Bei meinem Rundgang durch die Räume der Jenaer Obdachlosenunterkunft und dem Gespräch mit der Hausleitung wird deutlich, unter welchen Bedingungen die Menschen dort leben und wie Unterstützung konkret aussieht.
Text von Philip Schön
Fotos von David Boué
Es ist kurz vor 10 Uhr an einem Freitag. In der Jenaer Obdachlosenunterkunft Am Steiger erwartet mich der Hausleiter Herr Schmidt zu einem Gespräch. Vor der Tür stößt mein Besuch auf Interesse der Bewohner, es gibt auch eine Ermahnung: „Meine Bücher fasst du aber nicht an!“, ich nehme es mit Humor und berichte Euch von meinem Besuch.
Lösungen für alle finden
Die Obdachlosenunterkunft ist eine Einrichtung der Stadt. Sie ist verpflichtet, Obdachlosen eine Unterbringung anzubieten. Im Büro hängt ein Übersichtsplan mit der Zimmerbelegung. In Gemeinschaftszimmern stehen insgesamt 40 Betten zur Verfügung, davon sind aktuell 25 belegt. Hausleiter Schmidt stellt klar: „Es kommt keiner freiwillig hierher. Jeder, der kommt, hat Bedarf. Über allem steht die Unterbringungspflicht. Wir müssen für alle eine Lösung finden. Egal, wie sie sich gestaltet.“ Neben der Obdachlosenunterkunft Am Steiger gibt es für Frauen und Familien noch eine Unterkunft in Lobeda.
Das Thema Obdachlosigkeit in Zahlen zu fassen, sei sehr schwer. Aktuell sind laut Schmidt in Jena insgesamt etwa 70 Personen in mehreren Wohnheimen untergebracht und somit wohnungslos, aber nicht obdachlos. Dazu kommen ungefähr zehn obdachlose Personen, die aus unterschiedlichen Gründen die Notunterkunft nicht in Anspruch nehmen. Sie werden im Rahmen der Straßensozialarbeit regelmäßig aufgesucht, um persönliche Bedarfe und gegebenenfalls eine Unterbringung im Wohnheim zu eruieren. Dabei unterstützen auch Streetworker, die sich im gesamten Stadtgebiet bewegen. Für Personen mit erkennbarer Eigenständigkeit besteht die Möglichkeit der Unterbringung in der August-Bebel-Straße. Dies ist eine Art Aufstiegsunterkunft. „Dort müssen wir uns sicher sein, dass keine Eskalationen entstehen, weil wir dort keinen Wachschutz haben”, so Schmidt. In der Unterkunft Am Steiger dagegen ist außerhalb der Bürozeiten ein Mitarbeiter einer Wachschutzfirma vor Ort, auch um Nachtschlafgäste aufzunehmen.

Entgegen vieler Erwartungen ist die Nachfrage nach Schlafplätzen im Winter nicht größer als im Sommer. Die Möglichkeit als Nachtschlafgast unterzukommen, besteht täglich (auch an Wochenenden und Feiertagen) von 19:30 Uhr bis 07:30 Uhr. Die Unterbringung erfolgt dann im Notaufnahmezimmer und ist meist auf wenige Tage befristet. Gegebenenfalls folgt im Anschluss eine feste Aufnahme im Haus mit Meldeadresse, welche durch die Hausleitung tagsüber im Rahmen der Bürozeiten durchgeführt wird. Neben der niedrigschwelligen Unterbringung im Notaufnahmezimmer gibt es für Härtefälle eine Notgarage mit sechs Betten. Diese dient Personen, die nicht im Haus untergebracht werden können, zum Beispiel aufgrund von Inkontinenz, Suchtproblematiken oder Eigen- und Fremdgefährdung. Schmidt erklärt: „Wir sind ein Akuthaus, in dem wir mit psychischen Erkrankungen und Suchterkrankungen umgehen müssen“.
Zur täglichen Nutzung steht den Bewohnern einiges zur Verfügung. Bettwäsche und Handtücher werden gestellt. Jedes Zimmer verfügt über Zugang zu gemeinsam genutzten Sanitär- und Waschräumen. Es geht in erster Linie um die Ausstattung zum Schlafen, Essen wird nicht angeboten. Auch wenn die Möglichkeit besteht, in den Gemeinschaftsküchen etwas zuzubereiten. Für Bedürftige können Lebensmittelgutscheine ausgegeben werden und es gibt in Jena drei Anlaufstellen für kostenloses Foodsharing, das sei unkompliziert möglich, so Schmidt.
Leben auf engem Raum
Schnell wird bei beim Rundgang durch die Räumlichkeiten klar: Die Unterbringung hier ist nichts, was ich mir oder anderen Personen wünschen würde. Es bedeutet ein Leben mit vielen unbekannten Personen auf engem Raum. Vom Zimmer der Bewohner über Bad, Küche und Gemeinschaftsraum muss alles geteilt werden – Privatsphäre ist nicht gegeben. Alles Nötige ist zwar vorhanden, aber nichts, was Wohnlichkeit oder Gemütlichkeit ausstrahlt. Nichts, was zum Verweilen einlädt. Die Bewohner müssen ihre persönlichen Gegenstände auf ein Minimum reduzieren. Mehr als den Inhalt von zwei bis drei Reisekoffern kann keiner mitbringen. „Wir haben einfach nur begrenzt Platz. Niemand kann sich hier so häuslich einrichten wie in seiner eigenen Wohnung“.

