Psychotherapeut:innen werden dringend gebraucht. Doch dort, wo sie ausgebildet werden sollen, fehlen die Plätze: in der Weiterbildung.
Text von Lorenz Neumann
Foto von Bündnis Weiterbildung Sichern
Eigentlich wollen Oda und Magda Psychotherapeutinnen werden, Menschen helfen. Beide studieren in Jena Psychologie, Magda ist sogar fast fertig mit dem Studium. Eigentlich müsste die Arbeit also bald beginnen. Doch auch nach dem Studium dürfen angehende Psychotherapeut:innen noch nicht selbstständig arbeiten. Dafür ist eine Weiterbildung notwendig – und genau dort fehlen derzeit massiv Plätze.
Die Situation ist paradox: Oda und Magda wären dringend benötigter Nachwuchs für das Gesundheitssystem. Gleichzeitig wissen sie, wie viele andere Psychologiestudierende, nicht, wann sie ihren Beruf überhaupt ausüben können. Wie kann das sein?
Konkurrenz statt Aufbruch
Die Ursache liegt ausgerechnet in einer Reform, die vieles besser machen sollte. Wer vor 2020 Psychotherapeut:in werden wollte, musste nach dem Studium eine Ausbildung absolvieren, die teuer, schlecht bezahlt und strukturell prekär war. Für die Ausbildung fielen nicht selten Kosten zwischen 20.000 und 40.000 Euro an. Viele Psychotherapeut:innen in Ausbildung (PiA) arbeiteten bereits eigenständig mit Patient:innen, trugen große Verantwortung – und verdienten gleichzeitig trotzdem kaum genug zum Leben.
Nach Jahren der Kritik sollte sich das ändern. Mit der Reform des Psychotherapeutengesetzes wurde das Ausbildungssystem grundlegend umgebaut, orientiert am ärztlichen Facharztsystem. Seit 2020 führt der Weg ausschließlich über einen sogenannten polyvalenten Bachelor, einen Master mit Schwerpunkt Klinische Psychologie und Psychotherapie (KLIPP) sowie eine staatliche Approbationsprüfung. Wer diese besteht, ist offiziell approbierte:r Psychotherapeut:in und darf bereits unter Anleitung oder angestellt therapieren. Um aber alle beruflichen Befugnisse zu erhalten, insbesondere um selbstständig behandeln und sich niederlassen zu können, ist anschließend zusätzlich eine fünfjährige Weiterbildung notwendig. Anders als die Ausbildung im alten System sollte die Weiterbildung aber fair bezahlt werden.
Für viele Studierende klang das zunächst nach Aufbruch. Als Magda 2020 ihr Studium begann, herrschte eine euphorische Stimmung. Fast stolz sollten sie auf ihre Rolle als erste Kohorte des neuen Systems sein: endlich ein Weg, der gut vorbereitet, fair bezahlt wird und nicht auf prekärer Arbeit basiert.
Als Oda dann vier Jahre später ihr Studium begann, war von dieser Euphorie wenig übrig. Stattdessen kursieren Erzählungen über Konkurrenz, Druck und fehlende Plätze in einem der begehrten KLIPPT-Master. Viele Gespräche drehen sich irgendwann um Noten: Wo man welchen Schnitt braucht; welche Uni wie viele Plätze hat; ob man wartet, wechselt oder umplant. Denn wer keinen Platz im KLIPPT-Master bekommt, kann den Weg zur Psychotherapeut:in zunächst nicht weitergehen.
Irgendwann richtet sich der Blick vieler nur noch auf die nächste Hürde. “Man ist so beschäftigt damit, im System zu funktionieren”, sagt Oda, “dass man kaum Zeit hat, das System selbst kritisch zu hinterfragen.”
Nicht genug Plätze
Die eigentliche Krise aber beginnt für viele Studierende mit dem Ende des Studiums. Dann folgt die Weiterbildung – genau jener Teil der Reform, der eigentlich fair finanziert und strukturell abgesichert sein sollte. Doch für die jährlich circa 2500 Absolvent:innen der KLIPP-Master gibt es derzeit viel zu wenige Weiterbildungsplätze.
Sichtbar wird diese Problematik auch in Jena. Rund 60 Studierende absolvieren hier jedes Jahr den klinischen Master und legen anschließend die Approbationsprüfung ab. Für sie gibt es an der universitären Weiterbildungsambulanz derzeit nur zwei Weiterbildungsplätze. Zwei Plätze für einen gesamten Jahrgang.
