Beatrix Fechtel ist Gynäkologin in Jena und teilt ihre Sicht zu Verhütungsmitteln und ihrer Arbeit.
das Gespräch führte Karolin Wittschirk
Foto von Tim Baumberg
Hat sich die Einstellung zur Verhütung in den letzten Jahren geändert?
Ja, sehr. Ich habe beobachtet, dass der Trend von hormonellen Verhütungsmitteln weg geht. Die Pille, die lange das Hauptverhütungsmittel der jungen Frau war, ist es jetzt nicht mehr. Der Trend geht eher zu Kondom oder sogar zu Kupferkette und -spirale.
Was ist die Ursache dafür?
Die Jugend denkt heute viel bewusster über natürliche Zusammenhänge nach, weiß auch mehr über die Biologie und viele junge Frauen lehnen eine Regulierung des Zyklus durch eine Hormongabe ab. Viele wissen aber über die Pille und deren Wirkmechanismus nur das, was im Internet verbreitet wird. Wenn man dann umfassender informiert und aufklärt, sagen viele, dass sie wichtige Dinge nicht gewusst haben.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Ein Vorurteil: Die Pille ändert das Gewicht – das spielt für viele eine Rolle und kann besonders bei Pillen stimmen, die kombiniert sind, also Östrogen und Gestagen enthalten. Das Östrogen ist vor allem für eine Gewichtszunahme verantwortlich. Diese kann aber normalerweise nicht mehr als zwei Kilo betragen, das ist dann eine Wassereinlagerung durch die Pille. Darüber hinaus hat die Gewichtszunahme andere Ursachen in der Regel.
Ein anderer Punkt: Krebsrisiko. Viele glauben, dass durch die Einnahme der Pille Krebs ausgelöst wird. In großen Langzeitstudien ist festgestellt worden, dass Frauen, die die Pille nehmen, ein deutlich niedrigeres Risiko für Eierstock-, Gebärmutterschleimhaut- und Darmkrebs haben.
Zum Brustkrebsrisiko muss man sagen, ja, die Pille, und auch die Hormonersatztherapie in den Jahren nach der Menopause, kann die Brustkrebsrate diskret erhöhen. Im jungen Alter ist dieses Risiko allerdings gering, ab Mitte 50 gibt es einen leichten Anstieg unter Hormongabe.
Wie wägen Sie Nutzen, Risiken und Wünsche im Falle Ihrer Patient:innen zu Verhütungsmitteln ab?
Im Gespräch muss ich erfahren, was die Patientin wirklich möchte und wie sie sich Verhütung vorstellt. Entscheidend ist, dass man Patientinnen ausführlich zu ihrer Vorgeschichte befragt. Wenn es sich um gesunde, junge Patientinnen handelt, die in der Familiengeschichte keine Thrombose oder Lungenembolie haben, die selbst keinen Bluthochdruck oder Krampfadern haben, sich bewegen und am normalen Leben teilnehmen, spricht gegen eine hormonelle Verhütung zunächst nichts. Aber der entscheidende Punkt ist immer der Wunsch der Patientin. Ich kann nur beraten.
Es existiert der Vorwurf, dass Gynäkolog:innen an der Verschreibung der Pille Geld verdienen würden. Ist das so?
Für die Verschreibung der Pille bekommen wir keine Entgeltzahlung, sondern nur für das Gespräch über die Verhütung – unabhängig davon, ob die Pille oder ein anderes Verhütungsmittel verschrieben wird. Es ist nicht in unserem Sinne, Frauen zur Pille zu überreden. Ich fühle mich auch selbst nicht als Knecht der Pharmaindustrie.
Wie gut sind die Langzeitwirkungen verschiedener Verhütungsmittel erforscht?
Von allen Kontrazeptiva sehr gut. Wir haben seit den frühen 60er Jahren hier in Deutschland, also damals BRD und DDR, die Pille. Als früher die Pille noch höher dosiert war, gab es Nebenwirkungen wie Leber- oder Gallenerkrankungen, die gibt es heute in dieser Form nicht mehr. Auch bei den Spiralen hat sich vieles verändert. In den 17 Jahren meiner Arbeit als niedergelassene Gynäkologin, habe ich Schwangerschaften unter der Spirale nur ein einziges Mal erlebt, das war früher viel häufiger. Auch die Einlagetechniken für Spiralen sind deutlich leichter geworden.
Wie häufig setzen Sie Spiralen oder Kupferketten ein?
Ich selbst setze Spiralen als Kupfer- oder Hormonspiralen ein. Kupferketten sind selten gefragt und da gibt es nur eine Handvoll Ärzte in Thüringen, die das machen. Man benötigt dazu ein besonderes Zertifikat. Wer gerne eine Kupferkette haben möchte, den verweise ich an diese Kollegen. Pro Woche setze ich in etwa ein bis zwei Spiralen ein.
