Poetry Slam ist eine angebliche Kulturveranstaltung, bei der Menschen Texte performen und sich dafür Punkte geben lassen, wie beim Turmspringen. Wer denkt, Kunst sei kreativ, individuell und wertungsfrei, ist hier falsch. Immerhin entscheidet keine hochtrabende Fachjury, das gemeine Volk hat die Macht über Sieg und Niederlage. Am Ende gewinnt nicht der beste Text, sondern der, bei dem das Publikum am deutlichsten merkt, wann es klatschen soll. Da sitzt dann ein Typ mit Jutebeutel und entscheidet, ob die Trauerrede über die verstorbene Großmutter eher eine 8,4 oder doch eine 9,1 war. Herzlichen Glückwunsch, deine Gefühle haben knapp gegen den lustigen Text über WG-Küchen verloren.
Und überhaupt: Ist Poetry Slam eigentlich noch Literatur oder längst eine öffentliche Gruppentherapie? Viele Texte klingen wie der „Nur für mich“-Ordner in der Notizen App. „Mit 14 wurde ich nicht zum Kindergeburtstag eingeladen.“ Betretenes Nicken im Saal. Dann erzählt die nächste Person von ihrem komplizierten Verhältnis zu Zimmerpflanzen. Früher hat man Tagebücher abgeschlossen unter dem Bett versteckt. Heute gibt es dafür Bühnenlicht und Applaus. Vielleicht ist das der eigentliche Zauber des Poetry Slam: Menschen dürfen für sieben Minuten so tun, als wäre ihre Therapiesitzung eine Kunstform. Und das Publikum darf sich danach moralisch überlegen fühlen, weil es aufmerksam zugehört hat.
von Ida Müermann
erschienen in der Ausgabe 458
