Demokratisch, sexy, konservativ

Nach 16 Jahren Orbán scheint nun das Licht der Sonne auf einen neuen, jüngeren, hübscheren Mann. Ungarische Studierende berichten von ihren Hoffnungen, Ängsten und Zukunftsplänen im neuen Regime.

Text von Isabell Horst und Paul-Hendrik Möllers
Foto von Norbert Banhalmi (CC/Wikipedia)

Eine Zukunft im eigenen Heimatland als Utopie: Viele junge Ungarinnen und Ungarn fühlen sich von ihrem Staat und dessen Sozialsystem im Stich gelassen. Bislang einte die Studierendenschaft ihr Blick, der stets Richtung Ausland schweifte. Hoffnungslosigkeit und Frust prägten ihre Reihen. Bis zum 12. April 2026, dem Wahltag.

Samú (20) belegt im vierten Semester Psychologie an der ELTE Universität in Budapest. Er war vier Jahre alt, als Viktor Orbán an die Macht kam. Sonja (22) kommt aus der Kleinstadt Pécel und studiert in Budapest Internationale Beziehungen. Die beiden kennen sich nicht, doch teilen sie eine Gemeinsamkeit: Am Sonntag vor zwei Wochen betraten sie, wie 80 Prozent der Wahlberechtigten Ungarns, ein Wahlbüro. Dort stimmten sie für Peter Magyars Tisza-Partei. Mit 53 Prozent der Stimmen erlangte sie genügend Mandate für eine Zweidrittelmehrheit, die nötig ist, um die Verfassung zu ändern. Auch Marga (25), Sonjas Freundin und Germanistik-Studentin aus Jena, war vor Ort. Derzeit verbringt sie ihr zweites Erasmus-Semester in der ungarischen Hauptstadt.

Nur wenige Tage nach der richtungsweisenden Wahl berichteten die drei Personen uns von ihren Perspektiven auf die Situation und einer ambivalenten Beziehung zu Ungarn.

„Weniger Drag Queens und mehr Chuck Norris“ 

Orbán malt sich die Welt, wie sie ihm gefällt. Um Wählerstimmen zu mobilisieren, hetzt er neben angeblich kindergefährdenden Dragqueens auch gerne gegen geflüchtete Menschen oder das aus seiner Sicht kriegshungrige Europa. Russlandfreundlichkeit, Korruption und Bereicherung durch steuerliche Mittel stehen ebenfalls auf seiner Tagesordnung. Trotzdem schaffte er das, wovon die AfD schon lange träumt: rechtsextreme Meinungen in der breiten Zivilgesellschaft zu normalisieren. 16 Jahre lang schrieb er an dem Playbook für angehende Autokraten. Jetzt wurde ihm allerdings der Stift aus der Hand gerissen.

Peter Magyar heißt der Mann, der dieses Kapitel hoffentlich beendet. Er ist der Shooting Star des konservativen Lagers. Den deutlichen Sieg hat die Tisza-Partei vor allem seinem menschennahen Wahlkampf zu verdanken, der ihn die letzten Jahre durch die ländlichen Regionen Ungarns touren ließ. Dabei teilen sich Magyar und Orbán eine gemeinsame politische Vergangenheit. Schließlich waren die beiden vor zwei Jahren noch Parteikollegen. Nach Publikwerden eines  Vertuschungsversuchs von Kindermissbrauchsfällen in staatlichen Kinderheimen verließ Peter Magyar Orbáns Fidesz-Partei. 

Für viele junge Ungarinnen und Ungarn wie Samú ist er kein politisches Vorbild, von dem sie sich gehört oder repräsentiert fühlen, sondern ein Mittel zum Zweck: „Er ist Populist und konservativ-rechts. Ich nicht. Seine Aufgabe ist es, die Grundlagen für eine demokratische Zukunft aufzubauen. Es geht nicht um Peter Magyar, sondern allein darum, das Orbán-Regime abzuschaffen.”

Ganz Budapest schreit “Dreckige Fidesz”

Normalerweise schläft Samú sonntags aus. Am 14. April zeichnet sich jedoch eine Anomalie in seinem Schlafrhythmus ab. Seit 6 Uhr plagt ihn die Schlaflosigkeit. Sorgen und Vorstellungen vom anstehenden Wahltag kreisen durch seinen Kopf. Monate zuvor hatte er seinen Freundeskreis vorgewarnt, dass er heute nicht nüchtern bleiben wird. Er weiß nicht, wie er sonst den Tag überstehen soll. Gemeinsam mit seiner Mutter versenkt er bereits um 10 Uhr seinen Wahlschein in den Tiefen der Urne. Ihre Stimmen richten sich gegen Orbán. Wenn er die Wahlen nicht manipuliert, haben sie dieses Mal eine realistische Chance.

Marga und Sonja starten hoffnungsvoll in den Tag. Nachdem Sonja ihre Stimme abgegeben hat, treffen sie sich mit Bekannten. Ihre Blicke springen hektisch zwischen drei eingeschalteten Nachrichtenkanälen hin und her. Ab und zu bricht ein Lichtstrahl durch das undurchsichtige Laubdach des Nachrichtendschungels: Wahlbeteiligung bricht Rekorde! Tisza geht in Führung! 

