Starbucks für Akademiker

Für manche mag es nur ein neues generisches Café sein, doch eine genaue Analyse zeigt: Agora ist alles.

Text und Illustration von Antonia Braun

Endlich wieder bei Kaiserwetter ein Aperölchen zischen: Der Traum vom Dolce Vita, der dich von der Vorlesung ablenkt, ist auf dem Ernst-Abbe-Platz Realität geworden. Seit Ende April hat das Agora-Café seine Türen für Studierende und den Rest Jenas geöffnet. Auf Instagram präsentiert es sich als Coworking-Café und die Aufschrift am Eingang macht klar: Hier kann man relaxen, connecten, growen und coworken. Hinter den flotten Anglizismen versteckt sich eigentlich nichts Neues. Entspannt wurde bisher auch so am Campus, vernetzt sowieso, und Zusammenarbeit und geistiges Wachstum sind klassische Aktivitäten für die Unibib. Warum also braucht es dieses neue Gastro-Juwel?

In erster Linie macht es den Unialltag komplizierter. Will ich heute meinen Espresso in der bekannten Italo-Bar Rossi schlürfen und vorbeigehende Kommilitonen beobachten? Oder ziehe ich mir doch lieber ein Käffchen in der Mensa und spare mir den Extragroschen? Vorbei die Zeiten, in denen man sich zwischen zwei Angeboten entscheiden musste. Nun herrscht auch am Ernst-Abbe-Platz unangenehmes Überangebot.

Kaffee schlürfen unter Großraumbürodecke

Rein ästhetisch empfiehlt sich ein Besuch des Agora-Cafés Clean Girls und allen, die es noch werden wollen. Denn das Interieur besticht mit schlichten Möbeln, reichlich Pflanzen und einer einheitlich in beige gehaltenen Garderobe des Personals. Zudem gibt es einen großen Spiegel zum Selfieschießen. Kategorisch läuft im Agora nur Jazz. In einer Online-Rezension schreibt jemand: „Ich hatte ein bisschen das Gefühl, in einem Ikea-Ausstellungsraum zu sitzen.“

Es ist eindeutig – hier steckt ein Concept dahinter. Das Vorbild sei Starbucks, erfährt man im Gespräch mit der Agora-Chefetage. Der Inhaber und Betreiber des Agora möchte namentlich nicht genannt werden. Die lokale Presse habe bereits berichtet und das zu seiner Unzufriedenheit. Sein Café sieht er als „Mittelpunkt für Studenten“, die sich so lange aufhalten dürfen, wie sie wollen. Die ruhige Atmosphäre lade zum Lernen, Verweilen und Spielen ein. „Was spielt man so in der Unizeit…Uno?“, reflektiert der Betreiber über seine Zielgruppe.

Doch neben Spielenachmittagen bekommt man bei Agora auch Cocktails und Co. – und das freitags und samstags sogar bis 21 Uhr. Wer die Uni abends schon vermisst, kann hier weiterhin coworken, seine Sorgen im Long Island Iced Tea für 10,90 Euro ertränken oder „eine Dame auf ein Date einladen“.

Nomen est omen

Um sich den pseudoakademischen Flair anzueignen, erhielt das neue Café den Namen Agora. Der Begriff bezeichnete im antiken Griechenland den zentralen Markplatz einer Stadt. Ein brasilianischer Austauschstudent merkte an, dass agora im portugiesischen jetzt bedeutet. Neben der örtlichen Ebene präsentiert sich das Café somit auch zeitlich als relevant. Dreh- und Angelpunkt des Unilebens zu werden – und zwar jetzt! – , scheint ein hoher Anspruch. Was den Standpunkt betrifft, ist dieses Selbstbewusstsein aber nicht falsch. Mit der Adresse Ernst-Abbe-Platz 5  ist das Agora ansässig im Bau 15, dem ältesten Hochhaus Deutschlands. Durch diese Lage befindet sich das Café an der Spitze einer bedeutsamen Entwicklung. Würde man Matcha trinkend in die Vergangenheit transportiert, säße man im Jahr 1917 umgeben von Zeiss-Arbeitern in einer optischen Werkstatt. War das Gebäude einst Zeichen der Industrialisierung, wurde es knapp dreißig Jahre später zum Sinnbild der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. Es brannte fast vollständig nieder. Heute befinden sich in dem Haus hauptsächlich Büros und Wohnungen. Zuletzt wurden die Räumlichkeiten des Agoras von JUniKinder benutzt, dem flexiblen Kinderbetreuungsangebot des Studierendenwerks. Jetzt ist sie in die obere Etage des Café Wagners eingezogen. Die Korrelation zwischen Kulinarik, Kultur und Kinderbetreuung ist jedoch nicht weiter erforscht.

Die Agora-Neueröffnung regt zum Nachdenken an. Historische Dimensionen, soziologische Ausmaße und antike Ideale lassen sich anhand der gastronomischen Einrichtung analysieren. Doch die Studierendenschaft bleibt blind für tiefergehende Strukturen und interessiert sich mal wieder nur fürs Geld. Aufreger Nummer eins auf bekannten Rezensionsseiten ist der hohe Preis für Milchalternativen: 40 Cent extra  werden umweltbewussten Haferfans abverlangt. Am Ende ist wohl alles eine Frage des Geschmacks.

Dieser Text erschien in der Ausgabe Nr. 458, Mai 2026


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