Zwischen Demo und Dienst

In Jena demonstrieren Hunderte Schüler:innen gegen die Wehrpflicht – gleichzeitig kündigt die Bundeswehr ein Musterungszentrum in der Innenstadt an. 

Text von Dario Holz
Foto von Baumi

Es ist der Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg zumindest in Deutschland sein Ende fand. Am 8. Mai dieses Jahres gingen erneut Hunderte junge Menschen auf die Straße, um gegen die zunehmende Militarisierung in Deutschland zu protestieren. Im Zentrum der Proteste steht die Wehrpflicht: Diese existiert zwar derzeit nicht, aber die Anzeichen verdichten sich, dass sie bald wieder zur Realität für viele junge Erwachsene wird.

Mediamarkt, Modegeschäft, Musterungszentrum

Ein Beleg dafür lieferte die Bundeswehr zeitgleich zur Demonstration: In der Goethe-Galerie entsteht ein Musterungszentrum, welches ab 2027 täglich bis zu 60 Bewerber:innen für den Dienst an der Waffe auf Tauglichkeit testen soll. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Bundeswehr abseits ihrer Kasernen fast unsichtbar war, die Armee gehört künftig zum Jenaer Stadtbild. Damit wird die gesellschaftliche Militarisierung, vor der die Demonstrierenden warnen, erschreckend schnell Wirklichkeit. 

Neben dem Standort in Jena werden noch 23 weitere Musterungszentren im Bundesgebiet eröffnet. Bei der Wahl der Standorte habe man verschiedene Faktoren berücksichtigt, so eine Sprecherin der Bundeswehr, besonders wichtig sei aber das potenziell große Bewerberaufkommen. Für Oberbürgermeister Nitzsche ist die Ansiedlung des Militärs in einem Einkaufszentrum ein voller Erfolg: Er spricht von neuen Arbeitsplätzen und Impulsen für die Stadt. 

Diese Euphorie teilen aber nicht alle in Jena. Die Grüne Jugend sieht in dem Musterungszentrum ein fatales Signal an junge Menschen – Landessprecherin Sara Marie Schläge sagt dazu: „Während in Jena Tausende gegen Wehrpflicht und Zwangsmusterung demonstrieren, setzt Oberbürgermeister Thomas Nitzsche lieber auf Aufrüstung statt auf Investitionen in Bildung und Zukunftsperspektiven.” Auch das BSW Jena-Saale-Holzland spricht sich gegen die Pläne der Bundeswehr aus: „Besonders perfide ist, dass ein Musterungszentrum künftig im zentralen Einkaufszentrum und somit im Alltag von Kindern und Jugendlichen präsent sein soll.” 

Schnappatmung bei der Stadtverwaltung

Ob gerade Jena wirklich der ideale Ort für ein Musterungszentrum ist, stellt Florian Landes, Co-Landessprecher der Linksjugend, in Frage: „Wer auch immer auf die bescheuerte Idee gekommen ist, ausgerechnet Jena als Musterungszentrum für die Region auszuwählen, wird sich auf zahlreiche Stör- und Protestaktionen bis hin zu regelmäßig eingeschmissenen Scheiben und Sachbeschädigung einstellen müssen.” Die Ansiedlung sieht er kritisch und betont, seine Partei werde der Bundeswehr „das Leben schwer machen”, so Landes. Für die FDP-Fraktion im Stadtrat ist mit dieser Aussage eine Grenze überschritten. „Mit Recht auf Protest hat das nichts zu tun”, sagt der Fraktionsvorsitzende Alexis Taeger. Die Äußerungen der Linksjugend seien schlicht eine Ankündigung zur Straftat. So sieht das auch Sicherheits-Bürgermeister Benjamin Koppe (CDU) und kündigt an, gegen Florian Landes Strafanzeige zu stellen: „Von einer solchen Form politischen Extremismus muss klar und deutlich gewarnt werden. Denn hier wird bewusst ein Klima geschaffen, in dem Grenzüberschreitungen vorbereitet, legitimiert und am Ende möglicherweise auch umgesetzt werden.”  Für Bastian Stein (CDU), Ortsteilbürgermeister von Wenigenjena, verlässt Florian Landes damit den „Boden des demokratischen Diskurses”.

Mit ihrer juristischen Gegenoffensive steht die Stadtverwaltung dem militärischen Eifer des kommenden Musterungszentrums jedenfalls nicht nach. Dass man eine so erwartbare Kritik als Drohung versteht und nun mit Kanonen auf Spatzen schießt, belegt, wie stark die Militarisierung schon in den Köpfen der Jenaer CDU angekommen ist.

Dieser Text erschien in der Ausgabe Nr. 457, Mai 2026


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