Im Oktober 2025 erschien im Akrützel ein Artikel, der sich mit der Gaza-Debatte an der Uni Jena befasste. Ihr könnt ihn hier nachlesen. Dies betreffend erreichte uns folgender Leserbrief, den wir unbearbeitet nach Absprache veröffentlichen.
von Bastian Rosenzweig
14.11.2025
Kein Raum für Differenzierung
Liebe Redaktion,
bei Leser*innenbriefen ist man ja meistens eher froh, wenn sie gar nicht erst auftauchen. Ich komme aber trotzdem nicht umhin, euch zu schreiben und hoffe, meine Nachricht wird nicht direkt beleidigt in den Papierkorb verschoben, wenn ich sage: Der Aufmacher eurer letzten Ausgabe (451) ist ein Tiefpunkt, von dem ich nicht erwartet hätte, dass er passieren kann. Als ich gelesen habe, wie gedankenlos und verharmlosend im Text über Antisemitismus geschrieben wird, ist mir ein bisschen schlecht geworden.
Und vorab: Es geht nicht darum, die „Solidarität“ der Uni mit einem Land, das am laufenden Band Zivilist*innen ermordet, zu verteidigen oder darum, pro-palästinensische Aktivist*innen zu verunglimpfen. Es geht nicht um die Zuordnung zu einer von scheinbar zwei Fronten, denn genau die scheint mir hier das Problem zu sein.
Ohne Betroffenengruppen zu befragen und offensichtlich ohne sich mit dem Thema Antisemitismus besonders lange auseinandergesetzt zu haben, maßt sich der Autor an, hier das Urteil zu fällen: nö, hat nichts mit Antisemitismus zu tun. Und das, nachdem er die fraglichen Äußerungen sogar (fast) alle benannt hat:
- Die Hamas wird als notwendige Konsequenz der israelischen Besatzung bezeichnet.
- Es wird geäußert, dass es für die Palästinenser*innen und die israelische Bevölkerung am besten wäre, man würde letztere von ihrem historisch gewalttätigen und aggressiven Charakter befreien.
- Weil es so gut kickt, wird auch noch der Holocaustvergleich herangezogen. Der geht ja immer.
Begründet wird das Urteil kein Antisemitismus vor allem mit Nebelkerzen: Es habe ja niemand das Wort Jüdinnen oder Juden benutzt, die Grenzen verschwämmen ja eh immer schnell und wann etwas Antisemitismus sei und wann nicht, sei relativ, die einen bräuchten eben die eine Definition, die anderen eine andere. Und überhaupt lege der Kontext nicht nahe, dass die Aussagen wirklich antisemitisch wären. Das zu behaupten sei „flapsig“, es sei höchstens „provokant“ gewesen. Damit wird das Thema vom Tisch geräumt, denn es geht ja hier schließlich um Wichtigeres. Pro-palästinensischen Aktivist*innen wird ja gerne mal zu Unrecht Antisemitismus vorgeworfen, also wird es wohl auch hier so sein.
Obwohl der Artikel sich zu einem großen Teil um die Antisemitismusvorwürfe dreht und diese auch noch für nichtig erklärt, bleibt das Thema inhaltlich fast völlig leer. Stattdessen wird sich mit einem jovialen „Nun, das kommt drauf an“ um eine Auseinandersetzung herum gewunden. Ansonsten wäre vermutlich aufgefallen, dass einige der Aussagen sowohl gemäß der IHRA als auch gemäß der JDA antisemitisch sind, dass nicht nur die Definition der IHRA, sondern auch die JDA Gegenstand von Kritik ist und dass es lächerlich ist, so zu tun, als wäre das Thema in der Wahl zwischen zwei kurzen Guidelines erschöpft.
Es spricht übrigens für sich, dass die Definition von Antisemitismus erst zu einer politischen Geschmacksfrage erklärt wird und dann ohne weitere Diskussion eine zur eigenen Position passende (dritte?) Definition als Urteilsgrundlage herangezogen wird. Auch die Formulierung, dass Jena for Palestine einen „antikolonialen Kampf“ kämpfe, sagt viel aus. Warum wird der Redebeitrag von Jena for Palestine zu einem ja, die waren auch da, verkürzt? Und warum wird verschleiert, dass eine Zuhörer*in sich mit dem Vortragenden einig darüber ist, dass es besser wäre, die Israelis von ihrem historisch gewalttätigen und aggressiven Charakter zu befreien?
