Streit: Meinung

Ganz Deutschland diskutiert am Thema vorbei. Ganz Deutschland? Nein! Ein von unbeugsamen Autor:innen bevölkerte Redaktion hört nicht auf, herrschenden Diskursnarrativen Widerstand zu leisten und spricht über das, was wirklich wichtig ist: Die Meinung!

Text von Ulrike Reimer (Pro) und Dario Holz (Contra)
Foto von Thorsten Schlicke

Pro

Ich bin toll, so toll! Und um dieses Mindset dauerhaft aufrechterhalten zu können, brauche ich eine Meinung. Meine Meinung. Und davon habe ich eine ganze Menge. Gerne behaupte ich, dass ich mehr Meinung zu Themen habe, als die Bibel Buchstaben hat. Es ist mein Hobby, meine Leidenschaft, mein Leben. Es kommt selten vor, dass ich zu einem Thema keine habe. Sollte ich in eine solch bizarre Situation kommen, ist es ein Leichtes für mich, mit Hilfe von kritischem Reflektieren und schnellem Nachdenken eine Meinung zu entwickeln. Manche Menschen meinen, ich würde meine Meinung zu oft zu laut äußern – das passt nun leider nicht zu meiner Meinung. Immerhin kann ich sagen, was ich will: Die Meinungsfreiheit wurde nur für mich ins Grundgesetz aufgenommen – leider erst an fünfter Stelle. Dass mir meine Meinung so wichtig ist, liegt auch daran, dass viele andere Menschen ihre viel zu selten sagen. Wenn sich eine Meinungslücke auftut, muss dringlichst dafür gesorgt werden, dass diese geschlossen wird. Ganz nach dem Überlebensmotto ‘Der Stärkere gewinnt’ zählt hier die Prämisse ‘der zwanglose Zwang der besseren Meinung’ (Habermas wäre bestimmt stolz?). Beides trifft auf mich und meine Meinung zu!

Abschließend möchte ich noch – etwas bescheidener – meine Meinung kundtun: Bisher Geschriebenes mag sehr unsympathisch klingen, es sprach hier auch lediglich der Frontallappen meines sich noch in der Entwicklung befindenden Gehirns – ein Überrest aus der Pubertät. Des Weiteren kann meine rationale Gehirnhälfte hinzufügen, dass eine übermäßige Meinung meinerseits auch als Kompensation von mangelndem Selbstbewusstsein gewertet werden kann. Sollte diese Lücke im Selbstbild ans Tageslicht kommen, muss ich von mir selbst und meiner Meinung natürlich am Meisten überzeugt sein. Also: Meine Meinung ist die beste Meinung!

Contra

Eine Meinung zu haben ist, meiner Meinung nach, vollkommen in die falsche Richtung gedacht. Eine Meinung ist wie Sahra Wagenknecht, wie Superbowl Halftime Shows, wie Zitrone-Aioli-Mayo bei Fritz Mitte: Sie ist überflüssig, die Welt würde auch ohne sie funktionieren. Gehe ich in ein Bekleidungsgeschäft und probiere eine Hose an, bin ich sofort mit der Meinung des Verkaufspersonals konfrontiert, das mich in schönste Komplimente hüllt und mich gleich drei dieser Hosen kaufen lässt. Sobald ich aber das Geschäft verlasse, bekomme ich eine andere Meinung zu spüren – die abfälligen Blicke der vor dem Bekleidungsgeschäft verweilenden Bevölkerung. Man kann sich also nicht auf die Meinung anderer verlassen, sie ist eigentlich immer falsch oder irreführend. 

Auch die eigene Meinung ist nur selten eine Hilfe. Einst war ich der Meinung, ein Studium mache mich klüger. Heute weiß ich, dass ich nicht falscher hätte liegen können. Der Fehler war, auf meine Meinung zu vertrauen, sie als etwas anzusehen, das mich durchs Leben geleiten kann.

Verschärfend kommt dazu, dass die meisten Meinungen grundsätzlich unehrlich sind. Sie belügen und manipulieren dich, sie richten nur Schaden an. Umso verwirrender, dass jeder meint, eine Meinung haben zu müssen und, schlimmer noch, sie auch ständig kommuniziert. Aber verübeln kann man diese schlechte Charaktereigenschaft wohl niemanden, denn wir leben in einer Gesellschaft, die zur Meinung zwingt. Regelmäßig werde ich gefragt, wer dieses Land regieren soll, wie ein Fußballspiel ausgeht oder ob mir mein Essen im Restaurant schmeckte. Alles Dinge, zu denen ich keine Meinung habe – aber diese Antwort wird meistens nicht geduldet. 

Wir sollten aufhören, für die Meinungsfreiheit zu kämpfen und endlich anerkennen, dass jede Einschränkung dieser ein richtiger Schritt ist.

Dieser Text erschien in der Ausgabe 455, Januar 2026.


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