Ich gehe weiter ins Notaufnahmezimmer, es wirkt kahl, kühl und leer. An den Wänden sind keine Bilder und die Fenster sind notdürftig mit einer Gardine abgedunkelt, die darin eingeklemmt wurde. Im großen gemeinschaftlichen Aufenthaltsraum stehen lediglich Tische, Stühle, ein Fernseher sowie Regale mit Büchern und ein paar Gesellschaftsspielen. Alle Einrichtungs- und Ausstattungsgegenstände werden gestellt, lediglich das Bücherregal ist Überbleibsel von ehemaligen Bewohnern.
Ausbesserungen notwendig: Notgaragen werden ersetzt
Beim Rundgang wird sichtbar: Aufgrund des älteren Zustands des Hauses und dem Nutzungsverhalten der Bewohner sind Ausbesserungen notwendig. Der Zustand der Außengarage ist nicht mehr zeitgemäß. Der Notgaragenkomplex soll im Laufe des Jahres saniert und durch Funktionscontainer ersetzt werden. Sanitäranlagen und Küchen sind in einem guten Zustand.
Der Hausleiter betont, wie unterschiedlich die Wege in die Obdachlosigkeit sind. Ein Teil der Bewohner sei nach Deutschland geflüchtet. Es gibt aber auch Personen, die ihren Job verloren haben und von einer Zwangsräumung betroffen waren. Teilweise werden Mietverträge selber gekündigt, weil Mieter zum Beispiel in eine größere Wohnung umziehen wollten, aber dann aufgrund der Wohnungsnot keine andere Wohnung mehr finden. Für die Unterbringung in der Obdachlosenunterkunft fällt eine Gebühr von 304 Euro im Monat an. Für Bezieher von Sozialleistungen übernimmt das Sozialamt die Gebühr.

Im Schnitt bleiben die Bewohner vier bis sechs Monate. Circa 50 bis 60 Prozent gelingt der Weg aus der Obdachlosigkeit in einen neuen Lebensabschnitt. Eine zeitliche Befristung gibt es nicht. Solange der Bedarf da ist, werden die Leute beherbergt. Schmidt berichtet mir, dass Personen teilweise aufgrund fehlender Alternativen auch im hohen Alter die Unterkunft in Anspruch nehmen müssen. Psychische Erkrankungen haben in den letzten Jahren enorm zugenommen. Das Thema überlagert mittlerweile vieles, erzählt mir Schmidt.
Hilfe für besonders schwierigen Fall
Der Hausleiter beschreibt seine Arbeit als mental herausfordernd und erzählt, dass er manchmal ein dickes Nervenfell brauche. Aber auch positive Erlebnisse prägen den Arbeitsalltag. Schmidt erinnert sich an einen Spezialfall vor einigen Jahren. Eine komplett verwahrloste Person nächtigte auf dem Eichplatz, mit zerrissener Hose und offenen Wunden. Der für das Haus zuständige Sozialarbeiter hat immer wieder mit ihm gesprochen und ihn schließlich überredet, Hilfe der Obdachlosenunterkunft anzunehmen. Da eine Unterbringung im Haus oder der Garage für ihn nicht in Frage kam, wurde im Hof unter dem Vordach eine Bank installiert und es entstand ein komplettes Pflegesystem: Die Volkssolidarität kam regelmäßig zur Wundversorgung und die Mutter des Obdachlosen brachte Essen vorbei.
Nach anderthalb Jahren konnte der Betroffene in eine Einrichtung in Leipzig ziehen, das wäre vorher undenkbar gewesen. Schmidt kann daraus positive Energie schöpfen. „Es gibt immer wieder Fälle, wo wir froh sind, dass es geklappt hat. Das ist ganz wichtig, weil der Weg dahin schwierig war.“ Es gibt aber auch frustrierende Momente. Es werde immer schwerer, die verschiedensten Probleme der Leute zu lösen. Besonders schwierig sei es für Personen, die aufgrund von enormen Mietschulden bei großen Wohnungsgesellschaften keine Wohnung bekommen können.
Wunsch nach Weiterbildungen
Auf die Frage, was er sich für seine Arbeit wünsche, antwortet Schmidt: „Das Thema Weiterbildungen ist aufgrund der vielschichtigen Anforderungen für mich und meine Kollegen ganz wichtig. Weiterbildungen für Mitarbeiter werden regelmäßig geprüft – vor allem wegen der stetig steigenden Anforderungen in der täglichen Arbeit – und im Rahmen der Möglichkeit auch angeboten“.
Dieser Text erschien in der Ausgabe Nr. 457, Mai 2026