Der erste Teil des Artikels wirkt auf mich, als wäre er aus einer undurchdringlichen Abwehrhaltung heraus einfach schnell hingeschrieben worden. Das Thema wird angegangen, als würde Antisemitismus gerade nicht grassieren, als läge die Möglichkeit, dass bei einer Veranstaltung zum Nahostkonflikt antisemitische Denkmuster und Narrative reproduziert werden, völlig fern. Deshalb hält man es wohl auch nicht für nötig, Expert*innen oder Betroffenengruppen zu befragen, bevor man seine Urteile fällt – oder vielleicht einfach mal auf ein Urteil zu verzichten.
Ich wette (und hoffe): Mit vielen anderen Diskriminierungsformen wäre das nicht passiert. Bei einem Artikel, der sagt, eine Aussage könne gar nicht rassistisch gewesen sein, weil niemand explizit von Schwarzen Menschen gesprochen hätte, wären wahrscheinlich die Alarmglocken angegangen. Den Boomer, der beteuert, nicht rassistisch zu sein, aber nicht hören will, wie Rassismus funktioniert, kennen wir auch gut. Und dieser altbekannte Gestus, problematische Aussagen mit der gemütlichen Distanz des Nicht-Betroffenen als „provokant“ zu bezeichnen, hätte vermutlich auch Unbehagen hinterlassen. Aber bei Jüdinnen*Juden fragen wir lieber nochmal nach.
Man hätte ja wenigstens mal kurz darüber nachdenken können, welchen Eindruck das Ganze bei einer jüdischen Person hinterlassen könnte: In einer Zeit, in der man als Jüdin*Jude Angst haben muss, sich offen als solche*r zu zeigen, werden bei einer uni-nahen Veranstaltung antisemitische Erzählungen reproduziert, die Hamas wird zur unweigerlichen Konsequenz verharmlost und die Unizeitung veröffentlicht so einen Artikel. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Person sagen würde passt schon,unwahrscheinlich, dass es antisemitisch gemeint war, voll komisch, dass die Uni dieser Veranstaltung keinen Raum gegeben hat. Vom Akrützel würde ich mich als jüdische*r Studi jedenfalls fernhalten, wenn ich mitbekäme, dass es ein solcher Text anscheinend ohne Widerspruch ins Heft geschafft hat.
Unter anderem die selbstgefällige BU „Ein Symbolbild für Kenner“ drängt mir auch die Frage auf, ob die Motivation für den Text wirklich vordergründig der Sorge um Menschenleben entspringt oder ob nicht das geile Gefühl, wortwörtlich Flagge gezeigt zu haben, eine größere Rolle spielt. Dass bei aller Schieflage in der öffentlichen Debatte zum Nahostkonflikt das Thema Antisemitismus auch – nicht nur als falscher Vorwurf, nicht nur unter Nazis und nicht nur in Form buhender Mobs – zur Realität gehört, hat anscheinend nicht in die Agenda gepasst. Israel ist der Feind und jede Aussage, die irgendwie negativ gegenüber Israel klingt, muss man durchgehen lassen, denn sonst könnte ja der Verdacht aufkommen, man sei nicht ganz auf Linie. Differenzierung oder Sensibilität gegenüber Betroffenengruppen dürfen da ruhig mal auf der Strecke bleiben, Hauptsache, die Buzzwords stimmen.
Es erschreckt mich auch, dass Artikel und Post nach wie vor unkommentiert online stehen und sich anscheinend niemand daran stört. Ich hoffe, das liegt nicht daran, dass die ganze Redaktion fein damit ist, sondern vielleicht daran, dass einige Hemmungen haben, der restlichen Redaktion auf die Nerven zu gehen oder bei dem Thema keine so sichere Meinung haben wie manch andere*r und deshalb lieber nichts sagen. Jedenfalls hoffe ich auch, dass diese Mail bei einigen Redaktionsmitgliedern Gehör findet, die die aus dem Artikel sprechende Gleichgültigkeit gegenüber dem Thema nicht teilen und dass das Akrützel kein Medium wird, in dem diese ignorante Abwehrhaltung (die mutmaßlich nichtinvolvierten, privilegierten Deutschen ohnehin seltsam zu Gesicht steht) unwidersprochen Platz findet.
Liebe Grüße
Ex-Redaktionsmitglied Basti
