Keine Macht für Niemand

Am 1. Februar fanden im Rahmen des Digital Independence Day (DI.DAY) –– deutschlandweit Veranstaltungen zur digitalen Unabhängigkeit statt – auch in Jena.

Text von Lukas Baderschneider
Illustration von Ulrike Reimer

Am 1. Februar fanden im Rahmen des Digital Independence Day (DI.DAY) –– deutschlandweit Veranstaltungen zur digitalen Unabhängigkeit statt – auch in Jena.

Mit dem DI.DAY wird von einem breiten Bündnis von Organisationen zur Mikrorebellion gegen Big-Tech und der von diesen propagierten Idee und Wirklichkeit des Internets aufgerufen. An jedem ersten Sonntag des Monats finden deutschlandweit Events statt, mittels welcher „gemeinsam ein Schritt auf die bessere Seite des Netzes“ unternommen werden soll.

Zwischen Autonomie und Souveränität

Mit dem Begriff digitale Unabhängigkeit bewegt man sich gekonnt zwischen dem staatstragenden Diskurs der digitalen Souveränität, in welchem die Problematik in erster Linie auf Geopolitik reduziert wird und dem womöglich zu aufrührerischem, und also weniger anschlussfähigem Anarchosprech der Autonomie.

Denn Big-Tech Monopolisten bestimmen die globale Ordnung und Logik digitaler Kommunikation im Paradigma des Profits samt ideologischem Einschlag. Dadurch wird effektiv nur die Regierung des Internetvolkes, keineswegs aber die Regierung durch das Internetvolk befördert. Trump und seine Tech-Koalition nutzen diese Macht, um in Streitfragen Druck auszuüben und Regulierungsversuche abzuwehren. Das Problem ist Abhängigkeit – mit negativen Effekten in der Nutzung und gesamtgesellschaftlichen Risiken.

Denn die digitale Welt kann eine schöne sein, sie ist ja auch gegenwärtig eine in unzähligen Nischen realexistierende Utopie, welche natürlich von der dominierenden kapitalistischen Verwertungs- und Eigentumslogik überschattet wird.

Mehr als Moralapostel

Mit dem Sprech von der „besseren Seite des Netzes“ wird also moralisiert, wird in Gut und Böse aufgespalten und so letztlich dem Enduser das Treffen der guten, der richtigen Wahl aufgebürdet. Die Moralisierung von Konsum und dessen Probleme sind altbekannt, jedoch hier teils ein wenig anders zu bewerten: denn aufgrund des Netzwerkeffektes ist „ethischer Konsum“ im Digitalen mehr als Virtue signalling etwa mit dem Kauf eines Fairphones.

Digitale Plattformen unterliegen einer spezifischen Logik: Ihr Wert steigt mit der Anzahl der User. Jeder zusätzliche User senkt die sozialen Wechselkosten für andere, weil Kommunikationsbeziehungen, Informationsflüsse und soziale Sichtbarkeit mitwandern. Der individuelle Akt hat somit eine kollektive Hebelwirkung. Der Wechsel des einen macht den Wechsel für andere attraktiver – nicht moralisch, sondern funktional.

Bei einem physischen Produkt wie dem Fairphone verhält es sich anders. Größere Nachfrage kann zwar über Skaleneffekte zu sinkenden Produktionskosten und somit langfristig niedrigeren Preisen führen, doch dieser Effekt ist nicht netzwerkabhängig. Mein Kauf eines Fairphones erhöht nicht unmittelbar den Gebrauchswert für andere. Er stärkt das Unternehmen, nicht das soziale Gefüge zwischen Endusern.

Darüber hinaus ist die Reflexion des eigenen Konsums unter moralischen Vorzeichen anders als überall sonst nicht eine unmittelbare Frage des Geldbeutels. Denn es gibt zu den allermeisten digitalen Angeboten adäquate, häufig kostenlose Alternativen, etwa LibreOffice statt Office 365.