Samú checkt sein Handy im Minutentakt. Auf der Türschwelle zu einer Hausparty erhält er eine Benachrichtigung: Tisza-Partei erreicht eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Er ist fassungslos. Als er eintritt, findet er sich in einer neuen Welt wieder. Alle tanzen, trinken und feiern. Ungefähr drei Stunden nachdem die Wahllokale schließen, erschüttert eine Nachricht das Land. Ein Schrei ertönt von der Bar. Alle Bildschirme im Haus spielen dasselbe Video ab: Viktor Orbán erkennt seine Niederlage an und gratuliert Peter Magyar offiziell zum Sieg. Für 10 Millionen Menschen bleibt einen kurzen Moment lang die Zeit stehen. Samús bester Freund springt in seine Arme. Aus dem Bluetooth-Lautsprecher ertönt die ungarische Nationalhymne. Alle singen mit. Viele bestimmt auch zum ersten Mal. 

Ganz Budapest ist auf den Beinen. Jung und Alt eilen zu Peter Magyars Wahlfeier. Sonjas und Margas Gruppe nehmen die U-Bahn. Beim Aussteigen starteten sie einen Sprechchor: „Mocskos Fidesz!”, “Dreckige Fidesz”. Die ganze Rolltreppe steigt mit ein. Singend bahnen sie sich den Weg nach oben. Die Stimmung lässt sich nicht mal durch die furchtbare Popmusik, die aus den Boxen der Tisza-Partei spielt, trüben. Samú dreht sich und springt, er reißt seine Arme in die Luft, wobei seine Jubelfaust gnadenlos den Mann neben ihm trifft. Entsetzt schaut Samú in das frisch geohrfeigte Gesicht des Herren neben ihm. Als er sich entschuldigen will, umarmt ihn der Mann nur und ruft durch die tobende Menge: „Heute entschuldigen wir uns für nichts. Heute wird gefeiert!”

Zwischen Sexualität und Nationalstolz

Sonja, Marga und ganz Budapest ist emotional. Am Sonntagabend stieg der Pegel der Donau, so viel wurde geweint. “Nie in meinen 22 Lebensjahren, in denen sich die Politik zwischen mich und meine Sexualität stellte, habe ich Hoffnung, dass sich die Dinge in Ungarn ändern könnten, verspürt.“

Peter Magyar ist dabei nicht gerade der Regenbogen am Himmel der LGBTQ+ Community. Dafür ist er viel zu konservativ. Sonja und Marga ist klar, dass Ungarn nicht über Nacht zum Safespace für queere Menschen modifiziert wird. Sie erklären, dass zuerst übergeordnete Themen adressiert werden müssen, bevor sie dran sind. Aber „der Standard für LGBTQ+-Personen ist in Ungarn so niedrig, dass allein der Fakt, dass unsere Rechte nicht weiter gekürzt werden, ein Erfolg ist.” Sonja und Margas Umfeld wünscht sich, dass Magyar die Demokratie wieder aufleben lässt, sodass sie in vier Jahren erstmals für Parteien stimmen können, die für ihre Werte kämpfen.

Alle drei Studierenden beschreiben ein Gefühlschaos, in das sich neben der Euphorie des Wahltages nun auch frischer Zweifel einschleicht. Sie haben all ihr Vertrauen in Peter Magyar gesteckt. Es blieb ihnen keine andere Möglichkeit. Entgegen Magyars Beteuerungen besteht die Angst, seine Partei könnte sich zu einer Fidesz 2.0 entwickeln. „In den letzten Jahren wurde viel versprochen und gebrochen.” 

Bisher war es Konsens, Ungarn zu verlassen und eine Zukunft in Westeuropa zu suchen. Sowohl Sonja als auch Samú haben sich ihr Leben lang darauf vorbereitet, ihre Heimat hinter sich zu lassen. „Jeder hat davon gesprochen, aus diesem Drecksloch zu entkommen. Hätte Fidesz gewonnen, hätte ich meinen Master auf jeden Fall im Ausland absolviert.” 
Sonja plant dennoch, nach Deutschland auszuwandern. Die Idee, dass sie eines Tages in ihrer Heimat vollständig akzeptiert wird, löst in ihr ein lange als unmöglich gehaltenes Gefühl der Zuversicht aus – ein Silberstreif am Horizont. 

Auch Samú wurde am Wahltag von einer gänzlich neuen Empfindung überrascht:
„Sonntag fühlten wir das erste Mal in unserem Leben, was Nationalgefühl bedeutet. Ich bin kein Patriot, aber ich liebe die ungarische Kultur. Sie ist wunderschön! Aber all diese Dinge wurden uns gestohlen —  Ungarisch zu sein wurde uns gestohlen, ein Teil dieser Nation zu sein wurde uns gestohlen. Als ich am Sonntag durch die Straßen lief, war ich stolz auf meine Nation, stolzer als je zuvor.”

Dieser Text erschien in der Ausgabe Nr. 457, Mai 2026


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