Hass

Die Inszenierung “Hass / Μίσος / Ură” am Theaterhaus Jena entstand in Kooperation mit dem Masterstudiengang Professionelles Schreiben – wir werfen einen Blick vor und hinter die Kulissen.

Text von Ida Müermann und Antonia Braun
Foto von Candy Welz

Schon der Einstieg setzt den Ton: Ein Rap-Song dröhnt durch den Raum, kein vorsichtiges Einführen. Das Theaterhaus Jena wirft sein Publikum mitten hinein in eine Welt aus Demo-Nachhall, angespannter Stimmung und schwelender Wut. Die Schauspieler:innen sprechen Deutsch, Rumänisch und Griechisch, ohne eine gemeinsame Sprache zu teilen. Sie diskutieren über eine Demonstration, über Beteiligung, Verantwortung, Risiko und über eine Waffe, die ein Polizist dort verloren haben soll. Von Beginn an ist klar: Hier geht es nicht um eine lineare Handlung, sondern um ein explosives Geflecht aus Fragen.

Das Stück ist inspiriert von dem französischen Kultfilm La Haine aus dem Jahr 1995. Dieser verfolgt einen Tag im Leben dreier junger Männer aus der Pariser Banlieue. In der hiesigen Inszenierung wird dieses Geschehen dreißig Jahre später auf Lobeda übertragen. Dort treffen im Stück steigende Mieten, bröckelnde Bausubstanz und unterschiedliche soziale Realitäten aufeinander: Alteingesessene, Migrant*innen, Studierende, Alleinerziehende. Im Film wird die Geschichte eines herabstürzenden Mannes metaphorisch verwendet, bis zum Aufprall ist alles gut. Das Stück hingegen verwendet als Ramen die Erzählung von einem Mann, “der in einer Blase lebt”. Wird sie platzen oder ihn verschlucken? 

„Arme gegen Arme“

„Ich sehe was, was du nicht siehst“: Der Satz ist ein Originalzitat von einem Haus in Lobeda. Er erscheint zu Beginn als Leuchtschrift und zieht sich als Motiv durch den Abend. Er steht für die Wahrnehmungsunterschiede, für eine Stadt im Spannungsfeld zwischen Weltoffenheit und Ausgrenzung, zwischen Naturidylle und Problemviertel. In eingesprochenen Passagen wird über die schlechte Wohnsituation in Lobeda berichtet, während auf der Bühne körperliche Auseinandersetzungen mit imaginären Gegnern stattfinden. Das Publikum wird angepöbelt und in die Konflikte hineingezogen. Distanz ist kaum möglich.

Besonders stark ist die Verzahnung von sozialkritischer Härte und poetischer Überhöhung. Ein brutaler Raub wird sprachlich beinahe zärtlich beschrieben, nur um im nächsten Moment in die bittere Formel zu münden: „Ein Opfer, ein Täter und viel zu viele Zeugen“. Die Gewalt bleibt nicht abstrakt, sie wird konkret, körperlich, bedrängend.

Ein wiederkehrendes Motiv ist das Gefühl der Verfolgung: Eine Figur glaubt, seit der Demo von einer Gestalt mit Tiergesicht in gelber Regenjacke beobachtet zu werden. Realität und Paranoia verschwimmen. Parallel dazu flackern verwackelte Handyvideos über die Bühne, Live-Technik macht die Szenen brüchig und dokumentarisch.  

„Nur ein toter Nazi ist ein guter Nazi“

Der Abend scheut sich nicht vor klaren politischen Bezügen. Nazis als besser gestellte Bewohner in Lobeda, schwarze Farbe auf dem Regenbogen-Zebrastreifen, eingespielte Nazi-Zitate – das Erstarken rechter Strukturen wird nicht abstrakt verhandelt, sondern als konkrete Bedrohung inszeniert. Gleichzeitig übt das Stück Selbstkritik: Das Theater selbst wird hinterfragt, Studierende als privilegiert und womöglich oberflächlich probleminteressiert dargestellt. „Denkt ihr, ihr seid besser als die?“ – dieser Satz trifft auch das Publikum. Der vermeintlich sichere Raum der Kunst wird brüchig.

Immer wieder kreist die Handlung um die verschwundene Waffe. Sie wird zur klassischen „Tschechow-Pistole“, deren Existenz Konsequenzen fordert. Zwischenzeitlich entpuppt sich eine gezogene „Knarre“ als Feuerzeug, ein perfides Spiel mit Angst und Macht. Doch die echte Waffe taucht wieder auf, in den Händen eines 15-jährigen Nazis. Sie wird ihm abgenommen und landet so am Ende dort, wo sie die ganze Zeit vermutet wurde: bei den Jugendlichen aus Lobeda.  

Das Finale ist von erschütternder Konsequenz. Bei einer Polizeikontrolle, die als stummer Untertitel eingeblendet wird, eskaliert die Situation. Eine Figur wird zu Boden gedrückt, die Polizei droht mit der Waffe, fragt: Wer von euch hat sie? In einem Akt verzweifelter Auflehnung stürzt sich Sai auf den Beamten – und wird erschossen.

Über die Entstehung des Stückes haben wir mit der Studentin Danielle gesprochen. Das Interview findest du hier.

Dieser Text erschien in der Ausgabe Nr. 456, Februar 2026


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