Er ist groß und hässlich. Und lebt mitten unter uns: Der Jenaer Eichplatz. Aber wie kommt eine Stadt zu einem Zentrum, das so viel Verlegenheit auslöst? Und gibt es noch Hoffnung?
Text von Markus Manz und Dario Holz
Foto von Sammlung Kristian Philler
Was sagt das Zentrum über eine Stadt aus? Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Einerseits ist die Frage, wo das Zentrum überhaupt sein soll, in vielen Städten nicht geklärt. Andererseits sind gerade die großen Metropolen heute in sich so heterogen, dass ein einziger Ort nur schwer repräsentativ für sein ganzes Drumherum sein kann. Und trotzdem suchen wir weiter diese Kulminations-Orte. Wir wollen Metropolen immer noch von einem Zentrum aus verstehen. Wenn wir an eine Stadt denken, stellen wir uns normalerweise auch ihr Zentrum vor. In Jena ist das anders. Hier haben wir zwar eine ganz gute Klarheit darüber, wo sich das Zentrum befindet; gleichzeitig findet der Eichplatz nicht so richtig statt, in den Köpfen. Dieser absurd gut gelegene, viel zu oberirdische Parkplatz. Dieses gigantische Negativ im Raum, wo wir auch gedanklich nur allzu gerne weitergehen. Er hat uns nichts zu sagen, oder wir verstehen seine Sprache nicht. Und damit sind wir nicht die Ersten. Denn eigentlich war die Beziehung zwischen Eichplatz und Stadt schon immer angespannt. In Jena hat man nie auf ihn gewartet, aber irgendwann war er da und man musste sich dazu verhalten.
Brand und Burschis: Der erste Platz
Die Geschichte des Eichplatzes ist bewegt, widersprüchlich und kompliziert. Das fängt schon damit an, dass es eigentlich zwei Plätze gibt. Den großen Parkplatz zwischen Rathausgasse und Jentower, den wir von heute kennen, und einen kleineren, der in den 1970ern verschwunden und viel älter ist. Seine Geschichte beginnt mit Napoleon, am Tag der Schlacht bei Jena und Auerstedt – dem 14. Oktober 1806. Wie wir heute wissen: Kein gutes Datum für die Region. Die Stimmung in Jena ist spätestens seit dem Vortag angespannt, als französische Soldaten in die Stadt kommen und dort zu Tausenden in den Straßen kampieren. Als gegen zwei Uhr morgens ein Feuer am oberen Ende der Johannisstraße ausbricht, verzögern die Menschenmengen die Löscharbeiten. Am Ende sind 19 Häuser abgebrannt. Napoleon wird den Hausbesitzer:innen eine Entschädigung zahlen, die aber nicht ausreicht, um die Gebäude wieder aufzubauen. Auf diese Weise entsteht in der Lage des heutigen Jentowers eine freie Fläche, die vorerst nur der Brandplatz genannt wird. Mit der Beräumung wird der Maurermeister Christian Lorenz Timler beauftragt, der dort unter anderem den Löwenbrunnen und ein dreistöckiges Haus errichten lässt: das Timlersche Haus, welches die Innenstadt lange prägen und von Timlers Sohn später noch erweitert werden wird.
Ab dem 19. Januar 1816 wird der Brandplatz im Volksmund auch Eichplatz genannt. Im Zuge des Friedensfestes, mit dem die Bevölkerung damals das Ende der Befreiungskriege gegen die napoleonische Fremdherrschaft feiert, pflanzten Studenten der Urburschenschaft die Friedenseiche. Wie mit dem Frieden klappt es auch mit den Friedenssymbolen nicht immer auf Anhieb. Und so muss der Baum noch zweimal erneuert werden. Die erste Eiche wächst schlecht, die zweite wird 1925 von einem Corpsstudenten gefällt. Immerhin: Der Wille für das Symbol war da. Eine Zeit lang. Seit dem Wiener Kongress (1814/1815) und der dort beschlossenen Einteilung des deutschen Gebietes in über 30 Staaten wird das Friedensthema immer öfter mit dem Wunsch nach einem Nationalstaat verknüpft. Die Urburschenschaft in Jena (1815 – 1819) war hier Vorreiter. Wer den Eichplatz dieser Zeit verstehen will, muss ihn deshalb auch als einen Ort der deutschen Nationalbewegung begreifen.

