Nicht der Rede wert

Wie sichtet man Introvertierte in freier Wildbahn? Gar nicht. Sie sitzen eingekuschelt auf der Couch und lesen. Während die main characters draußen das Leben feiern. „Extrovertiert“ ist ein Kompliment, „introvertiert“ eher eine Mangelerscheinung. Denn der Subtext sagt: Du bist nicht laut genug. Du nimmst dir zu wenig Raum. Ein ganz verrückter Gedanke: Vielleicht ist nicht jeder Raum es wert, eingenommen zu werden. Es gibt tatsächlich Menschen, die sich dann äußern, wenn sie etwas zu sagen haben. Ist es eine schlechte Eigenschaft, Gedanken zu Ende zu bringen, bevor man sie ausspricht? Auch viele Introvertierte genießen es, im Mittelpunkt zu stehen, aber das Ziel heißt nicht, Mittelpunkt um jeden Preis. Äußern oder Nicht-Äußern ist bei ihnen an Bedingungen geknüpft. Passt die Stimmung im Raum gerade? Sich in jedem Kontext zu äußern, wird zum Selbstzweck. Ob und wie das Gegenüber aufnimmt, was man sagt, ist irrelevant – Hauptsache Output. Womöglich ist die Formel extrovertiert > introvertiert nur Wettbewerbssymptom. In jedem Gespräch soll dich deine Leistung an die Spitze bringen. Was, wenn unsere Welt ähnlich auf Extrovertierte ausgerichtet ist, wie auf Männer? Mangelnde Beteiligung von Introvertierten könnte kein individueller Fehler sein, sondern anzeigen, dass etwas nicht stimmt. Vielleicht sind die Seminare an der Uni einfach zu groß, um sinnvoll zu diskutieren. Ein bereicherndes „anders“ wird (mal wieder) zu einem „schlechter“. Und damit schaden wir am Ende beiden Seiten. 

von Vivien Brenk
erschienen in der Ausgabe 451

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen