Sammelklage: Harry Potter; Situation und Konstellation; Laberpodcasts

Bisher galt euch das Akrützel als freundlich und moderat. Jetzt ist endlich Schluss mit der falschen Versöhnlichkeit! Ab heute wird scharf geschossen – gegen Kunst, die nervt.

Text von Markus Manz (Harry Potter), Thorsten Schlicke (Situation und Konstellation) und Anna Ittner (Laberpodasts)
Illustration von Stephan Lock

Harry Potter 

Unter den großen europäischen Kinder- und Jugendbucherzählungen gibt es progressive Werke wie Pippi Langstrumpf, Tintenherz oder die Mumins. Und es gibt Harry Potter. Das Buch, das die Eltern der 90er gleich mitgelesen haben, weil es so rebellisch ist. Seitdem ist Rowlings Zauberschule zur populärsten, konservativen Utopie geworden, die der globale Norden zu bieten hat. Eine abgesperrte Traditionsgesellschaft, in die man nur eingeladen werden kann, wo das Gute der geregelte Schulalltag ist, auf dessen Wiederherstellung alle Bücher hinarbeiten. Hexen und Zauberer leben in Hogwarts wie vor hundert Jahren, weil sie sich magisch von den sozialen und technischen Entwicklungen der Muggelwelt isolieren können. Wo konservative Bewahrungsinteressen normalerweise an dem intrinsisch dynamischen Charakter von Gesellschaften scheitern, wird in der Wizarding World einfach gewutscht und gewedelt. Wie dieses unwahrscheinlich praktische Magiesystem aber funktioniert, verrät uns Rowling nur ausgewählt. Wir erfahren, dass es via magischem Naturgesetzt unmöglich ist, Nahrung herbeizuzaubern – eine Welt ohne Hunger wäre auch zu schön. Wir wissen aber nichts darüber, wie man ein altbackenes Märchenschloss von Zeit und Muggelaugen unberührt zaubert oder wieso magische Begabung und damit der Zugang zur besseren Gesellschaft (im Normalfall) genetisch vererbt wird. Ich habe eine Theorie dazu, aber die macht betroffen. 

Situation und Konstellation

Hartmut Rosa, Jenaer Chef-Soziologe und ausgesprochener Luhmann-Feind, hat ein neues Buch geschrieben. Nun fragen Sie, als geneigte:r Leser:in, sich sicherlich: Welche Großwetterlage vermag uns die Koryphäe auf dem reichhaltigen Gebiet der Gesellschaftstheorie heute zu deuten? Rosas Diagnose: An die Stelle individueller Entscheidungen treten Regeln, Richtlinien, Gesetze und Vorgaben – auf Kosten individueller Handlungsspielräume. Diese Einsicht ist so revolutionär wie die pausenlose Produktion quatschiger Gesellschaftsanalysen – für alle Ironie-immunen Leser:innen: d. h. gar nicht.
Es handelt sich stattdessen um ein Musterbeispiel substantiviert-substanzloser Schlagwort-Soziologie, die nur deshalb verwertbar ist, eben weil sie so herrlich anekdotisch daherkommt: Frei von den Mühen, sich mit aussagekräftiger Empirie auseinandersetzen zu müssen, lässt sie sich als Gefühlssoziologie nett erzählen, ohne dabei in den Verdacht zu geraten, allzu viele Erkenntnisse zutage zu fördern.
Und das ist das eigentlich Tragische: Warum erschöpfen sich populärwissenschaftliche Werke der profiliertesten Köpfe aus der Soziolog:innen-Zunft ausgerechnet in den Banalitäten des Alltäglichen? Als gäbe es nicht reihenweise spannende und abstruse, mal offensichtliche, mal versteckte gesellschaftliche Merkwürdigkeiten, die es verdient hätten, nahbar und fachgerecht seziert zu werden. Hartmut Rosas “Situation und Konstellation” wird diesem – vielleicht zu idealistischen, aber immerhin ehrlichen – Zweck soziologischen Denkens nicht gerecht.

Laberpodcasts

Tommi, Jakob, Felix, Bill und Kevin – das sind nicht die beliebtesten Babynamen 2025 und auch nicht die deutscheste Boyband aller Zeiten, sondern die Inhaber der deutschen Laberpodcast-Charts. Neben Talkshows, Youtube-Essays und Parlamentssitzungen hat wirklich niemand ein weiteres Format gebraucht, in dem Männer uneingeschränkten Zugriff zu einem Mikrofon haben. Denn es sind wieder mal Männer, die die Branche einnehmen – wahrscheinlich aus der puren Selbstüberschätzung heraus, ihre privaten Gespräche würden irgendwen jucken. Und tausende Fans bestätigen sie darin auch noch.
Dabei ist das, was es da zu hören gibt, so wenig hörenswert wie nichts zuvor. Beim Hören eines Laberpodcasts fühlt man sich wie gefangen in einem nicht enden wollenden Intro; das Vorgeplänkel ist das Endprodukt. Wann ist es aus der Mode gekommen, sich für Content Mühe zu geben? Langwierig geschriebene und kreativ eingesprochene Hörbücher, liebevoll geschnittene Youtubevideos, ey, sogar ein Tiktok zu produzieren ist mehr Aufwand als das. 
Trotzdem hocken Millionen Menschen allein in ihren Wohnungen und hören sich stundenlang ungeschnittene Alltagsgeschichten von Internetpersönlichkeiten an. Es kann kein Zufall sein, dass Laberpodcasts parallel zur Einsamkeits-Epidemie ihren Aufstieg feierten. Jede Hörminute, die an den Aufmerksamkeitsdrang von irrelevanten Männern verschwendet wird, kann nicht damit verbracht werden, Sprachnachrichten von Freunden abzuhören. 

Dieser Text erschien in der Ausgabe 455, Januar 2026.


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