Doktorspiele im Landtag

Ministerpräsident Mario Voigt wurde der Doktortitel aberkannt, ans Zurücktreten denkt er dennoch nicht. Für die AfD im Landtag ein gefundenes Fressen: Sie fordern die Abwahl Voigts und stellen Höcke als Gegenkandidaten auf.

Text von Dario Holz
Illustration von Rosa Wentsch

Fehler in der Doktorarbeit wurden schon für einige Spitzenpolitiker:innen zum Verhängnis: Sobald ein gewisser Grad politischer Relevanz erreicht ist, wird in den Tiefen der Universitäts-Archive gewühlt und die längst vergessene Dissertatione neu geprüft, so scheint es. Egal ob beim Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, der EU-Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen oder Deutschlands beliebtestem Ex-Verkehrsminister Andreas Scheuer – alle wurden schon Ziel sogenannter Plagiatsjäger, die auf der Suche nach wissenschaftlichen Fehlern auch immer welche fanden. In all diesen Fällen bewerteten die Hochschulen die Verstöße als nicht schwerwiegend genug, um den Doktortitel letztendlich zu entziehen. Dass es aber auch anders laufen kann, zeigte der Fall des CDU-Shootingstars Karl-Theodor zu Guttenberg, später Franziska Giffey – und jetzt auch Mario Voigt. Anders als Guttenberg und Giffey denkt dieser aber nicht daran, mit dem Verlust des akademischen Grades auch sein politisches Amt aufzugeben. 

Der Plagiatsjäger

Mario Voigt promovierte 2008 an der TU Chemnitz mit einer Arbeit über den US-Wahlkampf. Als er 16 Jahre später Wahlkämpfe nicht mehr von außen, sondern von innen beobachtete, machte sich der österreichische Plagiatsjäger Stefan Weber auf die Suche nach Fehlern in Voigts Dissertation. Weber ist in der Politik kein Unbekannter: Im Bundestagswahlkampf prüfte er die Arbeiten der beiden Grünen-Spitzen Baerbock und Habeck, zuletzt erhob er Vorwürfe gegen die Juristin Brosius-Gersdorf, als diese für das Amt der Verfassungsrichterin vorgeschlagen wurde. Webers öffentlichkeitswirksame Kritik an wissenschaftlichen Arbeiten von Spitzenpolitiker:innen kommt oft genau dann, wenn sie möglichst viel Schaden anrichten kann. Und das gehört zum Geschäft, denn Weber prüft immer nur dann, wenn auch jemand das nötige Kleingeld auf den Tisch legt: “bezahltes Anpinkeln” nennt er dieses Geschäftsmodell. 

Von wem Weber seine Aufträge bekommt, ist nicht bekannt. Die lange Liste der von ihm überprüften Personen, sowie sein Blog, auf dem er beispielsweise für eine positive Umdeutung des Wortes “rechtsextrem” wirbt, lassen aber ein recht deutliches politisches Kalkül vermuten. Diesem ist Mario Voigt inmitten eines Wahlkampfes, der zur ersten Regierungsbeteiligung einer rechtsextremen Partei hätte führen können, zum Opfer gefallen. 

Weber fand in Voigts Dissertation Fehler, besonders in den Fußnoten der Einleitung, und brachte diese bei der TU Chemnitz zur Anzeige. Die Universität beauftragte daraufhin einen externen Gutachter, welcher die Arbeit prüfte und keine schwerwiegenden wissenschaftlichen Fehler fand, die eine Rücknahme der Promotion rechtfertigen könnten. Aber noch während dieses Verfahren lief, änderte der Promotionsrat der Universität seine Bewertungsmaßstäbe für Plagiatsverfahren und entzog Mario Voigt seinen Doktortitel. Denn ein externes Gutachten, so der Promotionsrat, könne nicht mehr alleinige Grundlage für eine solche Entscheidung sein. Mario Voigt nannte dieses Vorgehen “höchst ungewöhnlich” und legte Widerspruch gegen die Entscheidung ein. Die Aussichten auf Erfolg dürften aber relativ gering sein, denn die meisten Klagen gegen den Entzug eines Doktortitels scheitern an den großen rechtlichen Spielräumen der Universitäten.