Foto von: Sammlung Kristian Philler
Allgemein wird das Gelände viel von den Jenaer Verbindungen genutzt. 1886 errichtet man dort das heute umstrittene Burschenschaftsdenkmal zu Ehren der Urburschenschaft. Im gleichen Jahr darf der Eichplatz seinen heute bekanntesten Namen endlich offiziell tragen und muss sich dann eine ganze Zeit lang nicht mehr verändern. Jena dafür umso mehr. Anfang des 20. Jahrhunderts bekommt die Stadt ihre erste Straßenbahnlinie, die auch am Eichplatz vorbeiführt. Die Bevölkerung wächst auf über 60.000, die Häuser kriechen an den Berghängen hoch. 1924 entscheidet der Stadtrat gegen den Bau eines Kaufhauses auf dem Eichplatz. Vielleicht der erste Fall in einer langen Reihe gescheiterter Bauprojekte. 1928 kommt ein neuer Brunnen auf den Eichplatz. Der Brunnen mit Fauna und Flora von Bildhauer Curt Ketscher steht dort etwas weniger als zehn Jahre, bevor er 1937 im Zuge der NS-Aktion “Entartete Kunst” für immer entfernt wird.
Umbrüche und Orchideen: Der zweite Platz
Durch ZEISS’ Zusammenarbeit mit der deutschen Wehrmacht schaffen es Unternehmen und Stadt auf die Bombardierungsliste der Alliierten. Im März und April 1945 werden mehrere Angriffe auf Jena geflogen, bei denen das Zentrum stark beschädigt wird. Zwischen Holzmarkt und Fürstengraben wird die historische Altstadt in großen Teilen zerstört. Der Eichplatz wird kaum getroffen, liegt nun aber am Rand eines Trümmerfeldes – den Anfängen des Zentrums, wie wir es heute kennen. Doch erstmal passiert damit nicht viel. 1956 wird ein Möbelhaus gebaut, das eine Zeit lang stehen bleibt, die freigewordene Fläche aber nur marginal ausfüllen kann. Als die Räumungsarbeiten in den frühen 1960er Jahren endlich abgeschlossen sind, hat man im Jena der DDR dann aber große Pläne für die Zukunft. In Einklang mit den 16 Grundsätzen des sozialistischen Städtebaus soll im neuen Zentrum höher und großräumiger gebaut werden. Auch ein weitläufiger Aufmarschplatz soll entstehen. Dafür wurden unterschiedliche Orte diskutiert, vorerst aber nichts umgesetzt. Die Fläche des heutigen Eichplatzes heißt damals Zentraler Platz. Damals ist sie noch begrünter, fungiert den Bewohner:innen aber auch schon als Parkplatz. 1967 schreibt die Stadt einen Ideenwettbewerb für die Bebauung aus. Auch das ZEISS-Werk hat längst eigene Pläne für das Gelände. Am Ende sollte aber alles anders kommen. 1968 geht die Planungshoheit nach Berlin. Grund dafür ist die neue Wahrnehmung von Jena als wissenschaftlich und wirtschaftspolitisch bedeutendem Standort für die DDR.

Unter der Terasse war früher die Mensa, der Grünstreifen hat bis heute überlebt.
Foto von: Horst Rönnefarth
Stararchitekt Hermann Henselmann wird mit der Planung des Stadtzentrums betraut und legt dafür den ersten Entwurf für ein Hochhaus vor, der als sozialistisches Wahrzeichen dienen sollte. In Jena vorgestellt wird schließlich ein architektonisches Zusammenspiel aus Turm und Platz. Und dann geht alles ganz schnell. Der alte Eichplatz soll weichen. Am 28. März 1969 wird die Friedenseiche ein letztes Mal gefällt, aber auch die südliche Häuserfassade der Johannisstraße muss weg. In weniger als zwei Monaten wird deshalb noch einmal eine ganze Menge Alt- und Neubau gesprengt. Neun weitere Gebäude müssen nach der Fertigstellung des Turms dran glauben. Und auch die Leutrastraße an der südlichen Seite des alten Eichplatzes gehört zur Baufläche und verschwindet für immer. Dank des neuen Gleitschalverfahrens steht das Universitätshochhaus schon 1972 wie eine Eins und kann zum 2. Oktober eingeweiht werden. Danach geht es weiter mit der Gestaltung des zentralen Platzes zwischen Turm und Rathaus. Die bis heute erhaltene Parkanlage auf der Nordseite wird angelegt. Das Hochhaus erhält einen Terrassenvorbau und darunter ein Brunnenbecken mit Fliesen-Mosaik (1977). Verantwortlich dafür sind die DDR-Künstler Joachim Kuhlmann und Rainer Schumacher. Es ist auch eine Brunnenplastik geplant, die von dem Bildhauer Detlef Reinemer entworfen und 1978 nach mehrfacher Umgestaltung schließlich unter Leitung des Kunstschmieds Josef Bzdok aus rostfreiem Stahl gefertigt wird. Obwohl die Plastik an der Blüte einer Wasserpflanze orientiert ist, spricht man in Jena von Anfang an vom Orchideenbrunnen, angelehnt an das in nächster Nähe gelegene Café Orchidee (1976). Aufgrund der auf 60.000 Mark veranschlagten Kosten für den Brunnen wird auf weitere künstlerische Elemente bei der Gestaltung des Platzes verzichtet.
