Thüringer Zustände

Brandanschläge auf Asylunterkünfte, rechtsextreme Gewalt in Schulen und Thüringen als Rechts-Rock-Hotspot. Die neu veröffentlichte Analyse „Thüringer Zustände 2025“ zeigt, was im Bundesland jetzt Alltag ist.

Text von Lucy Tusche
Illustration von Iulian Thomas

Mehr als drei rechte Gewalttaten fanden 2025 in Thüringen im Durchschnitt pro Woche statt. Das ergab das Monitoring der Beratungsstelle Ezra für Opfer von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt. Insgesamt wurden 181 Angriffe erfasst, bei denen mindestens 292 Menschen direkt betroffen waren. 103 Angriffe gehen auf ein rassistisches Tatmotiv zurück. Es folgen Angriffe auf politische Gegner:innen (33) und Angehörige der LGBTIQ*-Community (16). Bei den queerfeindlichen Straftaten fällt laut den Autor:innen vor allem die Brutalität der Angriffe auf. Dass sich ein schwules Paar in Erfurt an den Händen hielt, nahmen Täter 2025 zum Anlass, um unvermittelt auf einen der Männer einzuschlagen. Als dieser zu Boden fiel, trat der Täter weiter auf ihn ein.

Öffentliche Angsträume und Brandanschläge

Für Betroffene von rechter Gewalt werden öffentliche Räume zu „Angsträumen“. An Bushaltestellen, Bahnhöfen und öffentlichen Verkehrsmitteln komme es besonders häufig zu rechter Gewalt. Doch auch das eigene Zuhause sei für einige migrantisch gelesene Personen kein sicherer Ort. 2025 gab es in Thüringen mehrere Angriffe auf Asylunterkünfte. Im Ilm-Kreis schlugen Täter die Scheibe einer Geflüchtetenunterkunft ein. Anschließend warfen sie eine Feuerwerksbatterie in den Raum, den eine dreiköpfige Familie bewohnte. Die Mutter verletzte sich, als sie vor dem Brand aus dem Fenster floh. Der Angriff habe sich für die Betroffenen „wie Krieg“ angefühlt. Einen weiteren Brandanschlag verübte die extrem rechte Jugendgruppe Letzte Verteidigungswelle auf eine Asylunterkunft in Schmölln. Die Gruppe besteht aus jungen, teils minderjährigen Neonazis aus mehreren Bundesländern.

Jena auf Platz zwei bei rechter Gewalt

Die Thüringer Zustände zeigen, dass die Landeshauptstadt Erfurt und die Region Ostthüringen ein Hotspot rechter Gewalt sind. Die meisten Angriffe ereigneten sich in Erfurt (35); es folgen Jena (22), das Altenburger Land (16), Gera (12), der Landkreis Nordhausen (12) und der Landkreis Greiz (9). Bislang kaum in der Statistik erfasst sind rechte Angriffe an Schulen. Die Häufigkeit der Angriffe sei in den letzten Jahren stark gestiegen und auch die Qualität der Taten habe sich laut Ezra verändert. Während es sich in der Vergangenheit vor allem um rechtsextreme Vorfälle bei einzelnen Schüler:innen gehandelt habe, seien Lehrkräfte mittlerweile mit massiven Anfeindungen von Gruppen rechtsextremer Schüler:innen, aber auch zunehmend von Eltern und Kolleg:innen konfrontiert. Manche Lehrer:innen berichten von rechter Hegemonie an ihrer Schule. Schüler:innen würden auf Klassenfotos das White-Power-Zeichen machen, migrantische Kinder würden bedroht oder angegriffen.

Großdemonstrationen, Rechts-Rock-Hotspot und Nachwuchsneonazis

Die Thüringer Zustände zeigen auch, dass Thüringen 2025 weiterhin ein wichtiges Zentrum für die bundesweite rechtsextreme Szene ist. Am 1. Mai und am 3. Oktober fanden mehrere Großdemonstrationen statt, bei denen sich Neonazis, Reichsbürger und andere antidemokratische Gruppen aus ganz Deutschland in Thüringer Orten versammelten. Am 1. Mai, dem Tag der Arbeiterbewegung, mobilisierte die Partei Die Heimat 1000 Teilnehmer:innen für eine rechtsextreme Demonstration in Gera. Die Partei Der Dritte Weg veranstaltete am gleichen Tag eine Demonstration in Suhl, der 220, vor allem junge Neonazis folgten. Im Juni veranstaltete die neonazistische Jugendorganisation der Partei ein „Jugendcamp“, für das bis zu 100 junge Menschen aus ganz Deutschland nach Berga/Elster (Landkreis Greiz) strömten. Wenige Monate später, am 3. Oktober, trafen in Altenburg 800 Teilnehmer:innen aus dem rechtsextremen Spektrum zu einer Demonstration zusammen, zu der die Freien Sachsen und Die Heimat mobilisiert hatten.

Neben den Demonstrationen war Thüringen 2025 das Zentrum der Rechts-Rock-Szene mit einer bundesweit einmalig hohen Konzertfrequenz. 100 Konzerte fanden im Bundesland statt; 63 davon in der Szene-Immobilie Eiserner Löwe des Thüringer Neonazis Tommy Frenck in Brattendorf.

Das waren die Thüringer Zustände im Jahr 2025: Für migrantisierte Menschen sind öffentliche Räume und das eigene Zuhause weiterhin Räume der Angst. Viele von ihnen überlegen, Thüringen zu verlassen, bevor es zu spät ist.

Dieser Text erschien im Akrützel 461.


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