Kaviar und Straßenzeitung

Rumänisches Kaviar, 140.000 Socken und ein Hund namens Dobby. Zu Besuch bei einer Jenaer Straßenzeitung.

Text von Ulrike Reimer, Lucy Tusche und Thorsten Schlicke
Foto von David Boué

In der kleinen Redaktion der Jenaer Straßenzeitung Notausgang, am Markt 19, wird heute rumänisch gekocht. In ihrer Rubrik Kochen mit stellen die Redakteur:innen in jeder Ausgabe ein neues Rezept vor, am liebsten ein außergewöhnliches. Heute bereiten Leonhard und Maxi Baguette mit Siebenbürgischem Kaviar zu. Dabei handelt es sich nicht um echten Kaviar, sondern um einen Brotaufstrich aus Aubergine. Das Rezept dafür hat Redakteur Leonhard von einer Rumänienreise mitgebracht. Während er die vorgegarte Aubergine klein stampft und mit Knoblauch und Zitrone würzt, erzählt er von den Bergen Rumäniens und der Gastfreundlichkeit der Menschen, bei denen er das Gericht kennenlernte. Maxi, die erst seit kurzem dabei ist, dokumentiert die einzelnen Zubereitungsschritte genau. Die Leser:innen der neuen Ausgabe des Notausgangs sollen das Rezept später nachkochen können.

Der Dritte in der Runde ist Ingobert Köhler. Er ist seit 2023 Redaktionsleiter des Notausgangs. Köhler kommt gerade aus der Nachtschicht, denn eigentlich arbeitet er als Securitybeauftragter in Jena. Neben diesem Vollzeitjob koordiniert er die redaktionelle Arbeit der Straßenzeitung, die seit 2012 ein wichtiger Bestandteil seines Lebens ist. Bevor Köhler die Leitung der Zeitung übernahm, war es ungewiss, ob sie weiter bestehen würde. Der Notausgang finanziert sich über Spenden und Werbung und ist maßgeblich von der ehrenamtlichen Arbeit engagierter Redakteur:innen abhängig.

Von New York nach Jena

Die erste Straßenzeitung erschien 1989 in New York unter dem Titel Street News. In Deutschland entstanden 1993 in München und Hamburg die ersten Straßenzeitungen. Die Münchner Straßenzeitung BiSS (Bürger in sozialen Schwierigkeiten) und die Hamburger Zeitung Hinz&Kunzt gehören noch heute zu den auflagenstärksten deutschen Straßenzeitungen. In Thüringen gibt es seit 1997 neben dem Notausgang auch die Brücke in Erfurt. Die ursprüngliche Idee der Straßenzeitungen war es, Menschen aus prekären sozio-ökonomischen Verhältnissen die Möglichkeit zu geben, durch den Verkauf der Zeitungen Geld zu verdienen.

Heute gibt es 26 Straßenzeitungen in ganz Deutschland, die sich mit Blick auf Themen, Auflagen und Organisation zum Teil sehr unterscheiden. Der Jenaer Notausgang ist im Vergleich zum Hamburger Pionier Hinz&Kunzt winzig: In Hamburg verkaufen mehrere hundert (ehemals) Wohnungslose jährlich rund 600.000 Ausgaben, die von einem professionellen Redaktionsteam verantwortet werden. Der Notausgang hingegen erscheint vierteljährlich mit einer Auflage von 10.000 im Jahr unter Eigenregie der de facto zweiköpfigen Redaktion aus Günter Schubert und Ingobert Köhler. Unterstützt werden die beiden durch einen Leser:innenbeirat, in dem neben einem ehemaligen Pfarrer, einem Steuerberater auch drei Ortsteilbürgermeister:innen sitzen. Der 15-köpfige Beirat wurde von Köhler 2024 gegründet und trifft sich als Diskussions- und Feedbackrunde, die pluraler ist als „wir hier zu zweit im Kämmerchen“, so Köhler.

