Kopflos

Mit etwa 107.000 Einwohnern ist Jena formal eine Großstadt, von einem “Hauptbahnhof” fehlt allerdings jede Spur – Warum?

Jena ist weit davon entfernt, eine Metropole zu sein – doch als zweitgrößte Stadt Thüringens hat sie, anders als Erfurt oder Weimar, keine zentrale Bahnstation. Warum setzt die Stadt der Präzisionsoptik seit 150 Jahren auf eine so unscharfe Definition des Hauptbahnhofs? 

Beim Blick in die Vergangenheit zeichnet sich ein Bild, welches von ständigem “Erwägen, aber nicht umsetzen” geprägt ist. Bis ins 21. Jahrhundert standen immer wieder Projekte und Diskussionen rund um eine mögliche Zentralisierung im Raum. 1874 wurde der Saalbahnhof als erster Bahnhof in Jena eröffnet. Wenige Jahre später folgten Jena West, der Keilbahnhof Göschwitz, sowie Jena Paradies. Der Saalbahnhof entwickelte sich zum wichtigsten Bahnhof in Jena und wurde für Güter- und Personenverkehr genutzt, bevor er im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. 

Deshalb gab es Anfang 1950 Diskussionen darüber, ob Jena West und Paradies zwecks Zentralisierung durch einen Personentunnel verbunden werden sollten. Die Pläne wurden jedoch nicht weiter verfolgt. Schließlich wurde der Saalbahnhof in den 1960ern restauriert, doch nach der Wende sollte den Fernverkehr im Rahmen einer Reform vom Saalbahnhof nach Paradies verlagert werden.  Dies hatte damit zu tun, dass die Länge des Bahnsteigs am Saalbahnhof nicht für einen ICE-T ausreichte. Die Bildung eines “Hauptbahnhofs” war nicht Teil der Planung. Und obwohl aufgrund von Geldmangel bei der Deutschen Bahn die dauerhafte Anbindung sich bis 2005 verzögerte, aber letztendlich umgesetzt wurde, blieb es bei der Dezentralität.

Ein Hauptbahnhof in Burgau?

2019 wurde im Auftrag der Stadt Jena und dem Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft ein Gutachten erstellt, in dem zwei Szenarien gegenübergestellt wurden: Ein neuer Hauptbahnhof in Jena-Burgau oder der langfristige Ausbau vom Bahnhof Göschwitz. Das Gutachten kam zu einem klaren Ergebnis: Ein Neubau in Burgau würde Kosten in dreistelligem Millionenbereich verursachen und biete geringe Vorteile für die Stadtentwicklung. Auch würde der neue Standort lagebedingt keinen signifikanten Nutzungsanstieg nach sich ziehen. Stattdessen wurde empfohlen, das dezentrale System zu optimieren, mit Fokus auf Göschwitz als IC-Knoten für Ostthüringen.  

Oberbürgermeister Thomas Nitzsche betonte angesichts der Zeiss-Investitionen die Priorität für Jena West. Staatssekretär Klaus Sühl sprach von Chancen durch IC-Verdichtungen ab 2019 (Mitte-Deutschland-Verbindung) und 2023 (Saalbahn). Die Deutsche Bahn (DB) sicherte zu, Fernverkehrshalte in Paradies und Göschwitz sowie West und Göschwitz zu erhalten.

Ende April 2025 verabschiedete der Stadtrat den Rahmenplan für die Weiterentwicklung des Westbahnhofs als Mobilitätsverknüpfungspunkt – ein klares Signal für schrittweise Verbesserungen statt Neubau. Das ÖPNV-Konzept Jena 2030+ (2021) bestätigt den Erhalt des dezentralen Systems, mit gezielten Investitionen in Jena West und Göschwitz. Ein ergänzender Halt in Burgau bleibt bei städtebaulicher Entwicklung grundsätzlich denkbar, sollte aber klare Vorteile mit sich bringen.

Pläne der Stadt

Seit VDE 8 (2017) verlor Jena fast alle ICE-Anbindungen. Darunter Verbindungen zu Metropolen wie Berlin und Frankfurt. Fahrzeiten verlängerten sich, Preise stiegen, und es gab Berichte über mögliche Unternehmensabwanderungen. Ab 2026 drohen weitere Kürzungen bei den IC Linien. Beim Bahngipfel 2025 forderten Politik und Wirtschaft unter anderem den Erhalt der Linien. Voigt betonte: „Nicht die Nachfrage bestimmt das Angebot, sondern umgekehrt. Kritik gilt Verspätungen, Ausfällen und fehlender Sichtbarkeit in Apps. Die DB sicherte einen eingeschränkten Weiterbetrieb der IC 61 und eine Rückkehr der IC 51 nach der Teileketrifizierung der Mitte-Deutschland-Verbindung bis 2028. Trotz Zusagen der Deutschen Bahn bleibt die Lage prekär. 

Die Stadt setzt sich mit Anrainern und Land für attraktive Verbindungen ein – der Fernverkehr muss wirtschaftlich sein, da er nicht subventioniert wird, und liegt in der Hand der Deutschen Bahn. 

Die Stadt bewertet die dezentralen Bahnhöfe positiv für Pendler, Studierende und Unternehmen, da sie regionale Bedürfnisse besser abdecken – Göschwitz als Verknüpfungsknoten, West und Paradies zentral gelegen. Statt eines teuren Hauptbahnhofs fließen die Investitionen gezielt in die Bestandsinfrastruktur. Göschwitz soll modernisiert werden und im Westbahnhof-Umfeld bis 2030 ein neues Tor zur Stadt entstehen. 

Die Mittel sind besser investiert als in einen Neubau, der zusätzliche planerische Komplexität nach sich ziehen würde. Vielleicht brauchen Studierende und Pendler keine große Halle, sondern pünktliche Züge, die auch kommen. Und womöglich braucht Jena keinen Hauptbahnhof, sondern einfach nur eine bessere Deutsche Bahn?

Dieser Text erschien in der Ausgabe Nr. 452, November 2025


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