Angst vor Betreuern und Diskriminierung prägen die Arbeitsbedingungen der Promovierenden an der Uni. Das zeigt eine neue Befragung des Dr. FSU. Wir sprechen mit den Autoren über das, was schief läuft und was sich ändern muss.
ein Interview von Dario Holz
Foto von Dario Holz
Wer seid ihr? Was ist der Dr. FSU?
Elias: Wir sind die gewählte Interessenvertretung der Promovierenden an der Uni, also quasi wie der Stura für Doktorand:innen. Wir sitzen hier an der Uni in verschiedenen Gremien, treten aber auch gegenüber dem Land oder Bund für die Interessen der Promovierenden ein. Darüber hinaus sind wir aber auch Anlaufstelle bei jeglichen Problemen und organisieren Veranstaltungen.
Jannis: Promovierende haben an Hochschulen eine viel kleinere Lobby als Studierende. Dass es überhaupt einen Promovierendenrat gibt, ist schon keine Selbstverständlichkeit. Darüber hinaus ist das Interesse an dieser großen Gruppe ziemlich gering.
Ihr habt über Jahre hinweg eine Studie durchgeführt, die die Promotionsbedingungen an der FSU untersucht. Warum war das notwendig?
Elias: Viele Promovierende kommen mit ihren Problemen zu uns, oft sitzen wir dann auch als Mediator in Gesprächen mit ihren Vorgesetzten. Dabei geht es häufig um ähnliche Themen. Wir haben uns gefragt, ob es systematische Probleme während der Promotion an der Uni gibt und haben dazu eine Umfrage erarbeitet. Alle Fragen basieren auf realen Beratungsfällen, die wir in der Vergangenheit betreut haben. Wir wollten einen Überblick schaffen, wie der Status Quo an der FSU ist.
Warum führen ein paar Doktorand:innen über Jahre eine Befragung in ihrer Freizeit durch und nicht das Uni-Präsidium selbst? Haben die kein Interesse an den Arbeitsbedingungen ihrer Promovierenden?
Elias: Ich glaube, die Uni macht es sich gerne leicht: Wenn wir in der Vergangenheit Probleme kommuniziert haben, hieß es oft, dass dies Einzelfälle seien. Wir sagen aber, das System Uni schafft eine Landschaft, die viele Probleme begünstigt. Wir hatten, anders als die Uni, den Mut, diese Probleme klar zu benennen. Hier geht es um ernste Sachen wie Diskriminierung und Machtmissbrauch.
Jannis: Man kann das auch positiv formulieren. Wir haben das gemacht, weil das einen viel höheren Grad an Legitimität mitbringt. Ich glaube, viele Promovierende machen viel lieber bei so einer Befragung mit, wenn sie von den Promovierenden selbst kommt und sie sich keine Sorgen machen müssen, was mit ihren Antworten passiert.
Kommen wir zu den Ergebnissen der Studie. Besonders spannend fand ich, dass so viele Promovierende Angst vor ihrem Betreuer haben. Viele empfinden Schuldgefühle, wenn sie sich krank melden müssen, Urlaub nehmen oder auch nur von Fehlern oder Problemen bei ihrer Arbeit berichten. Was macht das mit einer Promotion, wenn man den Betreuer nicht als Unterstützer, sondern als einschüchternden Boss wahrnimmt?
Elias: Das ist natürlich eine sehr individuelle Frage, aber Angst ist der Punkt – das beginnt schon in der Kommunikation mit dem Betreuer. Das erzeugt extremen psychischen Druck und Stress – jede:r dritte Promovierende nimmt im Laufe der Promotion psychologische Hilfe in Anspruch. Abseits der persönlichen Ebene führt die Angst, mit meinem Betreuer zu reden und über Fehler zu sprechen, oder auch nur Ergebnisse zu kommunizieren, die nicht der Erwartung des Betreuers entsprechen, dazu, dass die Wissenschaftlichkeit extrem leidet. Das erhöht das Risiko, Daten zu manipulieren oder gewisse Erkenntnisse absichtlich auszulassen.
Warum verspüren so viele Promovierende diese Angst vor ihrem Betreuer?
Elias: Grund dafür ist das starke Machtgefälle. Für den Promovierenden steht immer die gesamte Karriere auf dem Spiel, für den Prof steht hingegen nichts auf dem Spiel. Dass es überhaupt Konsequenzen für Fehlverhalten gibt, ist selten. Dadurch trauen sich Promovierende erst gar nicht, Probleme anzusprechen.
Jannis: Viele verspüren auch eine gewisse Loyalität und Dankbarkeit gegenüber dem Professor. Universität ist Bestenauslese und viele, die es so weit geschafft haben, möchten sich ihre Chancen dann nicht verbauen.
