Eine Frage, die Generationen von Literaturwissenschaftler:innen beschäftigt hat: Was sollte man in welchem Semester gelesen haben? Die Akrützel-Redaktion empfiehlt Bücher für jede Lebenslage.
1. Semester: Geschichte vom alten Kind
Neben verwirrenden Einführungsveranstaltungen und Erstie-Parties reicht die Zeit nur für dieses kurze Buch. Wie dessen Autorin wagst du ein Debüt und fühlst dich dabei manchmal formlos und verloren. Geeignet für alle, die weder alt noch ein Kind sind und eine Parabel zu schätzen wissen. Auch, wenn sie nicht Mathe studieren.
2. Semester: Phaidon
Nach dem ersten Semester wird dir klar, dass es in jedem Studiengang mindestens einen pseudo-intellektuellen Ersti gibt, dessen philosophische Weisheiten dich nachts wachhalten. Auch du könntest die ein oder andere altrömische Weisheit vertragen. Mit dem Phaidon bist du für den nächsten WG-Deep-Talk gewappnet.
3. Semester: Untenrum frei
Angekommen im akademischen Betrieb voller alten weißen Menners fragst du dich bezüglich verschiedener feministischer Themen: “Bin ich allein damit?” Die wenig überraschende Antwort “nein” beantwortet dir Stokowski ähnlich wie es deine Freund:innen würden – sehr direkt, aber mit viel Verständnis!
4. Semester: Der Fremde
Im vierten Semester merkst du, dass dir die Uni manchmal genauso egal ist wie Meursault, dem Protagonisten, das Leben. Vielleicht führt das zu einer existenziellen Krise – Antworten hast du aber noch keine. Vielleicht ist das auch egal. Gleichgültigkeit kann erstaunlich beruhigend sein.
5. Semester: Zeit zu leben und Zeit zu sterben
Nimm dir kurz vor der Bachelorarbeit einen Moment, um einem Frontsoldaten zwischen Schuld und Unschuld, seiner Liebe fernab vom Krieg zu folgen. Mit Fingerspitzengefühl verhandelt Remarque bedeutsame Fragen, ohne pseudo-philosophisch zu werden. Ein pazifistisches und antifaschistisches Manifest.
6. Semester: Iwein
Du stehst vor der Vollendung deines Studiums, jedenfalls wenn du es in Regelstudienzeit abschließt. Deine Heldenreise erlangt ihren Höhepunkt. Wie einst Ritter Iwein hast du Nervenzusammenbrüche und Identitätskrisen durchlitten, aber sie gemeistert.
7. Semester: Dicht: Aufzeichnung einer Tagediebin
Die wilden Jahre sind vorbei – Zeit, sie rückwirkend zu Kunst zu verarbeiten und einen Neustart an der Kunstuni zu wagen. Vielleicht in Wien?
8. Semester: Was man von hier aus sehen kann
Inzwischen hast du nur noch die schlimmsten Drittversuche übrig. Wenn du mal über etwas anderes weinen willst als dein Studium, probier es hiermit. Schöne Sätze fangen Tränen ohne Zweifel besser auf als Sachbücher.
9. Semester: Das achte Leben (für Brilka)
Auch im neunten Semester nimmt der Weltschmerz zu. Es wär doch schön, könnte man die Welt durch heiße Schokolade heilen? Stasias Familie hat dafür ein passendes Rezept. Am Stück kann man diesen Familienzyklus nicht lesen, das Leid ist unfassbar. Doch schlägt man wieder die Seiten auf. Schokolade und Trost machen süchtig.
10. Semester: Die neuen Leiden des jungen W.
Während deine Kommiliton:innen ihre Abschlussarbeiten einreichen und von dannen ziehen, hängst du noch an Hausarbeiten. Du wirst älter, und bist dir dessen bewusst, dabei fühlst du dich eigentlich noch genauso trotzig und unangepasst wie nach dem 3. Semester, verdammt du bist es! Der junge W. ist wie du, nur jünger, und tot.
11. Semester: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
Nach der neuen Rahmenprüfungsordnung bist du spätestens jetzt im Master. Es wird ernst. Profil schärfen, Leben planen, Entscheidungen treffen. Es wird Zeit, den Drogenexzessen und wilden Partys der Bachelorzeit Lebewohl zu sagen und sich dem wahren Leben zu widmen. Die Lektüre dieses Buches hilft dabei ziemlich gut.
12. Semester: Meine geniale Freundin
Im 12. Semester bist du geistig reif für den Marathon unter den Buchgenres: Den Gesellschaftsroman. Statt dich jetzt aber von “Klassikern” wie dem Zauberberg oder Ulysses irrlichtern zu lassen, kannst du mit Elena Ferrantes Biographie einer Frauenfreundschaft, auch eine richtig gute Genrevertreterin lesen.
13. Semester: 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär
Im 13. Semester hast du viele Leben hinter dich gebracht. Du hast geweint (mit Klabautergeistern/in der Bib), getratscht (mit den Tratschwellen/während der VL) und gelernt (in den Finsterbergen/kurz vor der Prüfung). Langsam fühlt es sich an, als wärst du in einem Dimensionsloch gefangen. Wirst du jemals hinauskommen?
14. Semester: Blutbuch
Transgenerationale Geheimnisse, Gender-Identität, Nature Writing. Ernste Themen, die zeitgenössisch, außergewöhlich und brutal verhandelt werden. Vielleicht ein guter Zeitpunkt für Ernstes im Leben, vor allem wenn es literarisch ansprechend verarbeitet ist und zum Nachdenken über Identität und Herkunft anregt.
15. Semester: Die geheime Geschichte
Wofür studierst du eigentlich noch? Du sehnst dich nach einer Existenz, in der es mehr Sein als Denken gibt. Was du jetzt brauchst, ist ein bacchantisches Ritual. Wie viel Skrupellosigkeit ist angebracht, um Ideale zu verwirklichen? Danach wirst du verstehen, dass du schon immer vor dem erschauert bist, was du schön findest.
16. Semester: Die Wand
Gegen ihren Willen hat die Erzählerin der Wand das Bildungsbürgertum hinter sich gelassen, um unter den Tieren zu leben. Ähnliches blüht vielleicht auch dir. Unsichtbare Widerstände, ein Selbstversorgerhof und das Ende der Menschheit machen diese Geschichte zur ultimativen Realitätsflucht für unfreiwillige Letztsemester.
17. Semester: Aus dem Leben eines Taugenichts
Du wurdest von der Maximalstudiendauer eingeholt und die Uni schmeißt dich raus. Wie man damit am besten umgeht, lernst du in diesem Buch – und wenn du nach der Lektüre lieber eine Festanstellung suchst, anstatt ziellos deine Wanderjahre zu genießen, dann hast du sowohl das Buch als auch das Leben nicht verstanden.
Ehrenvolle Erwähnungen:
Kassandra, Vom Ende der Einsamkeit, Das kleine Gespenst, Nichts tun: Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen, Das Recht auf Faulheit, Das Verschwinden des Philip S., Gewässer von Ziplock, Anna Karenina, Wenn sie wüsste, Rückkehr nach Reims, Anleitung ein anderer zu werden, Die linke Hand der Dunkelheit.
Dieser Text erschien in der Ausgabe Nr. 454, Dezember 2025


Auch auf die Gefahr hin, als pseudo-intellektueller Nicht-Ersti zu gelten: “Altrömische Weisheit” sollte man vielleicht in einem römischen Werk suchen, nicht im “Phaidon” des (Griechen) Platon.