Vom Zentralen Platz zum Platz der Kosmonauten
Im September 1978 kommen die Kosmonauten Sigmund Jähn (der erste Deutsche im All) und Waleri Bykowski nach Jena. Sie treten auf dem Zentralen Platz auf und werden dort von hunderten Bürger:innen (nicht alle sind freiwillig da) begrüßt. In Folge dieses Ereignisses wird die Fläche in Platz der Kosmonauten unbenannt. Ein Jahrzehnt steter Veränderung geht seinem Ende entgegen. Ein Neues beginnt. Von staatlicher Seite sollte der Platz ein Ort des Zusammenkommens und Ideenaustauschs werden, ein Kulminationspunkt der Wissenschaft in der DDR sein und diese feiern. In der Wahrnehmung vieler Bürger:innen war er sicher auch ein weiteres Zentrum, nach dem in Jena niemand gefragt hatte. Ein Ort der konkurrierenden Utopien. Er stand für staatliche Repression, aber auch für den Protest gegen die Regierung. Hier mussten Menschen aufmarschieren, es wurden aber auch Demonstrationen abgehalten, ebenso wie verhindert. Die 10.000 Menschen, die 1989 auf dem Platz der Kosmonauten für politische Reformen demonstrieren, sind da vielleicht nur ein folgerichtiges Schlussmoment im langsamen Prozess der Selbstabschaffung der DDR.
Neue Orientierungslosigkeit
Die Wende brachte in Jena nicht nur politische Veränderungen, sondern auch städtebauliche: Es wird wieder einmal Zeit, sich mit dem sehr großen, sehr leeren Platz in der Mitte der Stadt zu beschäftigen. Am 1. April 1991 – man musste sich nun einmal von allem trennen, was an die DDR erinnerte – bekommt der Platz seinen alten Namen zurück. Der Platz der Kosmonauten ist nun Vergangenheit; willkommen zurück, Eichplatz! Mitte der 1990er wird das Wasser des Orchideenbrunnens abgestellt und das Becken mit Blumen bepflanzt. In dieser Zeit entsteht auch der große Parkplatz, wie wir ihn heute kennen. Am 25. Oktober 2000 wird der Brunnen dann abgebaut, weil er ins Baugebiet der Neuen Mitte ragt.

Das Wasser ist bereits der Treuhand zum Opfer gefallen.
Foto von: Sammlung Kristian Philler
Aber hier sollte der Drang nach Veränderung noch nicht gestoppt sein. Wer von blühenden Landschaften träumt, kann keinen übergroßen Asphaltplatz im Herzen der Stadt dulden. Schnell macht sich die neue Stadtverwaltung an die Arbeit und plant ein Konzept für die Bebauung des Eichplatzes nach dem nächsten. Dennoch dauert es gut 20 Jahre, bis ein umfassender Entwurf vorzeigbar ist. Aber auch hier ist von Kanzler Kohls Verheißungen nur wenig zu erkennen, denn der Plan sieht fast keine Grünflächen vor; stattdessen sollen vor allem Wohnungen und Büros auf dem Eichplatz entstehen.
