Travis’ Abschaum der Welt

Ab dem 28. Januar 2016 zeigt das Theaterhaus Jena die Inszenierung Taxi Driver. Regisseur Sebastian Martin und Dramaturgin Diana Insel sprechen von der Radikalisierung des Einzelgängers Travis im Film und von ihrem Versuch die Hintergründe eines Attentäters in einem Theaterstück neu zu konzipieren.

Von Annika Lohbeck

Travis Bickle steht in seinem Zimmer, blickt in den Spiegel. „Hier ist ein Mann, der sich nicht mehr alles gefallen lässt, der sich gegen den Abschaum wehrt.“ Mehrmals widerholt er seine Worte, übt die Formulierungen und sein Auftreten.
Der Film Taxi Driver von 1976 ist vor allem das Portrait des Soziopathen und Taxifahrers Travis, der in Ermangelung eines Soziallebens der Illusion erliegt, die minderjährige Prostituierte Iris retten zu müssen. Dieser Aufgabe geht er mit einem solchen Elan nach, der mit einem Massaker in dem Bordell, in dem sie lebt, endet.
Es entsteht der Eindruck, als radikalisiere er sich nicht für die Errettung des Mädchens, sondern vor allem um seinetwillen, um seinen Wunsch der Vernichtung all des Abschaums in New York zumindest im Ansatz zu verwirklichen.

„Wenn es dunkel wird, taucht das Gesindel auf: Huren, Betrüger, Amateurnutten, Sodomiten, Trien, Schwuchteln, Drogensüchtige, Fixer, kaputte Siffkranke. Ich hoffe eines Tages wird ein großer Regen den ganzen Abschaum von der Strasse spülen.“

Regisseur Sebastian Martin hat das Drehbuch des Films als Vorlage für seine Inszenierung verwendet. Die Idee kam ihm durch das Attentat eines Rechtsextremen auf die Kölner Bürgermeisterkandidatin Henriette Reker im Oktober 2015. Von dem Täter selber wusste man nichts, meinte Martin. Er kam und ging aus dem Nichts. Ähnlich also wie Travis gescheitertes Attentat auf den Präsidentschaftskandidaten Palantine im Film.
Auch in Taxi Driver werden zwei Dinge behandelt: Der rechte Gewalttäter und der Einzelgänger. Martin geht es in der Theaterinszenierung darum, den Attentäter durch die Folie des Films zu betrachten. Auch tagespolitische Themen werden angesprochen, meint Dramaturgin Insel. Außerdem wird es einige literarische Anklänge geben. „Das Ganze wird insofern eine große Montage aus unterschiedlichsten Texten, die den möglichen Verlauf von Attentaten oder radikalisiertem Denken beinhaltet. Die Inszenierung hangelt sich zwar am Film entlang, ist aber keine direkte Adaption.“
Das Stück selber wird nicht die Figur des Travis in den Vordergrund stellen, obwohl er auch in der Theateradaption die Hauptperson bleibt. Es geht vielmehr um die menschliche Psyche und was eine Person zu einem Attentäter werden lässt. Es werden drei Wege beschrieben, die zeigen, wie eine Radikalisierung aussehen kann und welche Möglichkeiten im Menschen selber stecken. Wie diese Wege aussehen, wollten Martin und Insel nicht verraten. „Es geht um ein Gesamtkunstwerk, was einen möglichst mitnehmen kann und das versucht den Fantasieraum möglichst groß zu machen“, so Insel. Neben den üblichen stilistischen Mitteln des Theaters werden Livemusik und auch visuelle Effekte durch Videokunst eingesetzt, die den Bühnenraum erweitern sollen.
Für Martin ist neben dem psychologischen Aspekt die Reaktion der Öffentlichkeit im Film interessant. Er stellt sich die Frage, ob Travis dieses Massaker nicht um Iris wegen veranstaltet, sondern um seine persönlichen Moralvorstellungen durchzusetzen. Vielleicht spielt hier auch Travis Frauenbild eine Rolle. Frauen als Menschen, die gerettet werden müssen.
Insgesamt bleibt Travis Charakter im Film undurchsichtig. Eine Entwicklung ist nicht wirklich zu erkennen. Diese Anonymität macht ihn zu einer Art Symbolfigur. Ein Einzelgänger, gewalttätig durch seine Frustration über die Gesellschaft, der moralisch richtig mordet. Oder ein Psychopath, der für die Kompensation der eigenen Unzulänglichkeit die tragische Situation eines Mädchens ausnutzt.
Die Neuinszenierung der Ideen des Films im Theater wird dazu keine Stellung beziehen, aber versuchen die Intentionen einer solchen Figur nachzuvollziehen.

Termine

  • Freitag, 11.03.2016, 20:00 Uhr, Oberstübchen
  • Samstag, 12.03.2016, 20:00 Uhr, Oberstübchen
Foto: David & Paul, Köln

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