Innerhalb der nächsten Jahre sollen die Kapazitäten auf zehn Plätze ausgebaut werden, sagt Ilona Croy, Lehrstuhlinhaberin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Uni Jena. Selbst dann werde die Zahl der Plätze aber deutlich zu niedrig bleiben. Auch im restlichen Thüringen sei die Lage kaum besser.
Das zentrale Problem ist, dass immer noch unklar ist, wie die Weiterbildung eigentlich finanziert werden soll – obwohl die Reform bereits sechs Jahre zurückliegt. Viele Kosten der Weiterbildung sind bislang nicht ausreichend gedeckt. Gleichzeitig können Kliniken noch bis 2032 auf günstigere PiA-Stellen aus dem alten System zurückgreifen. Die Politik kennt das Problem bereits seit Jahren. 2023 erreicht eine Petition mit mehr als 70.000 Unterschriften den Bundestag. Passiert ist seitdem jedoch zu wenig.
Protest gegen das Warten
Für die Studierenden, die bald fertig werden, bedeutet das: Sie studieren jahrelang auf einen Beruf hin, ohne zu wissen, ob und wie sie ihn überhaupt ausüben können. Oda und Magda erzählen, dass viele das Thema verdrängen. Zu groß seien schon die anderen Hürden im Studium, um sich noch Gedanken darüber zu machen. Einige verlängern bewusst ihr Studium – in der Hoffnung, dass sich die Situation bald verbessert. Viele reagieren inzwischen mit Wut oder Frust. Sie organisieren sich, schreiben Petitionen und gehen auf die Straße.
Oda und Magda sind Teil des Bündnisses Weiterbildung Sichern Jena, das vor Ort auf die Lage aufmerksam machen möchte. Im Aktionsmonat Mai wird bundesweit unter dem Motto Psychotherapie ist unersetzlich protestiert. In Jena ist für den 30.05. eine Demo geplant. Gefordert wird die Ausfinanzierung der Weiterbildung, so wie Union und SPD es auch im Koalitionsvertrag vereinbart hatten.
Dabei handelt es sich um kein Nischenthema. Die fehlende Finanzierung ist “nicht nur ein Problem für unsere Studierenden”, sagt Ilona Croy, “sondern vor allem auch für die Gesundheitsversorgung in unserem Land.” Wenn heute die Weiterbildungsplätze fehlen, fehlen morgen Psychotherapeut:innen in Praxen, Kliniken und Beratungsstellen. Gleichzeitig steigt der Bedarf an psychotherapeutischer Versorgung seit Jahren an.
Patient:innen warten bundesweit inzwischen rund ein halbes Jahr auf einen Therapieplatz, in ländlichen Regionen deutlich länger. Gleichzeitig ist die Zahl der Menschen in psychotherapeutischer Behandlung in den letzten zehn Jahren um mehr als 60 Prozent gestiegen. In den kommenden Jahren gehen zudem viele Psychotherapeut:innen der Babyboomer-Generation in Rente.

Jede Verzögerung verschärft den Engpass dabei nur weiter, weil dann noch mehr Absolvent:innen um zu wenige Plätze konkurrieren. Für Magda geht es bei den Protesten deshalb auch darum, für Menschen einzustehen, die auf psychotherapeutische Hilfe angewiesen sind: “Therapieplätze sind in Gefahr, psychotherapeutische Versorgung ist in Gefahr. Und die Menschen, die darauf angewiesen sind, haben oft gar nicht die Kapazitäten, selbst dafür zu kämpfen. Für die kämpfen wir mit.”
Ein weiteres Problem dieser Entwicklung ist auch die soziale Selektion, die dieser unsichere Weg in den Beruf erzeugt. Psychotherapeut:in werden kann unter diesen Bedingungen vor allem, wer es sich leisten kann: flexibel sein, mehrfach den Wohnort wechseln, lange Phasen der Unsicherheit aushalten. Auch das sollte die Reform verhindern. Das alte Ausbildungssystem galt auch deshalb als ungerecht, weil sich die prekäre Ausbildungslage nicht jede:r leisten konnte. Dabei ist gerade bei Psychotherapie wichtig, dass Menschen mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen den Beruf ergreifen können.
Am Ende bleibt ein System, in dem inzwischen alle warten: Patient:innen auf Therapieplätze, Studierende auf Masterplätze und Absolvent:innen auf die Weiterbildung. Für Studierende wie Oda und Magda besteht der Weg in den Beruf vor allem aus Unsicherheit, Anspannung und ständiger Flexibilität. Damit wird von ihnen genau das Gegenteil dessen verlangt, was sie später einmal vermitteln sollen: Stabilität, Selbstfürsorge und gesunde Grenzen.
Dieser Text erschien in der Ausgabe Nr. 458, Mai 2026