Genau deshalb ist der DI.DAY eine schlüssige Idee, da mit diesem Netzwerkeffekte durch kollektives Handeln im Eventrahmen potenziert werden. Zudem sind derartige Hauruck-Aktionen für viele junge Menschen gewissermaßen unabdingbar, um mit der meist in unreflektierten Jugendjahren etablierten Digitalroutine zu brechen.

“I’m as mad as hell, and I’m not going to take this anymore!”

Damit soll überhaupt nicht suggeriert werden, dass diese Brüche keine begründbare Basis hätten und also reiner Aktionismus wären. Denn auch wenn in den meisten Veranstaltungen vor Ort ein Fokus auf das Wie eines Wechsels liegt, wird das Warum keineswegs ausgeblendet und spätestens auf Nachfrage näher thematisiert. Trotzdem ist es sinnvoll sich auf das praktische Wie zu fokussieren, und so den Akt des Bruches durch das Aufzeigen einer bestehenden Alternative und deren Handhabung möglichst angenehm zu gestalten. Denn so wird die grundsätzliche Bereitschaft aus Gründen in den praktischen Widerstand gegen den Status Quo bestimmter digitalen Wirklichkeiten zu treten gestärkt. Große Worte, wenn man bedenkt, dass es hier nur um den basalen Wechsel zu Alternativen bzw. unter Umständen zurück ins Analoge geht. Doch just diese Bereitschaft zu Handeln ist nun mal notwendige Bedingung digitaler Selbstermächtigung.

Was digitale Selbstermächtigung letztendlich bedeutet, lässt sich allgemein nur abstrakt beschreiben, und gilt es dann individuell zu konkretisieren. Ganz allgemein gesprochen umfasst digitale Selbstermächtigung schlicht die kontinuierliche Angleichung routinierter digitaler Praxis an jeweils persönliche Werte und Wünsche.

Im Digitalen fällt es besonders leicht eine widersprüchliche Existenz zu fristen, sprich entgegen eigener Überzeugungen zu handeln, weil die komfortable, scheinbar kostenlose Nutzung allerlei Anwendungen leicht vergessen macht, dass man im Digitalen ständig Entscheidungen mit relevanten Konsequenzen trifft. Der Spruch “If the product is free, you are the product” ist zwar, und eben dies ist die Krux, nicht immer wahr, aber eben doch oft genug. Und die Effekte dieser Realität treten häufig erst zeitversetzt auf: das frühe Instagram ist nicht ansatzweise mit dem Instagram der Gegenwart zu vergleichen, es gibt gewiss viele neue Funktionen, effektiv ist die Userexperience heute jedoch eine deutlich schlechtere als zu Beginn. Aus Plattform-Sicht, also für Meta, ist die Geschichte eine andere, nämlich eine Erfolgsgeschichte: 2016 konnte man trotz 500 Millionen monatlicher User nur rund 1,8 Milliarden Dollar Umsatz generieren, 2018 waren es bei einer Milliarde monatlicher User immerhin 10,3 Milliarden Dollar, 2024 stieg diese Zahl bei nun 2.4 Milliarden Usern auf beeindruckende 66,9 Milliarden Dollar.

Zwar konstatieren nicht wenige die Enshittification des Internets durch Ads, in mehreren Hinsichten problematische Algorithmen und die so in sozialen Medien strukturell beförderten Taktiken der Aufmerksamkeitsökonomie wie Click- oder Rage bait. Doch kaum jemand zieht daraus Konsequenzen, Internet-User lassen sich, wenn sie es sich mal gemütlich gemacht haben, im Grunde alles gefallen und genau darin liegt die unglaubliche Macht großer Tech-Unternehmen. Die Frage, ob es bessere Alternativen gibt, ist so lange vollkommen egal wie die Erkenntnis, dass eine Krise vorliegt, allseitig erfolgreich verdrängt wird. Doch worin besteht nun die Krise des Digitalen?

