückgeholt. Mit einem breiten Grinsen bietet er mir ein gratis Red Bull an. Ich lehne ab: „Ich will heute Abend nüchtern bleiben.“ Denn klar: Professionalität geht vor. Dort, wo ich gestern noch einen Nudelteller verzehrte, erahne ich die Silhouette eines Mannes, der NPC-mäßig umherschwankt. Irgendjemand muss am Technofloor eben den Anfang machen.
Da ich so pünktlich erschienen bin, herrscht noch gähnende Leere. Die Mensa erschreckt so tisch- und menschenlos. Beim Blick aus dem Fenster auf die Menge stellen sich jedoch erhabene Gefühle ein. Von oben erspähe ich einen Stand mit Angelentchen. Schnell wieder runter, doch ein angestrengt lächelnder Mann hält mir plötzlich einen QR-Code entgegen. Ich soll mich registrieren, Glücksrad drehen und einen Bierpongtisch gewinnen. Auf dem Glücksrad erschiele ich ein Feld, das fünf Liegestütze verlangt. Ich lehne dankend ab.
23:01 Something in the air!
Um 23:00 Uhr füllen sich die Floors langsam. Scheu wird herumgeschaut. Ach, das Sehen und Gesehen-Werden. Rihanna singt „Sex in the Air“, hier liegt aber vor allem eine Erwartungshaltung in der Luft, die aus dem saftigen Ticketpreis rühren mag.
Die Penisstrohhalmbekanntschaft aus der Schlange kommt mir entgegen und umarmt mich, zerstört aber jene zarte Bekanntschaft im gleichen Atemzug: „Heyy – oh I forgot your name.“
Schnell weg, eine Flucht zurück in die Mensa. Jetzt melancholisch aus dem Fenster schauen? Ein fruchtiger Geruch kitzelt meine Nase. Jemand kann sein Glück kaum fassen: endlich vapen in der Mensa. Doch ein Mitarbeiter mit Frieta-Shirt hastet dem Vaper die Treppen hinterher und gebietet Einhalt. Danke, dass ich meine Nudeln am Montag nicht mit Berryaroma essen muss.
23:47 Gescheiterte Kontaktsuche
Weil die Partystimmung bei mir noch nicht so angekommen ist, versuche ich, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. „Wer ist eigentlich dieser Friedrich?“, frage ich schüchtern in eine Gruppe und ernte kritische Blicke. „Ja Friedrich Schiller halt von der Uni Six Seven haha“, antwortet jemand und ich wende mich beschämt ab. Eine Damengruppe stimmt FCC-Gesänge an und lenkt mich von diesem Malheur ab. Jetzt nichts wie weg – doch ein Ausgang ist nicht zu sehen. Ich frage die Security am Einlass: „Raus ist raus“, sagt er und schaut warnend und irgendwie philosophisch. Wer möchte jetzt schon gehen, scheint er zu denken. Ich.
Dieser Text erschien im Akrützel 461.

