Eine gute Innenstadt ist eine, in der man sich gern länger aufhält. Das Spielecafé Tillis in Jena macht vor, wie Spiele sowohl alte Bekannte als auch neue Freunde vom Sofa locken.
Text und Foto von Anna Ittner
Würfel rollen klackernd durcheinander, bunte Karten lösen Chaos aus, Knabberzeug wird verknuspert und um den Tisch herum lachen Menschen. Was wirkt wie eine klassische Wohnzimmer-Szene, findet hier nicht in einem privaten Zuhause statt, sondern im Tillis, Jenas Spielecafé. Menschen können dort wie in einem normalen Café essen und trinken, aber gleichzeitig auch Spiele spielen. Vor allem am Wochenende sind alle Tische besetzt, das Tillis ist seit seiner Gründung 2020 fester Bestandteil des Jenaer Freizeitangebots geworden. Stundenlang volle Tische in einer Zeit, in der andere Geschäftsinhaber über fehlende Kunden klagen. Karten auf den Tisch: Wie funktioniert das?
Ein Ort zum Verweilen
Einen Teil seines Erfolgs kann das Spielecafé wohl der Tatsache zuschreiben, dass es kein reiner Konsumort ist, sondern ein Ort zum Verweilen und für soziale Kontakte. Geschäftsführerin Anne Andrees sagt dazu: „Bei anderen Veranstaltungen, wie zum Beispiel bei einem Kinobesuch, ist es oft so: Man geht hin, man konsumiert was und man geht wieder. Brettspiele zwingen mehr zur Interaktion.” Ursprünglich im Bereich Data Science unterwegs, leitet die Koch- und Brettspiel-Enthusiastin das Café seit Juni 2025. Seitdem hat sie sowohl mehr Menü-Optionen als auch Veranstaltungen eingeführt. Brettspiele liebt sie seit über zehn Jahren, als sie die Erfahrung gemacht hat, dass Spiele eine gute Grundlage schaffen, um neue Menschen kennenzulernen. Die Menschen ärgern sich hier nicht, im Gegenteil. Wie in einem Fantasybuch könne man beim Spielen in eine andere Rolle schlüpfen und dem Alltag entfliehen, sagt Andrees. So kann man hier auch mal einen ganzen Tag verbringen. Dabei nimmt eigentlich seit Jahren die Beliebtheit der
Innenstädte als Freizeitort ab. Nicht nur Geschäftsinhaber beschäftigt das Ausbleiben der Kunden, sondern auch Stadtentwickler und Entscheidungsträger. So sehr sogar, dass in Jena zuletzt mithilfe von Lasern gemessen wurde, wie viele Menschen sich wann an welchen Stellen der Innenstadt aufhielten. Vielleicht eine zu technische Lösung für ein sehr menschliches Phänomen.
Das Tillis ist etwas, das in den Sozialwissenschaften als Dritter Ort beschrieben wird, also ein Lebensraum neben Zuhause und Arbeit. Im Bundesprogramm „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“ werden solche sozialen Aufenthaltsräume als Orte der Begegnung und der gesellschaftlichen Teilhabe gelobt. Genau diese Vision hat auch Andrees: „Leute zusammenbringen, die demografisch weit gefächert sind, aber gleichzeitig auch ein Verständnis füreinander finden, indem sie zusammen an einen Tisch kommen und miteinander reden. Das wäre mein Traum.” Der Geschäftsführerin ist es wichtig, einen Safe Space für vegane und queere Menschen zu schaffen sowie die Teilhabe auch für Menschen mit geringem Budget möglich zu machen. Auch diese Barrierearmut ist Merkmal eines Dritten Ortes. Deswegen fiel es ihr schwer, sich zuletzt für eine Preiserhöhung zu entscheiden. Die war aber aufgrund der steigenden Miet-, Neben- und Lohnkosten nicht mehr zu umgehen, trotz allem muss sich das Café wirtschaftlich halten können. Andrees lässt sich aus diesem Grund immer wieder kreative Ideen wie eine Picknickkorbaktion im kommenden Sommer einfallen, bei der sich Gäste die Spiele und Snacks in einem Korb ausleihen und damit nach draußen in den Park setzen können.
Nächste Spielrund: In der Zeise
Auch die Stadt Jena hat erkannt, dass kreative Begegnungsorte gefragt sind, um die Innenstadt attraktiver zu machen. Beim Ideenwettbewerb Schnapp dir die Zeise konnten Konzepte einen offenen Raum in der Innenstadt für einen Monat gewinnen. Bei Andrees’ Konzept Spielend begegnen werden dort im Oktober ähnlich wie im Spielecafé Menschen mit Unterschieden in Herkunft, Alter und Interessen zusammen spielen können. „Selbst wenn man sonst im Leben ganz unterschiedlich denkt und vielleicht auch ganz unterschiedliche Voraussetzungen hat, ist das der Moment, in dem man ähnliche Tools und ein ähnliches Ziel hat und deswegen ein gemeinsames Erleben erschaffen wird”, erklärt sie die Begegnungschancen, die Spiele schaffen.
Dieser Text erschien in der Ausgabe Nr. 457, Mai 2026