Zunächst, und dies ist sowohl der intuitivste wie auch schlüssigste Ausgangspunkt ist die Benutzerfreundlichkeit, welche aufgrund der strukturellen Geringschätzung des eigenen Wohlbefindens, der eigenen Lebenszeit, der Kommodifizierung und damit Entmenschlichung des Users nicht selten unterirdisch ist. Was möchte ich tatsächlich von sozialen Medien, von digitalen Anwendungen und Tools? Wollte ich über soziale Medien nicht eigentlich mit meinen Freunden im Austausch bleiben, welche nach so einigen Umzügen aus meinem Blickfeld geraten sind und nicht stundenlang auf der Entdeckenseite brain rotten? Also habe ich Instagram hinter mir gelassen und mich auf BeReal wiedergefunden. Wie real BeReal tatsächlich ist, war mir von Anfang an ziemlich egal; entscheidend war, dass es mich ohne Überforderung mit genügend Einblicken in das Leben meiner Freunde versorgte, um selbst über Monate hinweg ein Gefühl von Nähe zu bewahren. Doch auch bei BeReal dauerte es nicht allzu lange bis die Benutzerfreundlichkeit degenerierte, denn nach der Schonfrist zu Beginn war es nun an der Zeit Geld zu verdienen. Womöglich ist es in einigen Monaten wieder Zeit weiterzuziehen. Ein gewisses digitales Nomadentum zu pflegen ist wohl sinnvoll, denn Innovationen können ja tatsächlich begeistern. Das heißt jedoch keineswegs, dass die Enshittification-Cycles digitaler Anwendungen Naturgesetz wären. Sie sind, wenn überhaupt, Gesetze des digitalen Kapitalismus. Das heißt nicht, dass alle gegenwärtigen privatwirtschaftlichen Unternehmungen im Internet aus Userperspektive schlecht wären. Doch mit der Nutzung dieser Angebote sind stets bestimmte Risiken verbunden, deren Effekt ist mit Enshittification zwar gut beschrieben sind, kausal jedoch besser als profitgetriebene Reduktion der Benutzerfreundlichkeit zu verstehen. Ermöglicht wird dies, neben strategischen Quersubventionierungen von zunächst notorisch unprofitablen Unternehmungen, bis man durch ein im Wettbewerb so nicht reproduzierbares Angebot de-facto Monopolstatus erreicht (z.B. der Fall bei YouTube) und den dann wirksamen Netzwerk- sowie Lock-In Effekt („Mein ganzes Leben läuft über Gmail“) auf seiner Seite hat in erster Linie durch Hebel des Eigentums. Mein Sofa und meine Glotze nutze und besitze ich, Netflix, Spotify, Adobe oder Office 365 nutze ich, aber besitzen tue ich diese immerzu nur vorläufig. Solange ich in regulärem Abstand an deren Eigentümer Geld überweise, habe ich Zugriff zu deren Anwendungsinhalten, sobald ich das nicht mehr, bzw. nicht mehr zu den sich tendenziell kontinuierlich verschlechternden Konditionen tue verliere ich alles. Was also niemals in meinen Besitz überging das ist Kontrolle.

Die Sache mit den Daten

Einige profitorientierte Digitalanwendungen sind natürlich rein monetär (zunächst) vollkommen kostenlos z.B. Google (Maps) oder WhatsApp. Vollkommen kostenlos sind diese aber natürlich nicht, man zahlt hier dann eben nicht mit Geld, sondern mit Daten, also Informationen über Verhaltensmuster, Präferenzen, Interessen etc., welche dann wiederrum entweder direkt verkauft werden oder durch einen so ermöglichten besseren individuellen Zuschnitt von somit höherwertiger Werbung in Geld umgemünzt werden. Der Einwand „Ich habe ja nichts zu verbergen“, den man schon 2013 im Zuge des NSA-Abhörskandals öfters hörte muss dabei entschieden zurückgewiesen werden. Es ist zwar manchmal ein wenig beängstigend, wie man von der Suchmaschine Google, von Tik Tok, von der Autokorrektur oder Digitalwerbung generell antizipiert wird, aber das ist ja auch irgendwo praktisch, und letztlich ziemlich trivial. Und tatsächlich, was vordergründig mit dem Hebel Daten bewegt wird, ist auf eine Art recht unspektakulär, und mit einem Adblocker gut zu bewältigen. Doch hier muss wieder erinnert werden an das Nicht-Faktum des Besitzes und des damit einhergehenden Risikos.

