Gut ist eine Frage der Perspektive

Die Coronakrise stellt die Hochschulen vor Herausforderungen. FSU und EAH im Kampf mit Digitalisierung, gutem Austausch und Chancengleichheit.

von Annika Nagel

In allen Bereichen bringt die Krise bestehende Defizite zum Aufleuchten: Wie die unterbezahlten Angestellten in “systemrelevanten” Berufen wie dem Gesundheitswesen, im Reinigungswesen und an den Kassen der Supermärkte. Mit bestehenden Defiziten und neuen Problemen haben auch die Hochschulen zu kämpfen.

Mittlerweile hat an der Friedrich-Schiller-Universität (FSU) und Ernst-Abbe-Hochschule (EAH) der Lehrbetrieb wieder eingesetzt. Die Hochschulen mussten auf Grund der Bestimmungen der Stadt früher auf Coronamaßnahmen reagieren als im Rest Thüringens oder auch Deutschlands.
Der Umgang mit der Krise ist an den Hochschulen unterschiedlich, aber keiner will sich vergleichen: „Alle Thüringer Hochschulen bemühen sich enorm, die Krise für ihre Studierenden und Beschäftigten so optimal wie möglich zu gestalten“, sagt Steffen Teichert, Rektor der EAH. Die Ausgangslage zwischen den beiden Jenaer Hochschulen mag unterschiedlich sein, denn die FSU hat mit ihren ca. 18.000 Studierenden und ca. 9.000 Angestellten viel mehr Personen zu koordinieren als die EAH, welche nur etwa ein Viertel dessen umfasst. 

Dennoch ist der unterschiedliche Vorlesungsstart von einem Monat doch beträchtlich – an der EAH ging es schon Anfang April wieder weiter. Die EAH hat sich durch ihre schnellere Reaktion den Oktober als Puffermonat freigehalten, um auf etwaige Weisungen reagieren zu können und dann planmäßig am 2. November in das Wintersemester zu starten.
Iris Winkler, Vizepräsidentin für Studium und Lehre an der FSU, erklärt den späteren Beginn an der Uni: „Es ging uns darum, den Studierenden gegenüber in der Kommunikation des Vorlesungsbeginns verlässlich zu sein und den Lehrenden die nötige Zeit zur Vorbereitung digitaler Angebote zu geben.“ Die drei Wochen, die den Studierenden der FSU fehlen, sollen jedoch nicht in kürzerer Zeit „durchgepaukt“ werden – so zumindest die klare Anweisung der Unileitung.

About Going Digital

Beide Hochschulen bieten mittlerweile breitflächig digitale Veranstaltungen an. Präsenz ist lediglich bei Praktika, zum Beispiel im Labor, bei Exkursionen, Prüfungen und praktischen Abschlussarbeiten sowie Sportpraxis, unter Hygienevorschriften gestattet. Teichert berichtet, dass von den Lehrveranstaltungen in diesem Semester 80 bis 90 Prozent digital
angeboten werden. Ähnlich sieht es an der Uni aus. Winkler erklärt, dass mit der Einrichtung der Stabsstelle Digitale Universität die Digitalisierung nun noch gezielter vorangetrieben werden konnte: „Wir waren auf einem guten Weg, wenn auch noch lange nicht am Ziel.“

Was bedeutet das nun für den Alltag in der Lehre? Bereits vor Vorlesungsbeginn stürzten die Server an der FSU regelmäßig ab und Moodle war, wie auch in der Vergangenheit, oft nicht erreichbar. Während die FSU-Server zeitweise überlastet sind, spendet die EAH ihre Kapazitäten außerhalb der Veranstaltungszeit sogar noch der Forschung nach einem Impfstoff gegen Corona.
Dennoch sei man in puncto Digitalisierung der Lehre an FSU und EAH etwa gleich weit, schätzt Uni-Präsident Walter Rosenthal. Vom Angebot her könnte das der Fall sein, jedoch lässt die Umsetzung noch zu wünschen übrig, gibt der FSU-Stura zu bedenken. Der blanke Aktionismus komme eben nicht ohne Pragmatismus aus.
Während die EAH einheitlich BigBlueButton und Moodle nutzt, herrscht bei der FSU die Vielfalt. Vom System setzen viele an der FSU auf Moodle, aber auch auf die FSU Cloud und als Videochatprogramm auf Zoom. Der FSU-Stura sieht es als kritisch, dass Studierende teilweise zur Benutzung von Zoom gezwungen sind, obwohl dieses Sicherheitslücken besitzt. Einzelne Dozierende nutzen hingegen Open-Source-Programme wie jitsi oder BigBlueButton, obwohl auch auf der
Seite von LehreLernen (Servicestelle für Didaktik an der FSU) Zoom als erste Wahl steht.
Im neuen Newsletter Lehre berichten Dozierende der FSU aus verschiedenen Bereichen von ihren Erfahrungen. Viele scheinen sich auf die Hilfe von LehreLehren zu stützen, andere setzten auf den Austausch mit Kollegen an anderen Hochschulen.

