Im Podcast „Jena United“ sprechen bekannte und weniger bekannte Persönlichkeiten der Stadt über ihren Beruf. Der neueste Gast ist Matthias Beerbaum: Großgrundbesitzer und AfD-Unterstützer.
Kommentar von Dario Holz
Illustration von Stephan Lock
Es begann ganz harmlos: Sebastian „Seb“ Heering, Tätowierer und Gründer des Streetwear-Labels Downtown, startet einen neuen Podcast. Er möchte mit Menschen ins Gespräch kommen, die die Stadt prägen. Jena United nennt er das Projekt. Es ist ein Wohlfühl-Podcast, in dem am Anfang vor allem Leute aus dem direkten Umfeld von Heering zu Gast sind: der Markt-11 Geschäftsführer Andreas Raab, Tilmann Suess vom Clever Fit und der Start-Up Gründer Philipp Zacher. Recht schnell erlangt Jena United Aufmerksamkeit und die Gästeliste wächst über den Freundeskreis von Heering hinaus, einige hörenswerte Folgen entstehen.
Im Podcast haben die Gäst:innen die Chance, sich selbst darzustellen: Sebastian Heering verzichtet größtenteils auf kritische Fragen und scheint über viele Gesprächsthemen recht wenig Ahnung zu haben. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit seinen Gäst:innen im Vorfeld scheint es oft nicht zu geben.
Der Immobilien-Hai
Einer der jüngeren Podcast-Gäste war der Immobilien-Unternehmer Matthias Beerbaum, der immer wieder die klassische Geschichte eines selfmade Millionärs erzählt. Mit 18 Jahren ohne Schulabschluss das erste Haus bei einer Versteigerung erworben und seitdem ging es nur noch bergauf. Heute gehören ihm über 1.000 Wohnungen und ein Ferrari, er ist Multimillionär und Coach für alle, die es auch werden wollen. Auf diesen Werdegang ist Beerbaum stolz, er erzählt gerne über sich auf YouTube, Instagram oder in Podcasts.
Seit kurzem gehört ihm eine Immobilie, in der die Uni Räume mietet. Ein Meilenstein für Beerbaum, der nie studierte und dies immer wieder betont. Auf Instagram zeigt er seine neue Immobilie, erzählt von seinem Weg und bekommt dafür in den Kommentaren viel Lob: „Sehr schön“ schreibt beispielsweise Wiebke Muhsal, Beerbaum gibt dem Kommentar ein Like.
Muhsal sitzt für die AfD im Stadtrat und Landtag, seit einiger Zeit ist sie sogar parlamentarische Geschäftsführerin der Partei, sie gehört dem völkisch-nationalen Flügel an. Man kann davon ausgehen, dass sich Beerbaum und Muhsal kennen, denn auch Jenas Immobilien-König probierte sich politisch in der AfD aus. Im Kreis Saale-Holzland saß er viele Jahre in zwei Ausschüssen für die Rechtsextremen. 2024 wurde er zum AfD-Kandidaten für die dortige Landratswahl. Nach Anfeindungen zog er seine Kandidatur zurück.
Die Brandmauer bröckelt
Auf das politische Engagement von Beerbaum wird in der Folge nicht eingegangen – auch weil Sebastian Heering unvorbereitet in den Podcast geht und über die AfD-Kandidatur nicht Bescheid wusste. “Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich es im Gespräch transparent eingeordnet”, so Heering. Einen Multimillionär mit engen Kontakten zu einer rechtsextremen Partei eine Plattform zu bieten, scheint für ihn kein Problem zu sein, “grundsätzlich scheuen wir keine kontroversen Gesprächspartner”. Auch dann nicht, wenn damit die Brandmauer bröckelt.
Diese Meinung teilen nicht alle in der Zuhörerschaft des Podcast: Unter dem Instagram-Beitrag, der die Folge bewirbt, sammeln sich schnell kritische Kommentare, auch von uns. Es dauerte nicht lange, ehe einzelne Kommentare erst gelöscht, dann der gesamte Kommentarbereich deaktiviert wurde. Matthias Beerbaum selbst ging noch einen Schritt weiter und blockierte diverse Instagram-Konten. Auf Nachfrage erklärte Jena United, man wolle die Kritik nicht unterdrücken, sondern lediglich eine nachträgliche Politisierung der Folge verhindern, in der „Politik bewusst kein Teil war“.
Das zeigt, wie wenig sich Heering sich seiner Verantwortung als Medienschaffender bewusst ist. Es ist okay, einen unkritischen Werbepodcast zu betreiben; aber gerade dann muss man aufpassen, wem man eine Bühne geben möchte. Andernfalls wird man schnell zum Steigbügelhalter für all jene, die die Brandmauer schon lange eingerissen haben.
Dieser Text erschien in der Ausgabe Nr. 456, Februar 2026