Denn Daten, die im Alltag banal erscheinen, Standortverläufe, Kontaktlisten, Suchanfragen, Likes, biometrische Merkmale, und somit Daten, die ohne besondere Vorsicht im Verlauf der Zeit nun mal angesammelt werden, entfalten ihre eigentliche Wucht erst in der Aggregation. Tausende Standortpunkte ergeben ein Bewegungsprofil, hunderte Suchanfragen ein Interessen- und Problemprofil, vernetzte Kontakte ergeben ein soziales und politisches Milieu, alles in Kombination erlaubt nicht nur Kenntnis eines abstrakten Anonymus, sondern eindeutige Identifizierbarkeit.

Das größte strukturelle Risiko liegt nun in der Allianz zweier Logiken: Big Tech sammelt Daten aus ökonomischem Interesse; während der Staat über Sanktionsmacht und Sanktionsinteresse verfügt. Solange diese Sphären strikt rechtsstaatlich kontrolliert bleiben, und sich in einem schön gemäßigten Gewässer bewegen mag das beherrschbar erscheinen. Doch in politischen Umbruchphasen oder beim Aufstieg autoritärer Kräfte verwandelt sich diese Infrastruktur in einen enormen Hebel. Denn die Datensätze sind bereits vorhanden – sie müssen im politischen Ernstfall nicht erst aufgebaut, sondern nur anders bzw. konsequenter genutzt werden.

Die möglichen Anwendungsfelder sind keineswegs rein spekulativ. In den USA etwa kauft ICE Standort- und Bewegungsdaten auf dem freien Markt – Datensätze also, deren direkte Beschaffung über Telekommunikationsanbieter eine richterliche Anordnung voraussetzen würde. Die Schwelle des Eingriffs verschiebt sich dadurch faktisch: Was der Staat nicht ohne Weiteres erheben darf, kann er auf Märkten erwerben. Daraus resultiert, und das selbst bei Einhaltung unveränderter Gesetze eine erhebliche Machtverschiebung zu Lasten des Bürgers.

Ähnliche Logiken lassen sich in anderen Kontexten beobachten. In Dänemark setzt die Wohlfahrtsbehörde auf umfangreiche Datenanalysen, um potenziellen Sozialbetrug algorithmisch zu erkennen – Bewegungsdaten, Finanztransaktionen und öffentliche Register werden kombiniert, und Verdachtsfälle so zunehmend automatisiert. Polizeibehörden, auch in Deutschland, nutzen Predictive-Policing-Systeme und Analysetools wie Palantir, welche kommerzielle Daten und eigene polizeiliche Erhebungen bündeln, um Risikoszenarien und potenzielle Straftäter vorherzusagen. Auch Krankenkassen oder Versicherungen prüfen zunehmend Fitness-Tracker, App-Nutzung oder Kaufdaten, um Risikoprofile zu erstellen, und Arbeitgeber werten öffentliche Daten und soziale Netzwerke aus, bevor Bewerberinnen überhaupt eine Gelegenheit haben, sich selbst zu erklären. Bei Gesinnungsprüfungen etwa der Verfassungstreueprüfung bei der HiWi-Einstellung kann man in der Selbstauskunft in den meisten Fällen problemlos lügen, der Krankenkasse kann man tägliche Spaziergänge vorgaukeln, doch Daten lügen nicht, sie erzählen fraglos auch nicht die ganze Wahrheit, sie sind schlicht nicht dialogisch, kalt, hart, unerbittlich. Das klingt zwar nicht sonderlich sympathisch, sind aber doch Qualitäten auf dem politisch aufsteigenden Ast. Und politische Systeme, Ideologien der Macht verändern sich nun mal, Datenbestände aber bleiben.

