Im Nahverkehr wird der Tarifvertrag neu verhandelt. Warum Studierende die Streiks unterstützen sollten, auch wenn sie die Bahn nicht selber fahren.
Text von Anna Ittner
Foto von David Boué
Die Bahnen stehen still und der Fußweg aus Lobeda bis in die Innenstadt dauert anderthalb Stunden. So ärgerlich das sein mag, am ärgerlichsten ist das nicht für dich – sondern für die, die die Bahnen zu schlechten Bedingungen fahren sollen. Toni, Bus- und Bahnfahrer in Jena, sagt, er mag die Vielseitigkeit am Fahren, das Unterwegs-Sein, und dass jeden Tag etwas anderes passiert. Was er nicht mag, ist, sich für seinen Job aufzuopfern.
Dieses Jahr gehen die Tarifverhandlungen um den TV-N, also die Tarifverträge für Angestellte im ÖPNV, in eine neue Runde. Es geht um mehr als Geld. „Der TV-N muss immer weiter verbessert werden, es geht ja auch um Nachwuchsgewinnung“, sagt Toni. Laut einer Studie des ÖPNV-Strategie-Unternehmens KCW geht bis 2035 die Hälfte der Fahrdienstler in Deutschland in Rente, auch in Jena. Auf der anderen Seite steht das Ziel der Verkehrsministerkonferenz, bis 2030 die Fahrgastzahlen im ÖPNV zu verdoppeln. Daraus ergibt sich eine noch höhere Besetzungslücke, geschätzt auf 180.000 Fahrer:innen. „Was bringt uns das Deutschlandticket im Semesterbeitrag, wenn am Ende niemand den Bus oder die Bahn fährt?“, bringt Lukas an. Er engagiert sich bei Wir fahren zusammen (WFZ), das 2022 als vorwiegend studentisches Bündnis zwischen Fridays for Future und der Gewerkschaft Verdi entstanden ist. Klimaschutz und Arbeitskampf gehen für sie Hand in Hand: „Es gibt halt nur einen effektiven Klimaschutz mit einem guten ÖPNV“. Tatsächlich verursachen PKWs allein 10 Prozent der Treibhausgasemissionen in Deutschland. Eine konsequente Verkehrswende ist also alternativlos. Deshalb unterstützt WFZ die ÖPNV-Angestellten durch Mitorganisation und Teilnahme an Streiks. Sie wollen mehr Menschen für das Thema begeistern, vor allem Studierende. Es sei wichtig, so viele Menschen wie möglich zu mobilisieren. „Weil es uns alle angeht. Busfahrende bringen uns täglich von A nach B, sie haben einen echt schwierigen und harten Job, der einfach Respekt verdient.“ Ob zur Uni, zur Bib oder nur zur Mensa und zurück – beim bundesweiten Streik am 2. Februar haben wohl alle gemerkt, wie aufgeschmissen sie ohne Nahverkehr sind. „Menschen wollen die Infrastruktur nutzen, sie ist aber gerade nicht gut, vor allem auch für die Beschäftigten“.
Kürzungen statt Investitionen
Zu den Forderungen der Beschäftigten gehören eine Lohnerhöhung um 300 Euro monatlich, eine 35-Stunden-Woche und die Begrenzung der maximalen Schichtzeit auf zwölf Stunden, mit zwölf Stunden ununterbrochener Ruhezeit. Die Management-Seite wollte bisher von den Forderungen nichts wissen, konterten mit eigenen Vorstellungen statt mit Kompromissen, welche aus der Sicht der Arbeitnehmenden klare Verschlechterungen darstellen. So soll zum Beispiel, statt auf eine 35-Stunden-Woche herunterzugehen, auf eine 39-Stunden-Woche erhöht werden – ohne Lohnausgleich. Das bedeutet real eine Stundenlohnkürzung. Auch sonst soll nichts erhöht werden, was über einen geringen Inflationsausgleich hinausgeht. Für die Arbeitnehmenden ist das kein verhandlungsfähiges Angebot. „Wir haben das legitime Recht zum Streik. Es wird sich zeigen, wie krass wir das dieses Mal ausüben müssen“, sagt Toni.
In der Verantwortung ist neben den Arbeitgebenden vor allem die Politik, die subventionieren muss. Denn: „Eine Vollfinanzierung über Tickets kann nicht funktionieren. Das ist utopisch, die Fahrpreise sind ja schon enorm hoch. Es stehen genug Gelder zur Verfügung“, sagt Toni. Er meint die 100 Milliarden Euro Sondervermögen und hofft, dass dieses in der Infrastruktur sinnvoll eingesetzt wird. „Entweder man denkt das ganzheitlich als Daseinsvorsorge, oder man lässt es. Dann ist es halt auch nur so gut wie man investiert.“ Kein Geld von der Politik, kein Geld für die Beschäftigten. „Es ist wie immer: Das Problem wird von ganz oben nach ganz unten durchgereicht.“ Am Ende fährt vielleicht die Bahn, aber das auf Kosten der Gesundheit der Fahrenden, ohne Wertschätzung. Das Fazit: „Nehmt es euch nicht zu Herzen, wenn nichts fährt, das hat nichts mit euch zu tun. Denkt daran, wer dafür verantwortlich ist“, schließt Toni. Nehmt ein Stillstehen der Bahnen das nächste Mal zum Anlass, dankbar zu sein, dass die Bahnen sonst immer fahren. Oder noch besser: als Zeichen, mitzustreiken.
Dieser Text erschien in der Ausgabe Nr. 456, Februar 2026
