Schlafschafe aufgewacht

Mal wieder durch eine Prüfung gefallen? Kein Problem: Hier die Rationalisierung und subversive Umdeutung deines Versagens!

Text von Nathaniel Stegmann
Foto von Dario Holz

Egal ob Klausur, Hausarbeit oder mündliche Prüfung und egal ob das Thema das langweiligste oder das spannendste der Welt ist; Prüfungen laufen auf schlimmste Arten von Stress hinaus. Und das liegt nicht einfach an uns oder den Prüfenden, nein, das ist systematisch: Bei Klausuren, die im schlimmsten Fall Multiple Choice sind, Hausarbeiten, die durch Leitfäden beschränkt werden, und mündlichen Prüfungen, die nicht als Diskussionen, sondern als plumpe Wiederholung des eigentlich schon vor dem Seminar bekannten Stoffs vonstatten gehen, ist das Problem nämlich zuallererst die universitär auferlegte Form. 

Denn wenn Prüfungen die maximale Einschränkung der Denkenden durch Anpassung an jene tradierten Formen voraussetzen und jeden Versuch des Brechens mit diesen sanktionär unterbinden, bleibt das nicht ohne Einfluss auf den Inhalt der Prüfung. Es werden Erkenntnisse auf Grundbegriffe reduziert, die wie Vokabeln auswendig gelernt werden sollen, um dabei bereits die strikte Trennung von Theorie und Praxis des Denkens zu vermitteln, die uns heute den Weg zu einer richtigen Theorie als auch zu einer richtigen Praxis versperrt: Als Folge begreift man Formen der Praxis als von allem anderen unberührte beliebige Bereiche und übernimmt so die Form der Vereinzelung aus dem theoretischen Denken, das durch die Universität vorgegeben ist. Man geht auf die Demo für die Abschaffung der ganzen falschen Gesellschaft, aber betreibt diesen Aktivismus als abgetrennten Bereich von Studium und Lohnarbeit. In dieser Vereinzelung wirken jedoch gerade die gesellschaftlichen Verhältnisse, denen sich studentische Praxis eigentlich entgegengestellt, und Revolution verkommt zur Reproduktion: Der vereinzelte Ansatz lässt die Welt als eine erscheinen, die nicht systematisch, als Totalität, falsch ist, sondern deren Probleme bloß auf Missgeschicke in diesem oder jenem Bereich zurückgeführt werden können. Aktivismus wird so zur Korrektur beliebiger Fehler und unterstützt hiermit die Verbesserung der Herrschaft, wenn doch das laut proklamierte Ziel ihre Abschaffung ist.

Vom Hörsaal in die Midlife-Crisis

Wissen wird so in der Universität als abgeschlossener Bestand geprüft, wodurch dieses jede Verbindung zu einer anderen Zukunft verliert und im Fall von Theorien mit subversivem Anspruch damit sogar seine eigentliche Gegenwart einbüßt: Denn macht der kritische Stachel nicht solche Theorie aus? Wird hier nicht sogar das Mindestziel des Nachvollzugs verfehlt? Doch schon der fragmentiert-modulförmige Aufbau unserer Studiengänge fordert diese Zusammenhanglosigkeit. Und der Blick auf die Begründung der Einführung dieses Aufbaus ist aufschlussreich: „Arbeitsmarkt“ ist wohl der Schlüsselbegriff in der für diese Reform zentralen „gemeinsamen Erklärung der europäischen Bildungsminister über den europäischen Hochschulraum“ aus 1999, die auch als Bologna-Erklärung bekannt ist.

Nach diesem Diktum bilden Universitäten keine Wissenschaftler*innen aus, die ihrem Namen nach Wissen schaffen, sondern Funktionäre, Systemlinge. Studieren bedeutet heute, beliebige Begriffe zu lernen, um nach Abschluss einen ebenso beliebigen Job vollziehen zu können. So wird jede Prüfung zur Besiegelung unseres existentiellen Unglücks. Darin liegt die studentische Unzufriedenheit, Frustration, vielleicht sogar Depression eigentlich begründet: Zugunsten unserer gesellschaftlichen Einkettung wird mit dem Versprechen des studentischen Lebens als wissenschaftlichen gebrochen.

Und das muss Konsequenzen haben: Universitäten, die nun eindeutig nicht mehr ein von der Herrschaft des Kapitals geschütztes Dasein fristen, sondern unter deren Diktat leben, müssen sich um ihrer wissenschaftlichen Grundidee willen nicht nur am Widerstand gegen diese beteiligen, sondern können zum Schauplatz desselben werden. „Proletarier aller Länder, vereinigt euch” bedeutet heute auch: Studierende aller Länder, vereinigt euch!

Dieser Text erschien in der Ausgabe Nr. 457, Mai 2026


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