Privatsphäre ist daher keine sentimentale Kategorie, sondern eine strukturelle Voraussetzung dafür, handeln zu können, ohne permanent der Überwachung mächtiger Dritter mit einschneidenden Sanktionsmöglichkeiten ausgesetzt zu sein.

Und genau hier schließt sich der Kreis zur Eigentumsfrage: Was ich nicht besitze, kontrolliere ich nicht. Und was ich nicht kontrolliere, kann – unabhängig von meiner gegenwärtigen Harmlosigkeit – zum Gegenstand fremder Verfügung werden.

Genau diese Einsicht hat nun auch in der europäischen Politik Konjunktur. Diese Sorge des Kontrollverlusts im Digitalen, und das in erster Linie mit Augenmerk auf die gegenwärtigen geopolitischen Verschiebungen und bestehende Abhängigkeiten bei Hardware von China und bei Software von den USA kulminiert im Diskurs um digitale Souveränität. Denn wer abhängig ist, ist angreifbar, ist erpressbar, der ist schwach. Es ist vollkommen legitim, dass staatstragende Politiker dies als Problem wahrnehmen und Handlungsstrategien entwickeln. Ob man als Individuum sinnvollerweise in die gleiche Kerbe schlagen sollte darf jedoch bezweifelt werden. Denn auch wenn die Datenschutz-Regulation in der EU besser ist als in den USA oder China können die politischen Verhältnisse hier ganz genauso kippen und dann bildet sich die unheilige Allianz von Big Tech und staatlichen Institutionen eben mit europäischem Anstrich aus, hurra!

Wo finde ich die bessere Seite des Netzes?

Was also tun? Es gilt also Kontrolle zurückzugewinnen. Doch wie? Einerseits ganz trivial, durch größere Sensibilität im Umgang mit digitalen Anwendungen. Welche Applikationen braucht man wirklich auf dem Handy und welche Berechtigungen sind für deren Verwendung tatsächlich nötig? Kann ich mich z.B. bei Uber auch mit einem Alias anmelden? Ist es sinnvoll Strava en masse Gesundheits- und Standortdaten zu liefern?

Solche kleinen Entscheidungen wirken banal, doch wer beginnt nachzudenken, welche Daten wozu abgegeben werden, ist auf einem guten Weg.

Dieser Weg führt schnell zur Suche nach besseren Alternativen. Es gibt nicht die richtige Alternative, sondern eben verschiedene Alternativen, die je nach individuellen Präferenzen am besten geeignet sind. So geht erhöhter Datenschutz häufig mit einer (mindestens initial) etwas reduzierten Benutzerfreundlichkeit einher, oder, und das muss eben auch eingestanden werden, mit Nutzungskosten.

Denn Digitale Infrastruktur kostet Geld. Server, über welche etwa Mailsysteme oder Cloudspeicher laufen, verursachen nun mal laufende Kosten. Mit Geld zu zahlen ist transparent. Mit Daten zu zahlen ist zunächst ebenfalls eine legitime Option – nur sind die langfristigen Kosten schwerer abschätzbar. Wer heute Bewegungs-, Gesundheits- oder Kommunikationsdaten preisgibt, kann kaum überblicken, welche Schlussfolgerungen sich morgen mithilfe immer leistungsfähigerer KI-Systeme daraus ziehen lassen.