Politisch wird es für Voigt allerdings wenig Unterschied machen, ob er das Verfahren gegen die TU Chemnitz gewinnen wird oder nicht; sein Image hat durch den Entzug des Doktortitels bereits stark gelitten. Eine Revision der Entscheidung wird das wohl nicht wieder ausgleichen.

Politisches Beben

Für die rechtsextreme AfD war das gefundenes Fressen: Schon im Landtagswahlkampf 2024 nutzte die Partei die von Stefan Weber erhobenen Vorwürfe gegen Voigt für eigene Zwecke und versuchte, ihren größten politischen Gegner (die CDU) zu diffamieren. Mario Voigt schaffte es dennoch, in Folge der Wahl Ministerpräsident zu werden, wenn auch nur knapp. 

In der Retrospektive hat die AfD aber wohl nur auf den Moment gewartet, in dem Mario Voigt seinen Doktortitel tatsächlich verlieren sollte, um dann erneut in den Angriff zu gehen. Unmittelbar nach der Entscheidung der TU Chemnitz beantragte sie im Landtag ein konstruktives Misstrauensvotum gegen Voigt und stellte ihren Landesvorsitzenden Björn Höcke als Gegenkandidaten zur Wahl. Die Erfolgsaussichten für die AfD waren gering: Die regierende Brombeer-Koalition aus CDU, BSW und SPD kündigte schon vor dem Misstrauensvotum an, zu Mario Voigt zu stehen und auch von der Linken war kaum zu erwarten, dass sie für einen Rechtsradikalen stimmen und damit eine Regierungskrise auslösen, von der nur die AfD profitieren kann. Das wird auch die AfD gewusst haben. 

Destruktives Misstrauensvotum

Am vierten Februar war es dann soweit: Der Landtag kam zusammen, um über die politische Zukunft des Ministerpräsidenten zu entscheiden. Björn Höcke trat ans Mikrofon, sprach von fehlendem Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Davon, dass Mario Voigt der erste deutsche Spitzenpolitiker sei, der nach Aberkennung des Doktortitels nicht selbständig zurücktrat. Und er versuchte, trotz der geringen Chancen auf Erfolg, das Parlament von seinem Misstrauensvotum zu überzeugen. Hier sprach er besonders das BSW an, dessen politische Zukunft durchaus ungewiss ist. Wenn sich die Partei weiter hinter Voigt stelle, so Höcke, werde sie in der nächsten Legislatur den Landtag von außen betrachten müssen. Das BSW ist zweifellos die Schwachstelle der aktuellen Regierung und hat innerparteilich schon länger mit ihren Sympathien zur AfD zu kämpfen, auch vom BSW-Bundesvorsitzenden Fabio de Masi gab es scharfe Töne gegen Voigt.  Doch die Abgeordneten ließen sich nicht überzeugen, Höcke verlor das Misstrauensvotum deutlich mit 33 zu 51 Stimmen; lediglich zwei Abgeordnete außerhalb der AfD stimmten für Höcke. 

Dennoch war der Tag für die Rechtsextremen ein voller Erfolg. Das Misstrauensvotum zu gewinnen dürfte aber auch nicht Ziel der AfD gewesen sein. Die Partei nutzte ihre parlamentarischen Möglichkeiten aus, um eine Propaganda-Veranstaltung vor laufenden Kameras im Landtag zu inszenieren, die der politischen Stabilität in Thüringen schaden sollte. Mit Erfolg: Ganz Deutschland sprach in diesen Tagen über das Misstrauensvotum und Voigts verlorenen Doktortitel. 

Außerdem zeigten zwar die demokratischen Parteien im Landtag, dass sie geschlossen gegen Höcke stehen, aber auch das wird die AfD politisch nutzen und sich noch vermehrt als einzige Alternative zu dem bestehenden Parteiensystem darstellen; jetzt, wo sich das BSW als staatstragend zeigte. 
Wie viel die AfD tatsächlich von dem Fall profitiert, wird sich in der nächsten Landtagswahl zeigen. Bis dahin wird Mario Voigts Widerspruchsverfahren vermutlich noch nicht abgeschlossen sein: Der aberkannte Doktortitel könnte bei der nächsten Wahl also wieder Thema sein.

Dieser Text erschien in der Ausgabe Nr. 456, Februar 2026


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