Thüringens größte Hochschule ist die Fernuni IU in Erfurt. Das starke Wachstum der letzten Jahre bringt aber einige Probleme mit sich. In letzter Zeit wird daher die Kritik an der Privatuni immer lauter.
Text von Philipp Schön und Dario Holz
Illustration von Rosa Wentsch
Seit ein paar Jahren ist Thüringens größte Hochschule nicht mehr die FSU, sondern die Internationale Hochschule IU, eine private Hochschule, die sich aufs Fernstudium fokussiert hat. 2019 verlegte die IU ihren Hauptsitz aus Nordrhein-Westfalen nach Erfurt. Mit diesem “Umzug” bringt die IU mehr als 100.000 eingeschriebene Studierende mit und ist somit größer als alle anderen Hochschulen Thüringens zusammen. Gerade in den letzten Jahren ist die Zahl der Immatrikulationen deutlich gestiegen, aber dieses Wachstum hat auch seine Schattenseiten. Für die Studierenden, als auch für das Land Thüringen.
Quantität statt Qualität
An 38 Standorten in Deutschland können sich Studis für mehr als 200 verschiedene Studiengänge einschreiben, die meisten funktionieren als Fernstudium nur online. Fast jeder Studiengang hat keinen NC. Laut IU kommen über 70 Prozent der Studis aus nicht akademischen Haushalten. Je nach Studiengang verlangt die IU ca. 350 Euro pro Monat an Studienbeiträgen, wer Präsenzveranstaltungen besuchen möchte, zahlt drauf. Das ist für einen Monat mehr, als die FSU für ein ganzes Semester nimmt. Sechs Semester an der IU summieren sich dann auf 12.600 Euro. An privaten Unis sind Studis auch zahlende Kunden. Wirtschaftlich läuft es für die Uni prächtig. Gleichzeitig werden aber Probleme im Lehrbetrieb und der Verwaltung immer deutlicher. Die Kritik: Das Geschäft sei wichtiger, als das eigentliche Studium.
Immer wieder berichten Studierenden von Schwierigkeiten mit der IU, wie lange Wartezeiten bei Korrekturen und Abschlusszeugnissen, fehlende Ansprechpartner bei Problemen und Zuständigkeitslücken in der Uni-Verwaltung. Auch fallen immer wieder Präsenz-Veranstaltungen aus, obwohl Studierende extra dafür zahlen. Das ist nicht nur ärgerlich, sondern für viele internationale Studierende ein echtes Problem: Denn wer für sein Studium in Deutschland eine Aufenthaltsgenehmigung benötigt, muss nachweisen, dass das Studium auch wirklich in Deutschland stattfindet. Sind alle Module nur online verfügbar, wird die Aufenthaltsgenehmigung verweigert. Viele Studierende buchen daher extra Kurse, die in Präsenz stattfinden – fallen diese aber immer wieder aus, werden sie schlussendlich zur Ausreise gezwungen, wie vermehrt Fälle indischer Studierender der IU zeigen.
Teils werden auch ganze Studiengänge nur wenige Wochen vor Semesterbeginn abgesagt, wenn sich zu wenige Studierende einschreiben. Das gleiche Schicksal trifft auch physische Standorte der IU: Immer wieder werden einzelne Campus-Standorte geschlossen, zuletzt in Chemnitz und Bonn. Das mag wirtschaftlich sinnvoll sein, ist aber für betroffenes Lehrpersonal und Studierende eine Zumutung.
Abschluss ohne Titel
Für viel Aufsehen sorgte der Architektur-Studiengang der IU. Wer diesen erfolgreich abschloss, durfte sich nicht Architekt nennen und demnach unter dieser Bezeichnung auch nicht arbeiten. Die IU hatte den Studiengang bei der Architektenkammer der Länder nicht offiziell anerkennen lassen. Dass man trotz Architektur-Studium kein Architekt ist, wurde auf der Website der IU aber nicht deutlich kommuniziert – viele Studierende fühlten sich dadurch betrogen und klagten in mehr als 50 Fällen gegen die Hochschule. Mittlerweile ist der duale Studiengang kammerfähig, die Bezeichnung Architekt darf also nach Abschluss getragen werden. Für das Fernstudium gilt dies aber nicht.