Gut ist Ansichtssache

Einerseits wird die Möglichkeit, innovativ digitale Lehrformate auszuprobieren, begrüßt. Auch Winkler hofft, dass die Erfahrungen und Erkenntnisse über die Krise hinaus helfen, digitale Formate optimal didaktisch einzusetzen. Auch Teichert ist zuversichtlich, dass die Digitalisierung von Lehre und Geschäftsprozessen weiterhin genutzt werden wird.
Auf der anderen Seite steht die Gewissheit, dass der Diskurs und Face-to-face-Austausch damit nicht ersetzt werden kann, aber ein unverzichtbares Element des Studiums ist. „Ich vermute, dass Präsenz nach der Krise eine ganz neue Wertschätzung erfahren wird“, meint Winkler.
Auch Praktika, bei denen Präsenz zwingend erforderlich ist, sind nun eine besondere Herausforderung. „Das erfordert von allen Beteiligten ein hohes Maß an Rücksicht und selbstverständlich die strikte Einhaltung
geltender Hygienemaßnahmen”, erläutert Teichert.
Für die meisten Dozierenden ist digitale Lehre etwas ganz Neues und erfordert viel zeitaufwändige Umstrukturierungsarbeit. Teichert ergänzt, dass die EAH über ein gutes Support-Team verfüge und es keine generellen Unterschiede zwischen den Fachbereichen gäbe. Zusätzlich schürt die Verfügbarkeit im Internet, die an der FSU bis zu den Prüfungen gewährleistet sein muss, die Angst, ersetzbar zu werden, berichten beide Hochschulen. 

Kommunikative Defizite

Alles entscheidend für ein Gelingen der digitalen Lehre ist gute Kommunikation. Diese wird von Winkler und Teichert als positiv empfunden, sowohl in der Hochschulleitung als auch mit den Studierenden und Dozierenden. Die EAH hat hierzu ihr Intranet stark ausgebaut, sodass der Austausch schneller möglich ist.

Die Studierendenräte sehen das teilweise etwas anders, denn obwohl es nach Forderung des FSU-Stura einen wöchentlichen Austausch mit dem Präsidium, den Dezernaten und dem Vizepräsidium Lehre gibt, fühlen sich manche Vertreterinnen und Vertreter nicht gut genug gehört. Sie sind auch nicht im Krisenstab vertreten. Dieser ist nach Aussage des Präsidenten aber auch lediglich für die Umsetzung und Kontrolle der Regularien zu den Hygieneverordnungen zuständig. Winkler bewertet den Austausch als positiv und für sie persönlich wichtig: „Von den Studierenden kommen wichtige Anregungen, die wir gern berücksichtigen.“
Der EAH-Stura führte bereits im April eine Umfrage unter den Studierenden zur digitalen Lehre durch. Dem Lob zur schnellen Umsetzung, der Motivation und Kreativität von Seiten der Dozierenden und der Hochschule gegenüber standen Kritik an der Kommunikation, der teilweise schlechten Qualität der Materialien und der Ungewissheit über Angebote bis in die vierte Vorlesungswoche hinein.
Außerdem bemängeln beide Studierendenräte, dass Kulanz stark von Dozierenden abhinge. Der EAH-Stura erklärt, dass die Hochschulleitung keine Weisungsgewalt besäße, um Dozierende, die sich unter anderem auf die „Freiheit der Lehre“ aus dem Grundgesetz berufen, zur Online-Lehre zu zwingen. Kulanz und Chancengleichheit hängen weiterhin von individuellen Entscheidungen ab, auch wenn sich die FSU „totale Kulanz“ als Ziel setzt und die EAH ein großes Support-Team aufgebaut hat.

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