Ein Zugewinn an Kontrolle ist gleichbedeutend mit einem systemischen Zugewinn an Resilienz. Also struktureller Widerstandsfähigkeit gegen Machtkonzentrationen aller Art. Ein resilientes Netzwerk ist so organisiert, dass keine einzelne Instanz das gesamte System abschalten kann. Kein Eigentümer die Regeln für alle User einseitig ändern kann. Politischer oder ökonomischer Druck auf einen Betreiber nicht automatisch zum Kollaps des Ganzen führt. Daten, die nun mal immer auf eine Art anfallen, nicht an einem einzigen Angriffspunkt, sondern verteilt lagern. Und das User migrieren können, ohne ihr gesamtes soziales Umfeld bzw. ihren Arbeitsfortschritt zu verlieren, sprich Interoperabilität.

Digitale Unabhängigkeit wiederum heißt nicht Autarkie. Nicht jeder sollte sein eigenes Rechenzentrum betreiben müssen. Unabhängigkeit bedeutet vielmehr, Wechselkosten zu senken. Anbieter sollen austauschbar bleiben. Daten müssen portabel sein. Idealerweise ist dafür der Code einsehbar und veränderbar, statt exklusives Eigentum eines Konzerns. Monopolmacht entsteht dort, wo Alternativen faktisch nicht mehr realistisch sind – weil Netzwerkeffekte, Lock-in-Strukturen oder proprietäre Formate den Ausstieg unattraktiv machen. Unabhängigkeit heißt, Entscheidungsspielräume zu erhalten, bevor sie langsam, aber sicher verschwinden.

Diese Prinzipien spiegeln sich in bestimmten technologischen Modellen klar wider, etwa in Open-Source. Wenn der Quellcode einer Software öffentlich einsehbar ist, bleibt dieser überprüfbar, veränderbar, sowie gemeinschaftlich modifizierbar. Niemand kann also negative Veränderungen im Code, etwa in Form von Werbung, allen anderen langfristig aufzwingen. Kontrolle und also Macht verschiebt sich von den Quellurheberinnen hin zur Nutzergemeinschaft. Das bedeutet nicht, dass jedes Open-Source-Projekt konfliktfrei wäre, wohl aber, dass strukturelle Abhängigkeiten reduziert werden.

Gleiches lässt sich über föderierte Netzwerke wie den Kurznachrichtendienst Mastodon oder andere Teile des sogenannten Fediverse sagen. Anstelle einer zentralen Plattform existieren viele unabhängige Server, die über gemeinsame Protokolle miteinander kommunizieren. Jede Serverbetreiberin kann eigene Regeln (durch)setzen, bleibt dabei aber technisch anschlussfähig an andere. Wer als User unzufrieden ist, kann den Server wechseln, ohne dadurch sein gesamtes soziales Netzwerk zu verlieren. Die Infrastruktur sowie die Macht darüber ist dezentral, ist verteilt, und genau dadurch robuster gegenüber politischem Druck oder ökonomischer Monopolisierung.

Natürlich ist es zusätzlich auch sinnvoll mutige Digitalpolitik voranzubringen, die Interoperabilität fördert, Monopole begrenzt, Datenschutz nicht als Innovationshemmnis diffamiert, und öffentliche Digitalinfrastruktur als notwendiges Gemeingut deliberativ operierender Gesellschaften begreift.

Denn auch wenn der digitale Kapitalismus, so scheint es, bestimmten Gesetzen folgt heißt das nicht, dass die digitale Welt notwendigerweise nach diesen Gesetzen regiert werden muss. Denn schon lange ist dieses Konstrukt brüchig und voller Risse. In ihnen nisten reale Digital-Utopisten mit realen Digital-Utopien.

Auch in Jena im Hackspace am Ernst-Abbe-Platz findet man an einem jedem ersten Sonntag ab 14 Uhr solche Digital-Utopisten bzw. schlicht Nerds, welche einem den Einstieg in die Rebellion erleichtern. Rebellion bedeutet oft Entbehrung und Durchhalteparolen – nicht jedoch diese. Sie ist eine des Überflusses und deshalb guten Gewissens zu wagen. Und wenn nicht an jedem ersten Sonntag des Monats im Jahr 2026, wann dann?

Dieser Text erschien gekürzt in der Ausgabe Nr. 456, Februar 2026


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