Johannes Weiß und Matthias Benkenstein

Baron Schlafmohn

Ein Schulterschluss im wörtlichen Sinne: Zuschauer wie Schauspieler sitzen zusammengekauert auf dem Boden und bilden eine lange, mehrgliedrige Menschenkette, um gemeinsam der drohenden Gefahr zu trotzen. Die Gefahr trägt den Namen Drosophila und ist die berühmt-berüchtigte Mutter des Barons Schlafmohn. Schon glaubt man an einen Fehlalarm, als es im notdürftig verbarrikadierten Eingangsbereich gespenstisch still bleibt. Doch plötzlich beginnt der aus großen Pappwürfeln zusammengesetzte Schutzwall zu wackeln. Entsetzen macht sich im Raum breit…
Wer diese filmreife Szene selbst erleben möchte, sollte die aktuelle Produktion des „Theaters im Karton“ nicht versäumen. „Schlafmohnreich“ ist das vierte größere Projekt der in Lobeda beheimateten „sozio- und interkulturellen Theatergruppe“. Vor vier Jahren gegründet, besteht sie aus derzeit 20 bis 25 jungen Mitgliedern und setzt sich die Verbindung von Kultur- und Integrationsarbeit zum Ziel.
Eine lebendige Form von Integration erfährt auch der Zuschauer im „Schlafmohnreich“, denn er selbst wird zum Bestandteil der Inszenierung und tritt immer wieder mit den Schauspielern in Interaktion. Die gewohnte Trennung von Bühne und Zuschauerraum fehlt hier, statt dessen nehmen die Besucher in den Räumen einer WG Platz, in der die mitunter turbulente Handlung des Stückes spielt. Genaugenommen sind es gleich vier Stücke, die parallel in verschiedenen Zimmern stattfinden und gelegentlich im großen Gemeinschaftsraum zusammengeführt werden. So muss sich der Zuschauer schon beim Kartenkauf entscheiden, bei welchem WG-Bewohner er an diesem Abend zu Gast sein will: bei der ehemaligen Prostituierten Java (Henriette Kutscha), beim verspielten Clown Pierrot (Kevin Ferizi), beim sensiblen Maler Romeo (Hannes Hempel) oder beim durchgeknallten Baron Schlafmohn (Steve Kußin) mit seiner Freundin Ida (Mascha Isserlis).
Um die Geschehnisse in der Wohnung aus allen Blickwinkeln begreifbar zu machen, bietet das „Theater im Karton“ sogar Abo-Karten an, die einen viermaligen Besuch des Schlafmohnreichs in jeweils unterschiedlichen Räumen ermöglichen. Doch auch wer sich nur einen einzelnen Abend gönnen will, wird immer wieder in die Handlung der anderen Stücke hineingezogen. Dies passiert zunächst rein räumlich: Die WG-Bewohner wechseln häufig ihre Standorte und schauen schon mal in fremden Zimmern vorbei. Ebenso müssen auch die Besucher insgesamt dreimal im Gemeinschaftsraum antreten, um Abendbrot einzunehmen oder den Angriff Drosophilas (Jörg Schwabe) abzuwehren. Letztere hat übrigens den eingangs erwähnten provisorischen Schutzwall schnell überwunden und sofort das Kommando in der WG übernommen. Sie bildet genauso einen Teil der übergreifenden Rahmenhandlung wie Finn (Ralf Bartho) und Polly (Claudio Krüger), die in die Wohnung einziehen wollen und durch ihre Besuche in den verschiedenen Zimmern zu einem verbindenden Element der Handlungen werden.

Verknüpfung von vier Stücken

Gerade am Beispiel dieses zerstrittenen Paars zeigt sich jedoch, dass die vier Stücke nicht nur räumlich, sondern auch thematisch verknüpft sind. Jede der Figuren sieht sich in bestimmter Weise mit dem Thema Liebe und Scheitern der Liebe konfrontiert. Romeo etwa sehnt sich nach dem geheimnisvollen Zitronenmädchen (Näncy Ehrlich), das er in unzähligen Bildern verewigt, aber nie anzusprechen wagt. Der sich hinter seiner Clownsmaske versteckende Pierrot fühlt sich hingegen zu Romeo und Polly hingezogen. Ein weiteres Leitthema ist der Einbruch der Vergangenheit in das nur oberflächlich geordnete Leben der Wohngemeinschaft. Im Falle Javas ist dies die Vergangenheit als Prostituierte, mit der sie sich bald – zusammen mit dem später hinzukommenden Mitbewohner Samuel (Tommy Neuwirth) – schonungslos auseinandersetzen muss. Baron Schlafmohn trägt derweil ein ausgewachsenes Kindheitstrauma mit sich herum, das auch seine bisherigen Liebesbeziehungen geprägt hat. Der verzweifelte Wunsch sämtlicher Figuren, aus der problematischen Gegenwart in die verlorene Kindheit zu fliehen, findet in einer chaotischen Zwischenepisode überdeutlichen Ausdruck: Schreiend und wild gestikulierend rennen die WG-Bewohner durch alle Räume, und wie in guten alten Zeiten spielen sie Piraten oder fürchten sich vor Kakerlaken im dunklen Keller. Die Schlussszene im Gemeinschaftsraum bringt indes die ungelösten Konflikte zum Ausbruch und wartet mit einer bösen Überraschung auf…
Es kann sich durchaus sehen lassen, was das junge Ensemble des „Theaters im Karton“ hier auf die Beine gestellt hat. Natürlich lebt die Aufführung in erster Linie von der originellen und reizvollen Idee, vier Theaterstücke simultan aufzuführen und miteinander in Beziehung treten zu lassen. Doch auch die Umsetzung überzeugt weitgehend: Obwohl ihnen gerade im Kontakt mit dem Publikum einiges an Improvisationsfähigkeit abverlangt wird, gelingt den Schauspielern die authentische Verkörperung ihrer Rollen und die Realisierung des sorgfältig getimten Regiekonzeptes von Paul Josiger und der Autorin Näncy Ehrlich.
Leider bleiben manche Figuren, etwa der unglücklich verliebte Künstler, der traurige Clown oder die (natürlich von einem großen bärtigen Mann gespielte) resolute Mutter, allzuoft im Klischeehaften. Um Platz für eine ausgeprägtere Profilierung der Personen zu schaffen, hätte man guten Gewissens die Stellen kürzen können, in denen die Einbeziehung der Zuschauer in etwas peinliche Mitmachspielchen mündet. Abgesehen davon, dass man damit die weniger selbstdarstellerisch veranlagten Teile des Publikums abschreckt, stellt dies die plattestmögliche Form von Interaktion dar. Schließlich beweist gerade die Inszenierung von „Schlafmohnreich“ am besten, dass man auch durch den Reiz des Ortes und die Dynamik der Handlung den Besucher bannen – und neugierig auf die drei ungesehenen Stücke machen kann.

Nächste Termine von „Schlafmohnreich“ im Salvador-Allende-Platz 9 (Lobeda Ost): 11., 16., 17., 21., 23. und 24. Juni