Früher wurden wir auf dem Scheiterhaufen verbrannt oder gewaltsam umerzogen. Heute leben wir unter euch, versteckt, kaum wahrnehmbar anders. Und doch sind wir Teil einer großen Gemeinschaft: die Linkshänder:innen.
Wir legen das Besteck auf die falsche Seite, wir verschmieren die Tinte beim Schreiben, wir stellen uns allgemein ungeschickt an. Macht euch nur lustig über uns. Aber habt ihr schonmal darüber nachgedacht, wie anstrengend es ist, in einer Welt zu leben, die nicht für uns ausgelegt wurde? Wie frustrierend, wenn sich nicht mal die Soßenkelle bequem benutzen lässt? Wie enttäuschend, wenn man die kleinen Bildchen im Inneren einer Tasse nie zu sehen bekommt, weil sie auf der falschen Seite liegen? Erst im Linkshänderladen in Erfurt habe ich das ganze Ausmaß der Ungerechtigkeit erkannt. Hier werden Linkshänder-Lineale verkauft, Kartoffelschäler, Gartenscheren. Bei vielen Dingen wusste ich vorher gar nicht, dass ich ein Problem damit habe, aber jetzt bin ich empört.
Dabei bin ich gar keine vollständige Linkshänderin. Ich male und schreibe zwar mit links, bediene Scheren und Bälle aber mit rechts. Ein Einzelfall bin ich damit nicht, zu den zehn Prozent purer Linkshänder kommen neun Prozent an Menschen, die verschiedene Hände für verschiedene Tätigkeiten nutzen. Sowas kommt eben dabei heraus, wenn man die Zwangsumerziehung zur Rechtshändigkeit aufgibt. Zum Glück, denn das kann Konzentrationsmangel und andere psychische Folgen für die Betroffenen haben, da die Händigkeit direkt mit dem Gehirns verknüpft ist.
Am Ende haben wir aber gut lachen. In Sportarten wie Tennis, Fechten oder Boxen sind wir gefürchtete Gegner und auch die Wissenschaft sichert uns kreative Intelligenz zu. Diamanten werden eben unter dem Druck geformt, an jedem Tisch Ellenbogenkämpfe mit dem Nachbarn führen zu müssen.
von Anna Ittner
erschienen in der Ausgabe 454
