Wissenschaft ist auch nur Arbeit

Ein bundesweiter Tarifstreit erreicht die Uni Jena. Im Fokus stehen prekäre Arbeitsbedingungen, Unterfinanzierung und ein System im Dauerstress.

Text von Vivien Brenk und Lorenz Neumann
Foto von Baumi

Ernst-Abbe-Platz, 14. Januar, fünf vor zwölf. Eine kleine Bühne, Songs von Kraftklub, wütende Trillerpfeifen. Schneematsch knirscht unter den Schuhen. Die Warnwesten von TVStud leuchten pink. Jemand beißt genüsslich in seine Brezel und hält mit der anderen Hand ein Schild, auf dem steht: „Ich kann gar nicht so schlecht arbeiten, wie wir bezahlt werden”.
Der Protest wirkt routiniert. Die Wut ist es nicht.
Mehrere hundert Beschäftigte des Universitätsklinikums, der Friedrich-Schiller-Universität, der Ernst-Abbe-Hochschule und des Studierendenwerks Thüringen sind an diesem Vormittag dem Streikaufruf der Gewerkschaft Verdi gefolgt. Es ist die Antwort auf den bislang ergebnislosen Verlauf der aktuellen Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst der Länder.  

Betroffen von den Verhandlungen sind mehr als 2,2 Millionen Beschäftigte bundesweit –  darunter auch jene an Hochschulen und Universitätskliniken. Ziel der Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und den Bundesländern ist ein neuer Tarifvertrag (genannt TV-L). Tarifverträge regeln Arbeitsbedingungen kollektiv, anstatt nur zwischen einzelnen Beschäftigten und ihrem Arbeitgeber. Sie können über gesetzliche Mindeststandards hinausgehen und schaffen verbindliche, einklagbare Rechte für Beschäftigte. Zentrale Forderungen sind sieben Prozent mehr Lohn und ein eigener Tarifvertrag für alle studentischen Beschäftigten (genannt TVStud).

Zwei von drei Verhandlungsrunden sind vorbei. Ein Angebot der Arbeitgeberseite gibt es bislang nicht. Viele Beschäftigte haben davon genug. „Ich halte es für richtig scheiße, dass immer noch kein Angebot für studentische Beschäftigte vorgelegt wurde”, sagt Ruth, Hiwi in der Soziologie. Sie engagiert sich schon länger in der TVStud-Bewegung. 
Auf die dritte Verhandlungsrunde blickt sie nervös. Die bisherigen Verhandlungen hätten ihr gezeigt, dass das Erreichen eines studentischen Tarifvertrags ein harter Kampf werde. Umso wichtiger sei der Druck von unten. „Uns muss klar sein: Genau diese Anstrengung braucht es, um stark genug zu werden, den Tarifvertrag zu erkämpfen.” Vor der dritten Runde im Februar verdichten sich deshalb die Proteste, auch an den Hochschulen. 

Erfahrung zahlt keine Miete  

Weil die Bundesländer nicht nur als Arbeitgeber, sondern auch als Gesetzgeber für die Hochschulen verantwortlich sind, wird die Tarifrunde zum Brennglas für größere Probleme im Hochschulsystem. 
Ein Beispiel dafür ist die aktuelle Hochschulfinanzierung Thüringens: Im Vergleich zu den Vorjahren fallen die Budgetsteigerungen für die Hochschulen 2026 und 2027 deutlich geringer aus, trotz höherer Kosten. Bereits spürbare Folgen sind steigende Semesterbeiträge und Kürzungen im Lehrpersonal. 
Für viele Beschäftigte verschärft diese Finanzpolitik ohnehin prekäre Arbeitsbedingungen. Besonders sichtbar wird dies in der Praxis befristeter Beschäftigungen, die an Hochschulen seit Jahren zum Alltag gehören. 

Ruth berichtet von einer befreundeten studentischen Beschäftigten, die in knapp vier Jahren fünfzehn befristete Verträge hatte. Das oft vorgehaltene Argument, solche Jobs seien ein lehrreicher Einstieg in die wissenschaftliche Karriere, weshalb man nicht nur aufs Geld schauen sollte, empfindet sie als zu kurz gedacht: „Von Erfahrung kann man keine Miete bezahlen. Und die Wissenschaft soll nicht länger eine Branche sein, in der nur Personen arbeiten, die es sich leisten können”.
Unter den aktuellen Bedingungen sei der Job als studentische:r Beschäftigte:r ein Einstieg in die prekäre Zukunft in der Wissenschaft. „Man bereitet uns vor auf Jahre mit unsicheren Beschäftigungsverhältnissen, unbezahlter Mehrarbeit und totaler Entgrenzung der Arbeitszeit. Aber Wissenschaft ist auch nur Arbeit und hat sich an Gesetze zu halten.” 
Das System ist auf Zeit gebaut und diese Logik endet nicht mit dem Studium. Wer darin bleibt, bleibt befristet.
„Um eine Promotion abzuschließen, werden durchschnittlich zwei bis drei Verträge benötigt”, erzählt Josef. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FSU und aktiv in der Verdi-Betriebsgruppe. Besonders belastend sei, dass man oft erst kurz vor Vertragsende erfahre, wie es weitergehe.

