Stellungnahme Theologische Fakultät

Zum Artikel “Sparen ja – nur nicht bei Gott” aus der Ausgabe 458, Mai 2026 erreichte uns eine Stellungnahme der Theologischen Fakultät, die wir hier unverändert veröffentlichen.

Recherche und Ressentiment, oder: Wie sieht es so aus im Gallischen Dorf?

„Ein Gespräch kam aber nicht zustande“ (13). Das ist ein guter journalistischer Standardsatz. Er insinuiert bei den Leser*innen, dass ein echter Scoop gelungen ist: Investigative Recherche, ein aufgedeckter Skandal – und offensichtlich scheuen die Betroffenen, hier: die Professor*innen der Theologischen Fakultät, davor zurück, damit im Licht der Öffentlichkeit konfrontiert zu werden. 

„Ein Gespräch kam“ tatsächlich „nicht zustande“. Das ist richtig. Stereotype Anfragen per Email an Professor*innen der Theologischen Fakultät waren mit der Einladung zu einem Gespräch mit dem Dekan beantwortet worden. Auf diese Einladung haben die Akrützel-Autor*innen dann nicht mehr reagiert. Das ist schade. Denn dieses Gespräch, wäre es zustandegekommen, hätte dazu führen können, dass weniger Ungenauigkeiten oder „alternative Fakten“ in den Akrützel-Artikel geraten wären. Etwas mehr Recherche, etwas weniger Ressentiment. 

Zum Beispiel bei den Zahlen. Zahlen sind wichtig, vor allem wenn es um Geld geht. Ja, die Zahl der Studierenden an der Theologischen Fakultät ist zu klein, und ja, die Zahl der Professuren an der Theologischen Fakultät wirkt dagegen sehr groß. Aber als Mitbewohner des beschworenen Gallischen Dorfes würde ich doch gerne präzisieren: „13 Professoren, inklusive zwei Seniorprofessuren“ (12) heißt in Wirklichkeit: Zehn Universitätsprofessor*innen, eine Juniorprofessorin und zwei Seniorprofessor*innen. Letztere sind – es geht um Geld, darum sei es gesagt – kostenneutral.  

„Aktuell läuft ein Berufungsverfahren für einen dritten Professor im Bereich Systematische Theologie“ (12). What an outrage! Doch unabhängig davon, ob das nun nach der Rechnung der Autor*innen die Professur 12 oder 14 wäre – die Rechnung wäre falsch. Die Nachbesetzung der vakanten Professur Systematische Theologie (Dogmatik) und parallel dazu das Tenure-Track-Verfahren im Fach Systematische Theologie (Ethik) führen im Ergebnis zur Zahl zwei: Die Juniorprofessur ist die vorgezogene Nachbesetzung der Professur Ethik. Höhere Mathematik also 2+1-1=2.

Aber das heißt doch: Sie sparen nicht?! Hier die Zahlen: In den STEP-Runden I und II sowie nach dem Zukunfts- und Entwicklungsplan wird die Theologische Fakultät zwischen 2017 und 2028 insgesamt 3,75 VZÄ gekürzt haben, darunter eine Professur (Lehrstuhl für Altes Testament). Das entspricht, je nach Stellenberechnung, einem Anteil von 10–12,6 %.Dass es womöglich dabei nicht bleiben können wird, ist jedem und jeder unbeugsamen Gallier*in bewusst. 

So viel zu den Zahlen und zum Sparen. Wie steht es nun um die Mitsprache der Kirche „an der eigentlich staatlichen Aufgabe Bildung“ (13)? Hier liest man viel Interessantes über historische Hintergründe und – merkwürdig genug – über die Situation an katholischen Fakultäten. Dass Studien- und Prüfungsordnungen „de facto von der Kirche festgelegt“ (13) würden, ist schlicht falsch. Aber, ja, die Richtlinien für die Studienordnungen an deutschsprachigen theologischen Fakultäten beschließt der Evangelisch-Theologische Fakultätentag – und dort haben neben den Vertreter*innen der Fakultäten auch kirchliche Vertreter*innen eine Stimme. Bei diesem Verfahren geht es nicht zuletzt um die Vergleichbarkeit der Abschlüsse an den unterschiedlichen Standorten, die Möglichkeit von Studienortwechseln und die Qualitätssicherung. Dass es hierbei durchaus kontrovers zugeht – nicht zuletzt auch zwischen Fakultäten und Landeskirchen – davon dürfen sich Vertreter*innen des Akrützel gerne im Oktober überzeugen, wenn der Fakultätentag in Jena tagen wird. 

Knackpunkt scheinen mir aber weniger die Details zu sein. Es geht, denke ich, auch in diesem Artikel grundsätzlich um die Frage, ob Theologie – an konfessionell oder überkonfessionell ausgerichteten Fakultäten – neben einem historischen auch aktuell einen Platz an der Universität hat, und das in dieser aus der deutschen Geschichte zu erklärenden Doppelbindung: staatlicherseits finanziert und organisiert, kirchlicherseits mit Mitspracherecht. Die Absicht dieser Doppelbindung ist klar: Sie spiegelt ein zweifaches gesellschaftliches Interesse: Einerseits soll einem möglichen direkten staatlichen Zugriff auf Form und Inhalte des Theologiestudiums gewehrt werden, das ja – nicht nur, aber doch auch wesentlich – der Bildung späterer Pfarrer*innen und Religionslehrer*innen dient. Stichwort: Keine Staatskirche! Andererseits soll die Verortung an staatlichen Universitäten dazu dienen, den Charakter der Wissenschaftlichkeit von Theologie zu bewahren, die interdisziplinäre Dialogfähigkeit zu erhalten und mögliche Tendenzen kirchlichen oder religiösen Rückzugs in Binnendiskurse zu vermeiden. Stichwort: Kein Fundamentalismus! Nicht zuletzt die Einrichtung von Instituten für islamische Theologie an mehreren deutschen Hochschulen nach dem Vorbild theologischer Fakultäten belegt, dass man in diesem Konzept durchaus ein Erfolgsmodell sehen kann und sieht. 

Denn so paradox es klingt: Gerade diese Doppelbindung führt dazu, Theolog*innen zu unabhängig denkenden, christlich-kritischen und freiheitlichen Persönlichkeiten gegenüber Kirche wie Gesellschaft zu bilden. Das ist auch genau der Grund, warum es aktuell eine Partei gibt, die das vorhandene Ressentiment gegen Kirchen sowie universitäre Theologie massiv nützt und schürt. Das ist die AfD. Ihr Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt ist auch in diesem Punkt recht unzweideutig.

Jenseits der Frage nach dem Geld und der personalen Ausstattung einer theologischen Fakultät geht es also um mehr. Ohne dramatisieren zu wollen, ist die Frage letztendlich auch hier: Welche Gesellschaft wollen wir? Und, um die Metapher aus dem Akrützel-Artikel aufzugreifen: Wer sägt wodurch an welchem Ast, auf dem wer sitzt? Ich finde, hierüber sollte tatsächlich noch „ein Gespräch zustandekommen“. Die herzliche Einladung dazu ist durch das Dekanat bereits ergangen. Wir freuen uns auf die Antwort. 

Für die Theologische Fakultät: Hannes Bezzel


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