Aber auch thematisch unterscheidet sich der Jenaer Notausgang von seinem Hamburger Pendant: Letztere blickt besonders auf Kunst und Kultur. Köhler formuliert hingegen den Anspruch des Notausgangs so: „Wir wollen ein Sozialmagazin sein, das soziale, regionale und informative Themen aufgreift”. Bei dem man nach dem Lesen sagen kann, man hat seinen Horizont ein bisschen erweitert“.

Eine Zeitung für alle

Um diesem Anspruch gerecht zu werden, gibt es in jeder Ausgabe der Straßenzeitung sechs Rubriken: Neben aktuellen sozialen Themen, wie die Aktion „Radeln ohne Alter“, stehen Jena und sein Umland im Fokus. So wird beispielsweise in der kommenden Ausgabe wieder ein Jenaer Stadtteil vorgestellt und das 150-jährige Bestehen des Göschwitzer Bahnhofs begleitet. In der Rubrik So sehe ich das teilen wechselnde Autor:innen ihre Gedanken, wie etwa zum Thema Freundlichkeit. Außerdem wird ein Ereignis im Jenaer Umland protokolliert, wie zum Beispiel ein Weltrekordversuch in Zeulenroda-Triebes im August 2025: Dort wurde eine elf Kilometer lange Wäscheleine mit über 140.000 Socken behangen – Weltrekord geschafft. Abgerundet wird jede Ausgabe mit einer bunten Rätselseite. Durch die Themenvielfalt soll der Notausgang laut Köhler eine Zeitung sein, die nicht nur Menschen in prekären Lebenslagen lesen können, sondern alle in Jena.

Vielleicht ist der Notausgang auch deshalb stadtbekannt. „Wenn ich anrufe und sage, ich bin vom Notausgang, dann machen die mit mir einen Termin“, erzählt Köhler. Bisher kam es erst einmal zu einer unfreundlichen Reaktion: Ein Unternehmer reagierte auf die Anfrage der Redaktion mit Vorbehalten, „mit sowas möchte er nichts zu tun haben“, paraphrasiert Köhler. In der Regel verlaufe der öffentliche Umgang mit der Redaktion und den Verkäufer:innen aber ohne Probleme.

Es steht und fällt mit Köhler

Auf die Zukunft des Notausgangs blickt Ingobert Köhler mit Sorge. Denn wenn er irgendwann aufhört, muss sich eine Nachfolge finden, sonst könnte dies das Ende der Zeitung bedeuten. Die Zeitung ist unabhängig von der Stadt und vergütet über eine minimale Aufwandsentschädigung – so bleibt ein finanzieller Anreiz aus und das Engagement basiert auf Leidenschaft. Auch deshalb ist Köhler immer auf der Suche nach neuen Mitarbeiter:innen, die für den Notausgang schreiben oder im Verkauf helfen wollen. Besonders würde er sich über junge Studierende freuen, die sich mit der Zeitschrift identifizieren können. 

„Wenn wir mehr Verkäufer hätten, könnte der Notausgang noch viel mehr Menschen erreichen“, sagt Köhler. Im Moment verkaufen sieben Straßenverkäufer:innen die Zeitung. Diese erhalten die Hälfte des Erlöses, also 1,05 Euro pro Ausgabe. Die andere Hälfte finanziert das Bestehen der Zeitung. Neben der Möglichkeit, sich etwas dazuzuverdienen, bietet der Notausgang Menschen ein niederschwelliges Angebot, um wieder zu einer Tagesstruktur zurückzufinden und eine Aufgabe zu haben. Vor allem aber, erzählt Köhler, kann der Notausgang Betroffenen einen Ausweg aus der sozialen Isolation bieten. 

Das wird auch bei einem Besuch in der Redaktion deutlich. Während sich die Redakteur:innen Baguette mit Siebenbürgischem Kaviar schmecken lassen und Geschichten erzählen, hat es sich Dobby, der Hund eines Redakteurs, auf einem Stuhl gemütlich gemacht. Für die Menschen im Raum ist der Notausgang längst mehr als eine Straßenzeitung. 

Dieser Text erschien in der Ausgabe Nr. 457, Mai 2026


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