“Das ist keine Liebe zur Wissenschaft, sondern unbezahlte Arbeit und Gesetzesmissachtung”

Auch nach der Promotion setze sich dieses Hangeln von Vertrag zu Vertrag fort. Da es neben Professuren kaum unbefristete Stellen gebe, seien viele hochqualifizierte Forscher:innen gezwungen, die Wissenschaft zu verlassen. 
Hinzu komme Arbeit jenseits des befristeten Vertrags: nicht vereinbarte Aufgaben in der Lehre, unbezahlte Überstunden oder die Mitarbeit an Projekten oder Anträgen ohne Anstellung. „Das passiert oft nicht freiwillig”, sagt Josef. Vielmehr entstehe ein Druck durch persönliche Abhängigkeiten gegenüber den Professor:innen. „Diese entscheiden oft über den Fortgang der Karriere.”

So könne es nicht weitergehen, sagt Josef, deshalb müsse man protestieren. Hochschulen hätten den gesellschaftlichen Auftrag, Studierende gut auszubilden und Wissen zum Wohle der Allgemeinheit zu erarbeiten. „Diese Aufgaben sind durch Unterfinanzierung und prekäre Arbeitsbedingungen massiv bedroht.” 
Auch er ist frustriert über den Verlauf der aktuellen Verhandlungen: „Es werden die üblichen Argumente der leeren Kassen vorgebracht, um die berechtigten Forderungen der Beschäftigten abzulehnen. Es ist eine Ohrfeige für alle engagierten Mitarbeiter im öffentlichen Dienst”.  

Betroffen sind alle 

Warum sollte das Studierende interessieren, die nicht an der Uni angestellt sind und keine akademische Karriere planen? Ruth sagt dazu: „Ihr studiert alle an einer Uni, verbringt dort viele Stunden eurer Lebenszeit”. Die Bedingungen, unter denen Beschäftigte an der Uni arbeiten müssen, stellen die Umstände dar, unter denen wir studieren. Am offensichtlichsten ist das in Bezug auf die Lehre: „Sie findet viel zu oft in unbezahlter Mehrarbeit statt und in Kombi mit dem Willen, gute Lehre zu machen, zermürbt das eure Dozierenden”. Das gleiche gilt für Tutor:innen oder Hilfskräfte, die Hintergrundarbeit für Seminare leisten. Auch Josef weist darauf hin, dass Lehre aufgrund von Publikationsdruck und Drittmittelwettbewerb zu kurz komme. 

Doch an Hochschulen arbeiten nicht nur Wissenschaftler:innen. Sondern auch die Menschen, die das Mittagessen kochen und den Betrieb in Verwaltung, IT und Bibliotheken am Laufen halten. Auch sie fallen unter den TV-L. Müssen sie unter schlechten Bedingungen arbeiten, wirkt sich das direkt auf den Studienalltag aus. Zu wenige oder überarbeitete Beschäftige führen in der Bibliothek zu kürzeren Öffnungszeiten, in der IT zu langsamerer Hilfe bei technischen Problemen.
Die Auszahlung von Bafög wird ebenfalls von den Verhandlungen tangiert. Das Studierendenwerk Thüringen bearbeitet die Anträge und die Beschäftigten dort fallen unter den TV-L. Es gibt einen hohen Bearbeitungsrückstand bei den Anträgen, obwohl viele Empfänger:innen auf diese Leistung angewiesen sind, um überhaupt studieren zu können. Personalmangel sowie Arbeitsbelastung spielen dabei nach Angaben des Studierendenwerks eine große Rolle. 

“Es ist eine Ohrfeige für alle engagierten Mitarbeiter.”

Wenn das Land bei Löhnen spart, ist das eine Aussage darüber, welchen Stellenwert Bildung hat. Was können wir dagegen tun? Ruth antwortet uns auf diese Frage: „Sprecht mit euren Kolleg:innen, mit euren Freund:innen, mit jedem:jeder, von dem ihr wisst, dass sie an der Uni arbeiten oder studieren! Bringt sie mit zu Demos”. Dass Studierende sich an dem Protest beteiligen, ist insbesondere deshalb wichtig, weil das Streiken für wissenschaftliche Mitarbeiter:innen oft nicht so einfach sei. „Es steht kein Fließband still”, erklärt Josef, „Man behindert sich eher selbst, da die Deadlines bleiben oder man den Studierenden nicht durch Lehrausfall schaden möchte”. Bildung und öffentliche Infrastruktur werden in den Haushalten zunehmend vernachlässigt. Dabei sind die Ausgaben für Bildung in Deutschland, gemessen am BIP, bereits jetzt unter dem EU-Durchschnitt. Der Einsatz für TV-L und TVStud sind Teil eines größeren Kampfes, der uns alle angeht. 

Dieser Text erschien in der Ausgabe Nr. 455, Januar 2026


Fotos vom Hochschulaktionstag am 28.01. gibt es hier.

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