In Deutschland sollen neue Gaskraftwerke gebaut werden. Die Klimagerechtigkeitsbewegung Ende Gelände ruft vom 28. bis 30. Mai zur Massenaktion im Ruhrgebiet auf, um den Gasausbau zu blockieren. Wir haben mit der Ortsgruppe Jena über die Hintergründe und den zivilen Ungehorsam als Protestform gesprochen.
Interview von Nathalie Stenger
Fotos von Baumi
Warum findet die Massenaktion im Ruhrgebiet statt?
Das Ruhrgebiet und seine Umgebung war, ist und soll nach den Plänen der Bundesregierung die Hochburg der fossilen Energie in Deutschland bleiben. Dort sollen aktuell fünf neue Kraftwerke gebaut werden. Aus der Perspektive von Ende Gelände ist die Region auch besonders, weil dort vor zehn Jahren die erste Aktion gegen die Braunkohletagebaue stattfand. Jetzt beginnt dort unser Kampf für den Gasausstieg. Außerdem wollen wir den Knoten, den die fossile Wirtschaft und die Rüstungsindustrie im Ruhrgebiet bilden, aufzeigen. Die Dynamik ist folgende: Die Klimakrise im imperialistischen System führt zu mehr Verteilungskämpfen und Militarisierung, was wiederum die Klimakrise befeuert. Davon profitieren am Ende nur die allerwenigsten. Und die Geschädigten sind Unzählige, die in Genoziden, Kriegen, Hungersnöten oder auf der Flucht sterben.
Was ist das Ziel der Massenaktion?
Wir erleben aktuell, wie ein viel zu später Kohleausstieg von einem immer größeren Gaseinstieg begleitet wird. Die fossile Infrastruktur, die damit geschaffen werden soll, bindet uns weiterhin an fossile Großkonzerne. Deren engste Gaslobbyistin Katharina Reiche leitet das Wirtschaftsministerium. Damit werden Tatsachen geschaffen, die komplett die Faktenlage der Klimakrise ignorieren und die Ungerechtigkeiten einer immer weiter verzögerten Energiewende steigern. Die letzten Jahre wurde die Klimagerechtigkeitsbewegung medial überschattet von Kriegen. Dabei ist Militarisierung stark verwoben mit einem fossilen Rollback. Oft wird so getan, als läge der einzige Nachrichtenwert der Klimakrise darin, dass niemand mehr über die Klimakrise spricht. Mit unserer Massenaktion Ende Mai gehen wir an einen Ort der Zerstörung, blockieren den Ausbau fossiler Infrastruktur und sorgen dafür, dass Klimagerechtigkeit den dringend benötigten Fokus bekommt.
Wie kann man sich die Aktion vorstellen?
Bei den Aktionstagen vom 28. bis 30. Mai wird es ein Klimacamp mit sehr bunten Angeboten geben: von inhaltlichem Austausch über gemeinschaftliches Essen hin zu konkreten Aktionstrainings. Gleichzeitig werden wir mit Aktionen des zivilen Ungehorsams gegen die Klimaverbrechen der Bundesregierung vorgehen und beim Bau von 20 neuen Gaskraftwerken nicht tatenlos zuschauen.

Ab wann gilt die Massenaktion als erfolgreich? Den Bau der Gaskraftwerke werden die Aktionen von Ende Gelände schließlich nicht einfach verhindern können, oder?
Das ist extrem schwer zu beantworten und wir ringen immer wieder um eine Lösung, was die beste Vorgehensweise ist, eine so ungerecht herbeigeführte Eskalation der Klimakrise zu verhindern. Natürlich erhoffen wir uns, Sand im Getriebe dieser Klimaverbrechen zu sein und den Bau der Gaskraftwerke aufzuhalten. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass staatliche Gewalt die Interessen der fossilen Großkonzerne sehr massiv verteidigt. Die weicheren Effekte einer solchen Massenaktion sind allerdings nicht zu unterschätzen. Wir zeigen, dass die Klimagerechtigkeitsbewegung nach wie vor aktiv ist, Druck ausübt und einfordert, den Verantwortungen nachzukommen.