Die Bürger:innen Jenas hatten aber ein ganz anderes Problem mit dem Entwurf: Sie wurden nicht eingebunden. Die neu gewonnenen demokratischen Freiheiten nutzend, gründete sich eine Bürgerinitiative, die sich gegen die geplante Bebauung stellte und mehr Bürgerbeteiligung forderte. Damit kam die öffentliche Debatte um die Zukunft des Platzes in Schwung. Die Initiative wuchs nicht nur personell, sondern auch in ihrer politischen Macht: Unterschriften wurden gesammelt, Demonstrationen organisiert und offene Briefe geschrieben. Schließlich sah sich die Stadtverwaltung gezwungen, die geplante Bebauung aufzuschieben und ließ in einer Vollbefragung 2014 die Bürger:innen Jenas über die Pläne entscheiden. Über 50.000 Personen beteiligten sich an der Abstimmung, die das vorzeitige Aus des neuen Eichplatzes besiegeln sollte: Rund 62 Prozent stimmten gegen die Pläne der Stadt.
So richtig zufrieden war aber niemand mit dem Ergebnis, der Eichplatz war noch immer ein trostloses Loch im Herzen der Stadt. Folglich wartete man nicht lange, um neue Konzepte zu planen – diesmal aber mit Beteiligung der Bevölkerung. In einem extern moderierten Verfahren saßen nun Politik, Verwaltung und Bürger:innenschaft zusammen; eine zufällige Stichprobe an Einwohnern der Stadt wurde zu Werkstattgesprächen eingeladen und am Ende standen zehn Grundsätze für die Zukunft des Eichplatzes fest, auf die sich alle einigen konnten. Daraus entstand 2017 ein bis heute gültiger Rahmenplan, der den Platz in zwei Baufelder aufteilt, wovon eines an das österreichische Bauunternehmen Strabag verkauft wurde. Dieses plant für ihre Seite des Platzes drei Hochhäuser mit Ladenfläche, die ursprünglich 2026 fertiggestellt sein sollten.

Grafik von: Strabag Real Estate GmbH
Forever unbebaut
Wer heute auf den Eichplatz blickt, stellt schnell fest, dass hier bis zum Ende des Jahres wahrscheinlich keine neuen Gebäude stehen werden. Nichts, abseits von einigen versteckten Info-Tafeln, deutet darauf hin, dass hier eines der größten Bauprojekte der Stadt entsteht. Und vielleicht entsteht auch gar nichts: Im Vertrag zwischen der Stadt und Strabag ist geregelt, wann mit dem Bau begonnen werden muss. Eine Voraussetzung, die das ganze Projekt kippen könnte, betrifft den Referenzzinssatz Euribor. Dieser stellt dar, zu welchen Zinssätzen sich Banken in Europa Geld leihen – viele Kreditgeber nutzen ihn daher als Referenz für ihre eigenen Zinsen. Der Euribor muss drei Monate lang unter 1,5 Prozent liegen – das war zuletzt 2022 der Fall – bis die Strabag mit dem Bau beginnen muss. Sollte der Zinssatz bis Ende 2027 aber noch immer über dieser Schwelle liegen, hat die Strabag das Recht, aus dem Vertrag auszutreten. Dann müsste das Baufeld A neu vergeben werden.
Und was ist mit dem zweiten Baufeld? Nichts. Hier gibt es abseits des Rahmenplans noch keine Konzepte, geschweige denn einen Bauherr. Nach Angaben der Stadt gehört das Baufeld B nicht mehr zu den Prioritäten der Bauverwaltung.
Heute ist nichts mehr zu spüren von der Vision eines Platzes der Kosmonauten und auch nichts mehr vom geeinten Widerstand. Der Platz ist fragmentiert. Grünfläche, Parkplatz, Neue Mitte, Terrasse, der Mivan-Dönerladen auf der Südseite. Nichts hat mehr miteinander zu tun. Alle wissen aber noch: Es könnte anders sein. Bis heute hat der Eichplatz seinen utopischen Überschuss behalten und bis heute scheitert man hier an einer lebenswerteren Realität. Die Frage, was die Stadt mit ihrem Zentrum macht, ist 2026 nicht leichter zu beantworten als 1806. Wir sind weiterhin irritiert und orientierungslos und nur eins scheint klar: Der Eichplatz liegt mit seiner ganzen Geschichte vor uns dar und wir müssen – ja sollten uns dazu verhalten.
Dieser Text erschien in der Ausgabe Nr. 458, Mai 2026