Ein ähnlicher Fall ist der Studiengang “Physician Assistant” der IU, der ebenfalls zu einem kammerpflichtigen Beruf ausbilden soll. Die Bundesärztekammer erklärte 2025 in einem Positionspapier, dass man Fernstudiengänge nicht anerkennen werde. Die IU stellte als Reaktion die Anmeldungen für den Studiengang ein. Bereits eingeschriebene Studierende werden nach ihrem Abschluss nicht in diesem Beruf arbeiten können.
Keine Verantwortung
Mit dem Umzug nach Erfurt unterliegt die IU dem Thüringer Hochschulgesetz. Auf Anfrage beim Thüringer Bildungsministerium zur Bewertung des Umzuges der IU heißt es: „Eine Bewertung des Umzugs der IU durch das zuständige Wissenschaftsministerium verbietet sich bereits aus wettbewerbsrechtlichen Gründen. […] Wenn der Träger einer Bildungseinrichtung mit Sitz in Thüringen – wie die IU – einen entsprechenden Antrag auf staatliche Anerkennung in Thüringen stellt, ist dem Antrag stattzugeben, sofern nicht einschlägige Gründe für eine Versagung dieser staatlichen Anerkennung vorliegen.“
Bezüglich der Vorwürfe der schlechten Studienorganisation und dem Nicht-Anerkennen von Studienabschlüssen schreibt der Pressespreche des Thüringer Bildungsministeriums: „Das Wissenschaftsministerium hat sich jeder Bewertung der Leistungen bzw. Probleme einer nichtstaatlichen Hochschule zu enthalten, sofern diese nicht unter den durch die §§ 122 ff. (Thüringer Hochschulgesetz, Anmerkung d. Redaktion) gezogenen Rahmen seiner Aufsicht fallen.“ Mit anderen Worten: Die IU unterliegt zwar dem Thüringer Hochschulgesetz, das zuständige Bildungsministerium sieht sich aber nicht in der Pflicht, auf Missstände aufmerksam zu machen oder diese zu verbessern.
Das leidige Thema Bafög
Aber auch für viele Studierende außerhalb der IU Erfurt hat dies negativen Einfluss, auch wenn die Hochschule selbst hier unschuldig ist. Denn obwohl ein Großteil der Studierenden an der IU nicht in Thüringen studieren und wohnen, ist die IU eine Thüringer Hochschule, wodurch auch alle Bafög-Anträge beim Studierendenwerk Thüringen gestellt werden müssen. Mit dem Umzug nach Erfurt bedeutet dies, dass sich die Zahl der Anträge in Thüringen schlagartig verdoppelte. Nicht verdoppelt hat sich jedoch die Anzahl der Sachbearbeiter:innen beim Studierendenwerk, weshalb sich die durchschnittliche Bearbeitungszeit der Bafög-Anträge seit dem Umzug von ca. drei Monaten auf sechs Monate verlängert hat. Ein weiteres Problem sei auch, dass die Anträge der IU-Studierenden deutlich komplexer seien.
Dass die Hochschule nach Thüringen zieht und potenziell tausende Bafög-Anträge mitbringt, war 2019 aber keine Überraschung für das Studierendenwerk, man hätte sich also auf die bevorstehende Herausforderung vorbereiten können.
Die gute Nachricht: Mittlerweile scheint es in dem Thema Fortschritte zu geben. Das Studierendenwerk hat in den letzten Jahren kontinuierlich seine Vollzeitstellen im Amt für Ausbildungsförderung ausgebaut. Seit Januar ist außerdem ein externer Dienstleister im Einsatz, der helfen soll, den Rückstau an Anträgen abzuarbeiten. Das Studierendenwerk und die Landesregierung versprechen, weitere Maßnahmen zu ergreifen, um die eingetretene Situation nachhaltig im Interesse der leistungsberechtigten Studierenden zu verbessern, so der Pressesprecher des Bildungsministeriums.
Am Ende bleibt…
…eine Hochschule, die Wirtschaftlichkeit konsequent in den Fokus stellt. Mit Erfolg für den eigenen Umsatz, aber zum Nachteil vieler Studierende, die sich mit einer überforderten Verwaltung oder gar spontan abgesagten Studiengängen und Standorten abfinden müssen.
Dieser Text erschien in der Ausgabe 455, Januar 2026.

