Streit: Richtung

Ganz Deutschland diskutiert am Thema vorbei. Ganz Deutschland? Nein! Ein von unbeugsamen Autor:innen bevölkerte Redaktion hört nicht auf, herrschenden Diskursnarrativen Widerstand zu leisten und spricht über das, was wirklich wichtig ist: Die Richtung!

Text von Markus Manz (Pro) und Ulrike Reimer (Contra)
Foto von Dario Holz

PRO

Eine Richtung zu haben ist nicht nur alternativlos, sondern sehr gut! Anarchistische Traumtänzer:innen palavern von der richtungslosen Welt und stecken dabei gerne alles in Brand, was Orientierung verspricht: Straßenschilder, die Google Maps Zentrale, unvorbereitete Tourguides. So deep ist das aber alles gar nicht. Wer gewillt ist, auch mal ein Buch aufzuschlagen, kann wissen, dass am Rande jedes rechten Weges nur Kannibalinnen in Knusperhäuschen und ausgesetzte, weil (sicher) ziemlich nervige, Kinder hausen. Auch die ein oder andere Großmutter soll dort schon von Wölfen gefressen worden sein. “Richtung kommt von Richtig” sagte schon Simone de Beauvoir und sie war immerhin an der Sorbonne! Zudem soll einer ihrer polyromantischen Boyfriends etwas sehr Weises über die Vorzüge der Richtung gesagt haben. Aber ich kann mir seinen Namen leider genauso schlecht merken, wie das, was der Mann geschrieben hat.

Neben den vielen Promis unter ihren Anhänger:innen, lässt sich die Überlegenheit der Richtung auch philosophisch grundlegen. Die Unmöglichkeit, den Menschen ohne sie zu denken, weist sie als anthropologische Konstante aus. Und wenn wir ehrlich sind: auch als eine Moralische. Welches andere Orientierungsangebot kann das denn noch von sich behaupten? Menschen mit Richtung sind auch nachweislich attraktiver, weil jede Richtung für sich selbst schon eine absolute Greenflag ist. Oben: Himmlisch! Unten: Deep! Links: Progressiv! Rechts: … ich kenne eine paar Rechtshänder:innen, die ganz nett sind. 

In Zeiten großer gesellschaftlicher Verunsicherungen gibt uns die Richtung Halt. Polarisieren wirkt exaltiert und schick, aber insgeheim denken wir doch alle dankbar, dass es die Richtung am Ende schon richten wird. Deshalb sage ich: Deine Richtung kann falsch sein, aber niemals die Richtung! Ich tendiere, also bin ich!

Contra

Seit Jahrhunderten wollen uns alte weiße Männer eine Richtung vorgeben. Eine Religion, einen Lifestyle, eine Sexualität. Aber nichts da! Ganz in Tradition antiautoritärer Bewegungen wehren wir uns gegen die autoritäre Richtung! Wir machen unser eigenes Ding! Ganz wie Udo Lindenberg uns mit seinem Film sagen möchte. Also machen wir das! Wir leben unser Leben aus, unsere Sexualität und unsere Politik – ohne Angst vor Verlusten. In unserem Frust reißen wir alles nieder! Den Nüschl in Chemnitz – nieder mit den sexistischen Vordenkern, die ihre Frauen ausgebeutet und in die Versenkung gedrängt haben. Doch von irgendwo kommt eine innere Stimme, ein Zweifel. Wie wissen wir denn, was wir machen sollen und wie es geht? Was passiert, wenn die Richtungslosigkeit uns ins Nichts treibt und wir im Planlosen unseres Lebens festhängen.

An dieser Stelle wär’ gewiss ein Lob in Richtung unserer Eltern angebracht… Aufwachsen unter der Repression des Elternhauses zwingt einen in ein Mindset, welches dem der eigenen Erziehungsberechtigten ähneln sollte. Doch unverhofft kommt oft: so auch die Neuorientierung der eigenen Kinder. Neben Rebellieren kommt häufig auch der Richtungswechsel. Hauptsache dagegen, eben ohne eine Richtung. Dem Elternhaus entkommen, drückt der Staat einem nochmal richtig eins rein – erneut eine Richtung, die es zu befolgen gilt. Spätestens bei der Frage Leben oder Tod, Geld oder kein Geld muss man sich entscheiden: oftmals fürs Studium. Wenn es einen dann ausgerechnet noch in die Sozialwissenschaft treibt, kriegt man von vorgegebenen Richtungen nie mehr seine Ruhe. Mit Fragen nach der Resonanz, die seine Wenigkeit ‘Gottheit der Soziologie’ stellt, sollte jeder:m klar sein: Das einzige, was zählt, ist ein Dagegen. Gegen die klare Richtung im Leben! Wellen und Kreise sind eh’ viel schöner.

Dieser Text erschien in der Ausgabe Nr. 454, Dezember 2025


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