Streit: Blocksatz

Ganz Deutschland diskutiert am Thema vorbei. Ganz Deutschland? Nein! Ein von unbeugsamen Autor:innen bevölkerte Redaktion hört nicht auf, herrschenden Diskursnarrativen Widerstand zu leisten und spricht über das, was wirklich wichtig ist: Der Blocksatz!

Text von Karolin Wittschirk (Pro) und Philipp Schön (Contra)
Foto von Dario Holz

Pro

Ich gebe es zu: Ich mag Dinge, die aussehen, als hätten sie ihr Leben im Griff, weil ich es selbst oft nicht habe. Genau deshalb liebe ich den Blocksatz.
Er ist für mich wie ein perfekt gemachtes und frisch bezogenes Bett unter den Textformatierungen. Jede Zeile weiß, wo sie hingehört, und links wie rechts herrscht dieselbe Ordnung, keine ausgefransten Ränder. Davon bekomme ich Augenkrebs.

Die Gleichmäßigkeit wirkt beruhigend. Gleiche Abschlüsse von Worten, saubere Kanten, eine optische Stabilität – das ist typografische Architektur und sorgt für ein Wohlfühlgefühl in mir. Linksbündigkeit bedeutet einen Rückschritt zu der Phase, als ich meine Anfänge mit Word gemacht habe. Der Blocksatz steht für das Erwachsenwerden. In der Uni ist er unerlässlich für Hausarbeiten und auch beim Akrützel. Er steht einfach da wie ein würdevoller Altbau: solide, symmetrisch, zuverlässig.

Manche behaupten, der Blocksatz sieht zu streng aus. Aber seit wann ist das etwas Negatives? Wir bauen ja auch keine Häuser mit nicht abgeschlossenen Bausteinen, sondern eher perfekt aufeinander liegenden Blöcken. 
Ich finde, Gedanken verdienen eine klare Form. Wenn schon Chaos im Kopf herrscht, dann bitte nicht auch noch auf dem Papier.

Und ja, ich weiß: Manchmal entstehen größere Wortabstände. Aber selbst das sehe ich positiv. Der Blocksatz gönnt den Wörtern eben ein bisschen Raum zum Atmen – Gleichberechtigung für alle Silben! Es entsteht ein harmonisches Gesamtbild mit perfekten Rändern.
Für mich strahlt Blocksatz Professionalität aus. Er wirkt durchdacht, fast ein bisschen majestätisch. Ein Text im Blocksatz sagt: „Ich meine es ernst.“ Ein Text mit Links- oder gar Rechtsbündigkeit sagt eher: „Mal sehen, wo ich heute lande.“ Und ich stehe einfach nicht auf dieses flatterhafte, in keinerlei Beziehung in meinem Leben.

Contra

Der Blocksatz ist ein ausgesprochen hässliches und unpraktisches Textformat. Er führt zu abscheulich großen Lücken in der Textzeile. Die großen Abstände erhöhen unnötig die Konzentrationsanforderung beim Lesen. Dabei ist all das doch gar nicht nötig, wo es doch das andere Textformat mit einem so wunderbaren Namen gibt: den Flattersatz! Hier ist Schluss mit Leerstellen-Fiesta und Augen-Gymnastik.

Der Flattersatz beginnt bündig und endet frei, schöner könnte es nicht sein. Der bündige Anfang setzt einen klaren Rahmen und gibt Struktur. Ein freies Ende kann trotzdem wunderbar emotional nachhallen. Eine offene Pointe ist besser als ein starres Ende. Ein freier Abschluss motiviert zum Handeln, ohne Druck – dynamisch wie der Flatterrand. Im Print dominiert der Blocksatz, während im Web das Verhältnis zwischen Block- und Flattersatz eher ausgeglichen ist. Der Blocksatz steht für ein eher klassisch-konservatives Profil, während der Flattersatz Progressivität zum Ausdruck bringt.

Beim Flattersatz rückt der Inhalt endlich wieder in den Vordergrund und wird nicht von der Form überwuchert. Die Normierung des Blocksatzes zeigt, wie Individuen in unserer Gesellschaft in eine äußere Form gepresst werden, die immer makellos wirken soll. Was dabei verloren geht, ist das Unregelmäßige, der Eigensinn und das Authentische – also der inhaltliche Wert. Im Blocksatz soll alles passen, reibungslos funktionieren und sich in ein visuell-harmonisches Gesamtbild einfügen.

Der Flattersatz hingegen erlaubt genau jene Unruhen, Unvollkommenheiten und Brüche, die unsere Gesellschaft dringend braucht. Beim Blocksatz führt der Fokus auf die Form zur Ablenkung vom Wesentlichen. Der Blocksatz ist somit keine bloße Layoutfrage, sondern ein Sinnbild für ein System, das Gleichförmigkeit belohnt und inhaltliche Substanz verdeckt.

Dieser Text erschien in der Ausgabe Nr. 456, Februar 2026


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