Viele Frauen berichten von starken Schmerzen beim Einsetzen. Wie erleben Sie das?
Die Einlage einer Spirale dauert etwa zwei Minuten. Seit geraumer Zeit ist es auch möglich, Patientinnen, die noch nie schwanger gewesen sind, Spiralen einzusetzen. Ihre Muttermünder sind straff und muskelstark und müssen zunächst aufgedehnt werden. Das verursacht häufig starke Beschwerden. Die Muttermünder bei Frauen, die schon Kinder haben, sind weicher und dehnungsfähiger und lassen sich leichter mit einem Sondengerät, in dem die Spirale steckt, passieren. Ich persönlich versuche, die Einlage von Spiralen bei ganz jungen Frauen zu vermeiden, denn ich glaube, dass allein die Dehnung des Muttermundes bei der Einlage der Spirale ein Prozedere darstellt, was ihnen nicht gut tut. Der oberste Leitsatz des ärztlichen Handelns sollte immer sein: Niemals schaden! Und ich habe erlebt, dass junge Frauen danach meist wochenlang Schmerzen haben.
Erhält die Frau ein Schmerzmedikament, eine Betäubung oder Narkose?
Das erachte ich nicht für notwendig. Beim Einlegen der Spirale werden an der Oberfläche des Muttermunds Haken angesetzt, um den Muttermund und die Gebärmutter nach vorne zu ziehen. Dies kann unangenehm sein, ist aber in der Regel auszuhalten. Wenn die Muskelfasern jedoch gedehnt werden müssen, dann ist das richtig schmerzhaft. Besonders schmerzempfindlichen Frauen empfehle ich die Einlage bei Kolleginnen, die eine Narkose-Möglichkeit haben, die gibt es auch in Jena.
Gibt es aber Möglichkeiten zur Schmerzlinderung, die Sie in der Praxis für den Eingriff anwenden können?
Ja, man kann zum Beispiel den Muttermund umspritzen, damit der nicht so empfindlich ist oder man könnte ein bestimmtes Anästhetikum als Creme auftragen, das ist möglich. Für besondere Fälle ist auch immer eine Narkose möglich, aber eben in Praxen, die operativ arbeiten und eine Narkose durchführen.
Finden Sie generell, dass das Thema Schmerzen in der gynäkologischen Versorgung ausreichend ernst genommen wird?
In den 30 Jahren, in denen ich inzwischen arbeite, werden die Schmerzen aller Patientinnen und Patienten in den Fokus gestellt, ernster genommen und hinterfragt. In meiner Ausbildungszeit war die Schmerztherapie oft noch in den Kinderschuhen und ist mit den heutigen Möglichkeiten nicht zu vergleichen. Auch der Bauchschmerz, zyklisch abhängige Schmerz und Geburtsschmerz können nun viel gezielter verringert werden.
Sehen Sie die Verantwortlichkeit zur Verhütung auf Seiten der Frau?
Eindeutig ja. Es gibt bei den jungen Männern mittlerweile sehr gut informierte Partner, die auch sensibel für die Belange der Frau sind, aber letztendlich, bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr, muss die Frau mit der Konsequenz einer Schwangerschaft rechnen.
Können Sie sich erklären, warum es bis heute weniger zugelassene Verhütungsmethoden für den Mann gibt?
Bei der Frau kann der Zyklus so gesteuert werden, dass die Ovulation unterbleibt und/oder die Einnistung eines befruchteten Eies nicht möglich ist. Die Spermiogenese auszusetzen oder zu unterbrechen, ohne einen dauerhaften Schaden am Hoden zu hinterlassen, ist schwieriger. Deshalb sehe ich auf absehbare Zeit eine Verhütung für den Großteil der Bevölkerung weltweit auf Seiten der Frau beziehungsweise die Nutzung des Kondoms für beide Seiten, auch im Sinne der Infektionsverhütung.
Derzeit werden immer mehr Ideen für männliche Verhütungsmethoden entwickelt und erforscht. Wie denken Sie darüber?
Ich würde mich freuen, wenn es früher oder später ein sicheres Verhütungsmittel für Männer gibt. Dann bleibt allerdings dennoch für uns Frauen die Frage, ob die Männer sie regelmäßig einnehmen.
Gibt es etwas, dass Sie Frauen mit auf den Weg geben wollen, die am überlegen sind, welche Methode für sie in Frage kommt?
Man sollte Gynäkologen immer mit allen Fragen und Problemen konfrontieren und das Gespräch suchen und man sollte sich mit seiner Verhütungsmethode vor allem selbst wohlfühlen.
Dieser Text erschien in der Ausgabe 459, Juni 2026.

