Dieser Text ist selbsterklärte Vogel-Propaganda

von Markus Manz

Ich bekenne, ich finde Vögel ganz gut. Ich mag große, unglaubwürdig hübsche Hyazintharas, die Schlösser knacken und Wasserhähne bedienen können. Ich mag bizarre Artgenossen wie den Klagetagschläfer, den vielleicht gruseligsten Vogel überhaupt. Ich mag Humboldt-Pinguine, die verbissen einem Schmetterling hinterherjagen und kleine Strandläufer, die neurotisch durch den Sand flitzen. Und weil ich selbst (leider) kein abgehobener Blaupapagei bin, sondern ein bodenständiger Beobachter des gefiederten Geschehens, liegt mir natürlich auch die heimische Vogelwelt am Herzen. 

Um mit diesem Interesse mehr in die Richtung eines richtigen Hobbys zu gehen, habe ich mir kürzlich ein Teleobjektiv angeschafft. Seitdem muss mein Körper sehr viele Glückshormone produzieren. Ich bin zwar immer noch bodenständiger Beobachter, aber auch im Himmel (mit 300mm). Den wuseligen Piepmatzen endlich auf Konsensebene nahe zu sein, das können nicht viele von sich behaupten. Mein topografisches Gedächtnis von Jena ist ein Netz aus Vogelspots geworden. Ich weiß, dass es auf dem Eichplatz die spektakulärsten Spatzenkämpfe gibt. Unter der Grießbrücke lebt eine auffallend eingebildete Mandarinentenfamilie, das souveränste Augenmakeup haben die Amseln vom Friedensberg und die rauschendsten Feste feiern Feldlerchen am Napoleonstein. Jedenfalls klingt ihr Gesang oft verdächtig alkoholisiert. 

Aber die freundliche Eiche der Vogelfotografie wirft auch Schatten. Die meisten Frustmomente auf meinen Streifzügen hängen mit der sicher weltverändernden Erkenntnis zusammen, dass sich viele Vögel gerne in Bäumen aufhalten und Menschen ganz allgemein nicht besonders mögen. Lokalisierung ist also ein Ding. In meinem Fall kann man sich das ziemlich akkurat als ein minutenlanges Nach-Oben-Starren vorstellen, während es von allen Seiten hämisch zwitschert. Demgegenüber steht die Gefallsucht der Jenaer Amsel, die wirklich immer zum Posieren nach unten kommt. Das Tortendiagramm meines digitalen Artenbestands erinnert deshalb gerade auch ein wenig an die Geschlechterverteilung von FSU-Professuren. Tut mir leid, liebe Amsel. Du bist wunderschön, aber ich habe schon 350 sehr vorteilhafte Bilder von dir. Dann vielleicht doch lieber nochmal das langweilige Ziffernblatt von St. Michael knipsen. Fazit: Trotz gelassener Federn ein sehr erfüllendes Hobby: 10 von 10.

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