Verhütung in der Lehre

Medical Students for Choice geben einen Einblick aus ihrer Perspektive zum Medizinstudium.

das Gespräch führte Ida Müermann
Illustration von Ulrike Reimer

Wie wird Verhütung im Medizinstudium behandelt?

Es gibt im Studium verschiedene Fächer, in denen das Thema angesprochen wird. In der Vorklinik gibt es einen kurzen Exkurs in der Biochemie im Rahmen der Hormonlehre zur Pille und später im Fach Gynäkologie eine Vorlesung zum Thema Kontrazeption. Außerdem begegnet einem die Pille häufig im pharmakologischen Kontext aufgrund der verschiedenen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und oftmals in der Auflistung einiger Risikofaktoren für Erkrankungen wie Thrombose, Herzinfarkte oder Bluthochdruck.

Welche Rolle spielen Nebenwirkungen hormoneller Verhütung in der Lehre?

Eine noch zu geringe in Anbetracht der überwältigend großen Liste.

Wird über Schmerzen beim Einsetzen von Spiralen oder Kupferketten gesprochen?

Dass die Kupferspirale eine invasive Methode ist, wird schon beschrieben, außerdem, dass die Kupferkette in das Gewebe „eingebohrt” wird. Jedoch wurde uns auch gesagt, dass der Prozess nur zum Teil als schmerzhaft empfunden wird.

Warum werden Kupferspiralen und -ketten häufig ohne Betäubung eingesetzt?

Wir denken, es ist historisch so verankert, dass Frauen Schmerzen aushalten „müssen” und auch besser „könnten”. Schmerzempfinden ist jedoch subjektiv und die Schmerztherapie muss individuell angepasst werden.

Habt ihr den Eindruck, dass die Schmerzen von Frauen in der Medizin generell unterschätzt werden?

Ja, dazu gibt es ja auch Studien, die belegen, dass Frauen bei gleichen Beschwerden weniger Schmerzmittel bekommen als Männer!

Gibt es dafür medizinische Gründe oder eher historische Routinen?

Beides: Es wird generell erst seit kürzerer Zeit über den weiblichen Körper berichtet und geforscht. Daher beziehen sich viele Annahmen auf veraltete Konzepte. Frauengesundheit hat lange Zeit eine untergeordnete Rolle in der Medizin gespielt, in der Männer weibliche Körper kontrollieren wollen. Erst jetzt fängt man an, Methoden und Instrumente zu hinterfragen, zu optimieren und Patientinnen-freundlicher zu entwickeln.

Wird in der medizinischen Ausbildung über Gender Bias gesprochen?

Es wird an einigen Stellen erwähnt, aber es kann nie genug darüber gesprochen werden, insbesondere bei der Vielschichtigkeit dieses Themas. Hinzu kommt der Fakt, dass der Gender Bias sowohl im Fachlichen als auch in den Institutionen und Orten tief verwurzelt ist, wo Medizin praktiziert wird.

Warum wurde und wird deutlich mehr in weibliche als in männliche Verhütung investiert?

Dafür gibt es medizinische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Gründe. Lange galt es als einfacher und profitabler, den Eisprung zu verhindern, als die Spermienproduktion zu kontrollieren. Gleichzeitig wurde Verhütung traditionell als „Frauensache“ verstanden.  Zudem war ein zentrales Anliegen der Frauenbewegung(en) eine sichere und effektive Empfängnisverhütung. Bis heute prägen patriarchale Rollenbilder und wirtschaftliche Interessen die Forschung: Männliche Verhütungsmittel stoßen häufiger auf Vorbehalte, während Pharmaunternehmen oft nur begrenzte Anreize für die Entwicklung neuer Methoden sehen. Die ungleiche Verteilung der Verhütungsverantwortung spiegelt sich daher auch in der Forschung wider.

Glaubt ihr, dass sich die medizinische Perspektive auf Verhütung aktuell verändert?

Unserer Ansicht nach gibt es vielversprechende Forschungsprojekte, wie zum Beispiel das des Forschungsförderzentrums National Institute of Child Health and Human Development, die an einem Produkt, in diesem Fall ein Verhütungsgel, arbeiten. Und die medizinischen und pharmakologischen Aspekte sind längst geklärt. Allerdings ist auch dort die fehlende Investition durch Pharmaunternehmen zu sehen und dieser Punkt hat sich unserer Meinung nach nicht wirklich geändert.

Die Fragen wurden per Mail gestellt.

Der Text erschien in der Ausgabe 459, Juni 2026


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