Stichwort ziviler Ungehorsam. Warum ist diese Protestform eurer Meinung nach die richtige für Ende Gelände?
Seit über 50 Jahren zeigen Wissenschaftler:innen die Rolle des Menschen in der Klimakrise auf, Umweltorganisationen warnen vor den Konsequenzen und Aktivist:innen demonstrieren gegen eine Politik, die nicht angemessen darauf reagiert. Petitionen wurden geschrieben, Klagen eingereicht und 30 UN-Klimakonferenzen ausgetragen, die zu einem Lobbytreffen fossiler Konzerne verkommen sind. All das hat nicht ausgereicht. Die weltweiten CO2-Emissionen sind sogar gestiegen. Zahlreiche historische Beispiele zivilen Ungehorsams haben gezeigt, dass daraus erfolgreiche Transformationen entstehen, sobald eine kleine, aber kritische Masse an Protestierenden überschritten wurde.
Inwiefern erwartet ihr durch diese Protestform gesteigertes Bewusstsein für notwendigen Klimaschutz in der Gesellschaft? Aktionen des zivilen Widerstands von z.B. der Letzten Generation sind in der Vergangenheit in Teilen der Bevölkerung nicht auf Verständnis getroffen, sondern habe Ärger und Gewalt ausgelöst.
Irgendwer wird sicher immer etwas zu meckern haben. In Bezug auf die öffentliche Meinung würden wir es schon als großen Erfolg verbuchen, wenn wir es schaffen, den Gasausstieg auf die Tagesordnung der öffentlichen Debatte zu setzen. Dass das gelingen kann, zeigen die Erfolge der Bewegung bei Atom- und Kohleausstieg. Wir wollen einen Anlass schaffen, über den Gasausstieg zu reden und zeigen, dass der Ausbau der fossilen Infrastruktur nicht so alternativlos und unumstritten ist, wie die Bundesregierung behauptet. Die Aktionstage im Ruhrgebiet und frühere Aktionen von Ende Gelände richten sich immer direkt gegen die Prozesse der Zerstörung. Meistens nehmen Außenstehende das auch so wahr und verstehen im besten Fall, dass diese Proteste in ihrem Interesse sind. Weil du die Letzte Generation ansprichst: Man kann natürlich nie genau wissen, gegen wen sich die nächste Hetzkampagne der Springerpresse richtet. Aber bisher haben wir bei unseren Aktionen weniger ablehnende Reaktionen erfahren als die Letzte Generation.
Was für Reaktionen erwartet ihr von der Politik auf eure Aktion?
Kommt darauf an, wer die Politik ist. Von der Regierung wird die Aktion vermutlich delegitimiert, um von den Klimaverbrechen durch die staatliche Subventionierung abzulenken. Vermutlich wird behauptet werden, dass die Gewalt von uns Aktivist:innen ausgeht und nicht von denjenigen, die eine Eskalation der Klimakrise durch gesundheitsschädliche Politik begünstigen. Von den Parteien erwarten wir ähnliches. Aber es wird voraussichtlich auch Politiker:innen geben, die solche Proteste zu nutzen wissen, als Argumentationsgrundlage auf sozial-ökologische Veränderung zu drängen.
Wer kann mitmachen und wie?
Alle! Es werden ganz unterschiedliche Aufgaben anfallen und es ist meist unglaublich bereichernd, verschiedene Expertisen und Perspektiven zu vereinen. Kommt bei einem Aktionstraining vorbei, nicht zuletzt, um eine gemeinsame Anreise zu organisieren. Aktionstrainings finden statt am 16.05., 13 bis 18 Uhr, Dornburger Straße 17, bei den Falken in Jena; am 17.05., 15 bis 20 Uhr, Magdeburger Allee 180, im Veto in Erfurt. Bis Ende Mai – We shut shit down!
Dieser Text erschien in der Ausgabe Nr. 457, Mai 2026