Elias: Diese Bestenauslese sorgt auch für Beifang. Wir selektieren bei Professoren auch irgendwie nach Egoismus und narzisstischen Persönlichkeitszügen. Da fehlt es oft an emotionaler Intelligenz und Soft Skills. Das verstärkt dieses Machtgefälle auch weiter.
Das Machtgefälle begünstigt auch diverse Formen von Diskriminierung. Eure Befragung kommt zu dem Ergebnis, jeder Dritter erlebt einen Diskriminierungsfall im Laufe der Promotion – besonders oft aufgrund von Herkunft und Geschlecht.
Elias: Wir haben herausgefunden, dass die Gründe für die Diskriminierung je nach Bereich sehr unterschiedlich sind. Hierarchisch Höhergestellte diskriminieren meistens aufgrund des Geschlechts, die Verwaltung eher aufgrund von Herkunft. Da geht es auch um Sachen wie Mehrsprachigkeit, aber auch Hautfarbe.
Jannis: Auf der Ebene der Gleichgestellten, also unter Wissenschaftlern selbst, findet Diskriminierung besonders aufgrund sozialer Herkunft statt. Das hat uns sehr überrascht, wie klar diese Zusammenhänge zwischen Diskriminierungsmerkmalen und Verursachenden sind.
An der Uni gibt es für solche Fälle klare Compliance-Regeln und -Strukturen. Warum tritt Diskriminierung trotzdem so häufig auf? Sind die bestehenden Strukturen nicht ausreichend?
Elias: Das Problem ist, ganz viele dieser Strukturen sind Papiertiger, die tatsächlich nur wenig verändern können. Die Uni unterschreibt irgendwelche Richtlinien, die dann nicht angewendet werden. Auf der anderen Seite gibt es Hilfsangebote und Anlaufstellen, die zum Großteil vollkommen unbekannt sind. Außerdem sind es so viele Stellen, dass man gar nicht weiß, wer für was verantwortlich ist. Viele Promovierende kommen zu uns, nur um zu fragen, wo sie eigentlich hin müssen.
Ihr fordert daher eine Schiedsstelle an der Uni, sowie eine externe Ombudsstelle.
Elias: Genau, denn es braucht Sanktionsmaßnahmen gegen Betreuende, die sich fehlverhalten. Dafür braucht es unabhängige Gremien, die sich mit diesen Themen befassen und Entscheidungen treffen, die möglichst neutral sind.
Die Idee der externen Ombudsstelle ist einfach, dass Jena eine sehr kleine Stadt ist, die Leute kennen sich. Da ist es schwer, mit jemandem vertraulich zu sprechen, der vielleicht den Beschuldigten persönlich kennt.
Jannis: Es gab auch Fälle, wo jemand mit der Ombudsperson Probleme hatte. Sowas verhindert man, wenn diese aus einer anderen Stadt kommt und man sich sonst nicht über den Weg läuft.
Darüber hinaus habt ihr noch zahlreiche weitere Forderungen an die Uni gestellt. Was sind die drei wichtigsten?
Jannis: Ich glaube, eine Zweitbetreuung ist mit am wichtigsten. Die meisten Promovierenden haben nur einen Betreuer.; Hier eine zweite Person hinzuzuziehen, dämpft dieses Machtgefälle ein bisschen ab, außerdem hätte man so noch eine zweite wissenschaftliche Perspektive für die eigene Arbeit. Das ist eine Forderung, die man einfach umsetzen könnte.
Elias: Punkt Zwei sind für mich verpflichtende Schulungen zur Personalführung. Ich weiß, für Professoren ist das ein sehr sensibler Punkt. Da muss man klein anfangen, vielleicht reicht auch erstmal ein 20-minütiger Moodlekurs. Professoren bekommen diesen Titel nicht, weil sie gut mit Untergebenen umgehen können, deshalb müssen sie das irgendwie lernen.
Jannis: Schließlich ist Selbstkontrolle wichtig. Die Uni ist gut aufgestellt, wenn es um Richtlinien und Leitfäden geht, aber man muss sie auch umsetzen. Auch so eine Befragung, wie wir sie durchgeführt haben, müsste regelmäßig stattfinden.
Was sind die nächsten Schritte?
Elias: Unser erklärtes Ziel als Promovierendenrat ist es, dieses Thema immer wieder auf die Agenda zu setzen und dafür zu kämpfen, dass unsere Maßnahmen umgesetzt werden. Uns ist klar, dass das nicht sofort passiert, viele Forderungen sind auch Maximalforderungen. Wir haben unsere Ergebnisse in den Fakultätsräten vorgestellt, da war natürlich niemand richtig begeistert. Aber wir haben schon wahrgenommen, dass man konstruktiv mit uns an den Problemen arbeiten möchte.
Jannis: Das ist auf jeden Fall schon ein großer Erfolg. Noch nie hat man an der FSU so viel über Promovierende gesprochen wie gerade.
Vielen Dank.
Dieser Text erschien in der Ausgabe 455, Januar 2025

